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»Wie ein rosa Äffchen«

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Erfolgreiche Uraufführung von »Mina« in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters: Vergessen fordert Opfer - für Mutter (Britta Bayer) und Tochter (Sabrina Amali). (Foto: Witzgall)

Der Blick in einen »weißen Tunnel«, der sich nach hinten verengt und in ein schwarzes Loch mündet, lässt erst einmal alles offen. Wie ein leeres Blatt ist das Bühnenbild (Ausstattung Sarah Sassen), das auf Gestaltung wartet.


Ganz hinten rekelt sich ein platinblonder Vamp – lasziv, sexy, in aufreizendem Outfit zu dröhnender Hardrock-Musik. Das Klischeedenken des Publikums, das in der Uraufführung von »Mina« in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters sitzt, kommt in Gang. Die Klischeefalle schnappt zu – erster Trugschluss. Kein platinblonder Vamp, auch keine animierende Tänzerin, keine Deutsche und auch keine Iranerin. Irgendwas dazwischen. Der Caster (Martin Trippensee), der die tänzerischen Qualitäten der jungen Frau herauskitzeln will, erkennt bald, was sie selbst peinlichst zu verbergen sucht und entlarvt sie als »Die persische Prinzessin«.

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»Ist man? Oder wird man, was man ist?«. Autorin und Regisseurin Sara Abbasi ist selbst im Iran geboren und in Deutschland aufgewachsen. Auch Hauptdarstellerin Sabrina Amali (Mina) ist als Schweizerin mit marokkanischen Wurzeln zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Beide »wissen« also, wovon sie »sprechen«, haben vermutlich ihre prägenden, vielleicht gar bitteren Erfahrungen gesammelt. Und beiden Frauen kauft man diese Frage, die dieses zutiefst beeindruckende Schauspiel aufwirft, ab.

Ist man nun mehr die eine oder doch mehr die andere Kultur – mehr wie Mutter oder doch mehr wie Vater? Dieses innere Dilemma einer kulturell zerrissenen, jungen Frau, die zwischen zwei Welten aufgewachsen ist und den daraus resultierenden Mutter-Tochter-Konflikt stellt das Stück unter ein Brennglas. Mina erzählt, legt ihre Gedanken und Erinnerungen an verletzende Kindheitserinnerungen dar: »Ich war wie ein rosa Äffchen«. Wieso die Mutter-Tochter-Beziehung – die beiden haben seit Jahren keinen Kontakt – so tiefschürfend zerrüttet ist, bleibt lange unklar.

Um den Schmerz zu überwinden, erklärt Mina, musste sie den Vater vergessen: »Vergessen fordert Opfer. Eines davon war die Leiche meiner Mutter«. Mina ist offenbar einerseits auf der Flucht (vor einer Vergangenheit, die sie nicht »fassen« kann), andererseits auf der Suche (nach sich selbst). Als schicke Berlinerin »inszeniert« sie sich mit Tattoos, Piercings, einem extravaganten Look und überschminkt ihr eigenes Ich, von dem sie nicht sicher weiß, wie es ist. Sie ist eben »anders«. Aber wie anders? Hinter ihrer selbst kreierten Maske scheint sie sich selbst zu verlieren, versucht zu vergessen, wer ihr Vater war und, dass er sie und ihre Mutter im Kleinkindalter verlassen hat.

In dem Moment, als ihre Mutter sie über den Tod des Vaters informiert, bricht alles auf: Immer mehr verschwommene Kindheitserinnerungen drängen aus ihrem Unterbewusstsein und lösen einen Emotionscocktail aus Wut, Trauer und tiefen Verletzungen aus. Kinderliedchen (sei doch kein Muselmann…) oder Reime, kleine dunkelhaarige Mädchen, die aus dem Loch (der Vergangenheit) für den Zuschauer sichtbar hervorkriechen, entern albtraumartig ihr Bewusstsein.

Bald wird deutlich, dass sich auch ihre Mutter (Britta Bayer) quält und entsetzlich leidet. Aber vor allem, dass ihr ambivalentes Verhalten der Tochter gegenüber wohl einen Grund haben muss. »Das ist meine Geschichte. Hör auf, sie mir wegzunehmen«, schreit Mina, als ihre Mutter versucht, Dinge über ihren Vater »richtigzustellen«. In ihre Wut mischt sich immer öfter auch die »verdrängte« Liebe zu ihrer Mutter: Eine Mutter, die, wie sich zeigt, zu schwach war, offen mit der Wahrheit umzugehen aber letztlich doch stark genug war, ihre Tochter von der Last einer »unterbewusst bewussten Unwahrheit« zu befreien.

Das Premierenpublikum war wie paralysiert von der so dicht und emotionsstark erzählten Geschichte, in welche Sabrina Amali und Britta Bayer so tief eintauchten, dass es fast unmöglich war, den Emotionscocktail der Figuren nicht mitzufühlen. Ein Text, der mit messerscharf geschliffenen Dialogen fesselt, eine packende und spannend erzählte Geschichte, der man sich nicht entziehen kann und will – wie ein gutes Buch, das man erst dann aus der Hand legen kann, wenn man es fertiggelesen hat. Am Ende saß man »gefühlt« mit in diesem weißen Tunnel. Doch einen Tunnelblick hatte wohl sicher keiner mehr, dafür aber unendlich viel Energie für einen verdient euphorischen Applaus.

Kirsten Benekam

Der Kabarettist Ottfried Fischer ist mit dem Kulturpreis Bayern geehrt worden. »Er ist der bayerische Schauspieler schlechthin!«, sagte Kunstminister Bernd Sibler anlässlich der Verleihung in München. Der 66-Jährige sei als Kabarettist legendär und begeistere auch als Schriftsteller mit nachdenklich-heiteren Anekdoten aus seinem Leben. Er erhielt den Sonderpreis.

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