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Widerständisches, Brilliantes, Belangloses

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Wütende, schroffe Widerstandslieder vor allem gegen die Politik Donald Trumps bot Marc Ribot (links). Der französische Saxofonist Daunik Lazro spielte energiegeladenen, leidenschaftlichen Jazz in Joe McPhees politisch ambitioniertem Quintett »A Pride of Lions«. (Fotos: Klinge)

Innovativ gab sich der Saalfeldener Wettergott wahrlich nicht – das hat beim alljährlichen Jazz-Stelldichein im Pinzgau eine lange Tradition. Punktgenau mit Beginn des Openers auf dem Stadtplatz mit der Band »Makoomba« aus Zimbabwe hatte sich die über Wochen sonnengedörrte Landschaft schlagartig in ein düsteres Regenloch verwandelt – Temperatursturz, Erdrutsche und Überschwemmungen inklusive. Ein böses Omen fürs ambitionierte Festival?


Wenigstens konsequent zynisch hatten sich dann die grauschwarzen Wolken erst kurz vor dem Finale auf der Hauptbühne gelichtet, um einige der nun mit Neuschnee überzuckerten Pinzgauer Felsriesen unwirklich im gleißenden Abendlicht aufblitzen zu lassen. Ein halluzinogener Effekt, der dann doch im Einklang mit »Artemisia« stand, dem programmatischen Titel des Cellisten Erik Friedlander, der mit seinem Quartett zyklisch eine Reise ins Innere eines Labyrinths zwischen Hochgefühl und Ausweglosigkeit beschrieb. Eine berauschend dichte, kammermusikalische Großtat mit Sogwirkung, klug die rundum lauernden Fallen der Kopflastigkeit umschiffend.

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Da durfte Wunderpianist Uri Caine schon mal überraschend euphorisch, gar souljazzig klingen. »Artemisia« geriet so zu einem der wenigen zauberhaften Glanzlichter der Traditionsveranstaltung in einem insgesamt enttäuschenden Jahrgang.

Steht der Name des gitarristischen Enfant Terrible Marc Ribot auf dem Programmfolder, scheinen Enttäuschungen praktisch ausgeschlossen – und auf ihn war Verlass: Seine Wut und sein Zorn nährte sich diesmal aus dem Unmut über die politische Lage unter seinem twitternden Präsidenten Donald Trump (»The world is on fire«). Schroffe Akkordblöcke, gepaart mit giftig ätzenden Vocals schraubten sich durch alte Partisanenlieder und adäquate eigene Songs. Ribot ließ sie implodieren, um ihnen im Reich der Melancholie Asyl zu gewähren. In »Fuck La Migra« goss Ribot Hohn und Spott über die bei Mexikanern so verhasste US-Grenzpolizei – unterlegt mit einem anstachelnden, ja tanzbaren Soundgebräu.

Auch eine ungebrochen vital aufspielende Jazzlegende, der 78-jährige Tenorsaxofonist Joe McPhee, setzte mit seinem Quintett mittels seiner sich aufbäumenden Klangskulpturen ein freejazziges Statement, eine musikalische Selbstbehauptung gegen Rassismus, Ausbeutung und politische Gleichgültigkeit – ausgehend von der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten.

Engagiertes soziales Bewusstsein ist auch ein zentrales Element der aus der Chicagoer AACM-Kooperative stammenden Flötistin Nicole Mitchell: Mit ihrem klanggewaltig pulsierenden Oktett spielte sie in »Mandorla Awakening II: Emerging Worlds« Varianten utopischer Auswege aus der Misere durch, in denen die Hoffnung über die Ausweglosigkeit siegt. Großartig: Die theatralisch völlig durchgeknallte, selbstironische Performance des derwischhaft herumtollenden Gospelsängers Avery R. Young.

Wegen eines programmatischen Ausfalls war Experimentalgitarrist Elliott Sharp kurzfristig für die Reihe »Short Cuts« eingesprungen. Mit dem Wiener Schlagzeuger Lukas König, bekannt vor allem mit seiner Band »Kompost 3«, entsponn sich ein einstündiges, extrem dichtes, vielschichtiges Klanggebilde mit jederzeit möglichen Richtungswechseln. Ein äußerst geglücktes Experiment, zumal die Musiker sich erst unmittelbar vorher kennengelernt hatten. Sharps eigentliches Hauptprojekt mit der Harfenistin/Chanteuse Hélène Breschand geriet dagegen wesentlich nur mehr zum schlaffen Aufguss des Beischlaf-Klassikers »Je t’aime … moin non plus« für Psychedelic-Freaks mit Vorliebe für düstere Labyrinthe.

Für die größte Enttäuschung sorgte indes der Klarinettist/Saxofonist Ulrich Drechsler. Dessen überambitioniertes Projekt »Liminal Zone« – ein mit 10 000 Euro dotiertes Auftragswerk – hinterließ einen durchgehend schalen Geschmack: Blutleer, gefällig und mit beliebig scheinenden Zutaten bestückt schien es schon länger am heimischen Reißbrett der Clubsounds herumgedümpelt zu haben.

Berauschender Szenenwechsel: Die brodelnde Londoner Musikszene brachte auch den auf Barbados aufgewachsenen Tenorsaxer Shabaka Hutchings hervor, bekannt vor allem mit der bahnbrechenden Combo »Sons of Kemet«. In Saalfelden traf Shabaka auf das derzeit wohl aufregendste junge österreichische Jazz-Septett »Shake Stew«. Das auffordernd Groove-betonte, vielstimmige Konglomerat beschränkte sich dabei nicht auf die gängigen Afrobeat-Stereotype. Improvisation folgt auch nicht einem Hochleistungssport-Ideal, eher dem Geist des narrativen Sounds, genährt aus der eigenen (afrikanischen) Mythologie, gelegentlich in minutenlangem hypnotischen Ein-Ton-Stakkato mündend. Eine fruchtbare, ausbaufähige Liaison!

Unterm Strich blieb das 39. Internationale Jazzfestival ein flauer Jahrgang mit nur wenigen, allerdings kongenial aufblitzenden Darbietungen. Für das anstehende 40. Jubiläum sollte der beliebig anmutende Ethno-Pop-Stilmix auf dem Stadtplatz wieder einer hochkarätigeren Programmierung weichen: Erfolgreich gastierten dort bereits Wolfgang Puschnig mit seinen »Alpine Aspects«, die Avantgarde-Künstlerin Erika Stucky sowie die New Yorker Roots-Combo »Hazmat Modine«.

Und eine echte Neuschöpfung der Festival-Maskottchen, die eventuell auch mal mit Jazz assoziierbar sind, würde das Image glaubhaft aufpolieren. Den totkopierten Plastik-»Klangwesen« des visuellen Erscheinungsbilds war eh längst die Luft ausgegangen. Glücklicherweise nicht so dem kabarettistisch-halsbrecherischen Kamikaze-Flug »Kuhn Fu« rund um den Gitarristen Christian Kühn –- bitte zukünftig mehr von solch respektlos erfrischender Selbsthinterfragung! Norbert Klinge