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Wie ein Film zum Streit zwischen den USA und Nordkorea führt

Los Angeles/Washington (dpa) - Die Auseinandersetzung um die Filmsatire «The Interview» mit der fiktiven Ermordung des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un ist selbst zum Thriller geworden.

Im Fokus: «The Interview»
Im Fokus: Die Absetzung der Filmsatire «The Interview» hat zu scharfer Kritik geführt. Die USA beschuldigen Nordkorea, für einen Hackerangriff gegen das Filmstudio Sony verantwortlich zu sein. Foto: Justin Lane Foto: dpa

Was als enormer Hackerangriff auf das Filmstudio Sony Pictures begann, führt nun zu immer größeren politischen Spannungen zwischen Washington und Pjöngjang. Das kommunistische Regime sei «zu einer Konfrontation mit den USA in allen Kriegsbereichen einschließlich des Cyber-Kriegsraums bereit», hieß es am Sonntag aus Pjönjang.

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Die USA wollen sicher herausgefunden haben, dass Nordkorea hinter dem Hackerangriff steckt. Außenminister John Kerry sprach von einer bislang einmaligen und provozierenden Attacke. Präsident Barack Obama kündigte Konsequenzen an. Dafür haben die USA laut Medienberichten inzwischen auch China um Hilfe gebeten. Demnach laufe praktisch die gesamte Telekommunikation Nordkoreas über von China betriebene Netzwerke. Nordkorea hingegen wies die Anschuldigungen vehement zurück, warf den USA Verleumdung vor und forderte zunächst eine gemeinsame Untersuchung.

PARALLELEN ZUM FILM: Die Situation erinnert in Teilen an den Inhalt eben des Films, der Anlass für den ganzen Ärger ist. Schließlich bedroht in «The Interview» Kim Jong Un die Welt mit seinen Atomraketen. Er fühlt sich nicht ernst genommen und will sich so Respekt verschaffen. Als die zwei Fernseh-Journalisten (James Franco und Seth Rogen) ein Interview mit ihm bekommen, bittet der US-Geheimdienst CIA sie, Kim bei der Gelegenheit umzubringen. Das Attentat soll allerdings nicht in die USA zurückzuführen sein, man will die Spannungen nicht verschärfen, heißt es im Film. Deswegen ist der Plan zunächst, Kim mit einem langsam wirkenden Gift zu ermorden. Dabei läuft allerdings einiges schief, und das tödliche Finale endet in Riesenexplosionen.

INTERNET ALS TATORT: Anders als im Film spielt sich bei der realen Eskalation bislang viel im Internet ab. Vor einigen Wochen drangen Cyber-Kriminelle in großem Stil in die Netzwerke von Sony Pictures ein und stahlen enorme Datenmengen, darunter pikante E-Mails und die Kopien großer Kino-Blockbuster wie «Herz aus Stahl» mit Brad Pitt. Zahlreiche Daten wurden veröffentlicht. Schließlich drohten die Angreifer mit Terror-Anschlägen, sollte «The Interview» wie geplant zum US-Start am 25. Dezember in die Kinos kommen.

Nun will das FBI bei seiner Untersuchung Spuren im Netz gefunden haben, die nach Nordkorea führen. So habe man bei der Analyse der verwendeten Angriffssoftware Verbindungen zu anderen Schadprogrammen festgestellt, die kürzlich in Nordkorea entwickelt worden seien, erklärte das FBI. Außerdem gebe es Parallelen zu einem von Nordkorea im März vergangenen Jahres ausgeführten Webangriff gegen südkoreanische Banken und Medien. Wohin oder gar zu wem genau diese Spuren führen sollen, blieb allerdings unklar.

Unterdessen haben sich die Angreifer offenbar erneut an die Medien gewendet. Wie der «Hollywood Reporter» berichtet, hätten die «Guardians of Peace» (Wächter der Freiheit), die sich zu der Attacke bekannt hatte, eine E-Mail an Journalisten geschickt. Darin sei ein Link zu einem Youtube-Video, in dem die Gruppe die Ermittler des FBI verballhornt und sie als «Idioten» betitelt.

FIASKO FÜR SONY: Für Sony ist der Fall desaströs. Als viele Kinobetreiber nach Drohungen den Film nicht zeigen wollten, stoppte der Konzern, dem schon 2011 Daten von Millionen Playstation-Usern gehackt worden waren, den Kinostart von «The Interview». Dieser Schritt wird jedoch von vielen Menschen als Einknicken gewertet - ein enormer Imageverlust. Vor allem in Sozialen Netzwerken lassen sich User über das ihrer Ansicht nach vorschnelle Nachgeben aus und verhöhnen Sonys Entscheider teilweise als «Weicheier». Auch Obama sagte: «Wir können nicht in einer Gesellschaft leben, in der irgendein Diktator irgendwo anfängt, in den USA Zensur auszuüben.»

Hinzu kommen riesige finanzielle Verluste für Sony. Denn neben den Filmproduktionskosten, die bei 44 Millionen Dollar gelegen haben sollen, hatte das Unternehmen kurz vor dem Kinostart bereits eine große Werbekampagne zum Film in Gang gesetzt. In diese sollen Medienberichten zufolge weitere 30 Millionen Dollar geflossen sein.

Zudem ziehen nun auch ehemalige Mitarbeiter von Sony Pictures gegen das Hollywood-Studio vor Gericht. In Sammelklagen werfen sie dem Unternehmen vor, trotz Warnzeichen und bereits erfolgten massiven Angriffen auf die Netzwerke des Unternehmens die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Die Angreifer hatten massenweise Daten von Mitarbeitern zu Sozialversicherung, Gesundheit und Gehältern gestohlen. Für aktuelle und ehemalige Mitarbeiter sei das ein «Alptraum», der mehr in einen Kinothriller als in das wirkliche Leben passe, zitiert der US-Sender CNN aus der Klage.

Statement von Sony Pictures

FBI-Mitteilung

Bericht New York Times

Bericht Guardian

Bericht Variety

Bericht Hollywood Reporter