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Sichtbares Zeichen, dass sie nicht vergessen sind: Teilnehmer der Gedenkfeier für die Opfer von Surberg steckten am Sonntag Tafeln mit den Namen der Ermordeten in die Erde. (Foto: Wittenzellner)

Wichtiger Teil der Gedenkkultur im Landkreis: Viele Bürger erinnerten an die »Todesmarsch«-Opfer von Surberg

Surberg – Vor 77 Jahren, am 3. Mai 1945, fand wenige Kilometer von Traunstein entfernt und nur wenige Stunden vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Traunstein ein Massaker an über 60 KZ-Häftlingen eines sogenannten »Todesmarsches« statt – verübt von begleitenden SS-Männern, die anschließend flohen und nie entdeckt wurden.


Wurden in den ersten Jahren noch Gedenkfeiern abgehalten, so geriet das Geschehen bald in Vergessenheit. Erst seit 1985 finden auf Initiative des Traunsteiner Kreisverbands der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) – wieder Gedenkfeiern statt. In diesem Jahr kamen besonders viele Menschen, und so war der Kreis rund um den jüdischen Chanukkaleuchter und dem Holzkreuz mit gut 100 Anwesenden gefüllt, was einerseits als sichtbares Zeichen der Erinnerung an das Geschehene, aber auch als eine Absage an jede Form von Rassismus, Antisemitismus und Krieg gesehen werden kann.

Traunsteins zweite Bürgermeisterin, Walburga Mörtl-Körner zitierte den früheren Bundespräsidenten Johannes Rau: »Nur wer seine Vergangenheit kennt und annimmt, kann den Weg in eine gute Zukunft finden.« Die SS habe ein Lagersystem auf den Prinzipien des Rassenwahns, der Menschenverachtung, Gewalt und Intoleranz errichtet, in denen Menschen millionenfach interniert, gedemütigt, entwürdigt, entrechtet, gefoltert und ermordet wurden. »Es waren Orte des Terrors!«, verwies sie auf die Leiden, die auch die Menschen durchmachen mussten, die in dem Friedhof begraben sind. »Die Erinnerung muss lebendig gehalten werden«, betonte die zweite Bürgermeisterin. Auf den Krieg in der Ukraine blickend betonte sie, dass man den Tag auch zum Anlass nehmen wolle, um der Kriegsopfer in der Ukraine zu gedenken.

Friedbert Mühldorfer, Kreisvorsitzender des VVN-BdA betonte, dass die Gedenkfeiern in Surberg ein »wichtiger Teil der Gedenkkultur und des Erinnerns im ganzen Landkreis« seien. Das Geschehene diene als Mahnung für heute. Aktuell gebe es eine erschreckende Zunahme von Antisemitismus. Die russische Begründung der »Entnazifizierung« für den Überfall auf die Ukraine nannte er eine »Pervertierung der Geschichte«. Als Zeichen der Solidarität sammelte man bei der Gedenkfeier Spenden für Überlebende des Naziterrors in der Ukraine.

Dr. Eva Umlauf, die als kleines Kind zusammen mit ihrer Mutter aus einem »Arbeitslager für Juden« in der Slowakei ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert worden ist und erst nach langer Spurensuche die Geschichte ihrer Familie erfuhr, schilderte in ihrer Ansprache das entwürdigende Prozedere bei der Ankunft in dem Lager und der Tätowierung einer Nummer auf ihrem Unterarm. Sie schilderte den glücklichen Umstand, wie sie und ihre Mutter nur knapp dem Tod in der Gaskammer entronnen waren: »Wir haben überlebt, weil sich der Zug um zwei Tage verspätet hat.« Rückblickend auf ihren Umzug nach München 1967 sagte sie, dass es für sie erstaunlich gewesen sei, dass sie erst »im Land der Täter freies jüdisches Leben erlebt habe«. Leider müssten aber heute immer noch Synagogen von der Polizei geschützt werden. Sie hoffe, dass sich die Situation für jüdisches Leben und Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland nicht noch verschlechtere. Aus ihrem Buch »Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen« zitierend, sagte sie, sie wünsche sich, dass das Geschehene aus den unterschiedlichen Perspektiven verstanden und verarbeitet werde.

In Lesungen schilderten Pascaline Vormann und Michael Heigermoser nochmals in Gedichtform das Erlebte der Rednerin Dr. Eva Umlauf und lasen den Brief der 14-jährigen Schülerin Anastasia Linkert aus dem Kreis Ludwigsburg vor, die an den russischen Präsidenten Wladimir Putin »im Namen aller Kinder dieser Welt« geschrieben hatte. Samuel Bauer und Samuel Reiser umrahmten die Gedenkfeier musikalisch mit Gitarre und Gesang.

awi