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Wie hoch sind die »Kosten« für die Psyche?

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Petra Ohlendorf, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Oberärztin am Inn-Salzach-Klinikum Freilassing, sah neben allen schlechten Auswirkungen die Pandemie auch als Chance, sich weiterzuentwickeln. (Foto: privat)

Berchtesgadener Land – Mit der Frage der »Kosten« der Pandemie für die Psyche beschäftigte sich Petra Ohlendorf in einer Videokonferenz des Katholischen Bildungswerks BGL. Ohlendorf ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Oberärztin am Inn-Salzach-Klinikum Freilassing. Die Ergebnisse ihrer Beobachtungen und Erfahrungen veranschaulichte sie mit aussagekräftigen, oft auch humorvollen Bildern.


Covid-19 sei ein gravierender Einschnitt ins Leben. In Online-Umfragen geben 58 Prozent, vor allem Frauen, an, ihr Leben habe sich aufgrund von Covid-19 erheblich verändert. Die Ursache dafür liege unter anderem in der Bedrohung durch das unerwartete Auftreten der Pandemie und in der Konfrontation mit dem Tod, aber auch in der Angst vor Arbeitslosigkeit, bedingt durch den Lockdown.

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»Ausdruck ängstlicher Überfürsorge«

Anpassungsleistungen seien erforderlich, sagt Petra Ohlendorf. Hamsterkäufe seien gewissermaßen Ausdruck ängstlicher Überfürsorge, um Kontrolle zu bewahren. Die potenziell traumatisierende Ausnahmesituation im Rahmen der Pandemie wirke sich sowohl auf die Lebensqualität als auch auf die psychische Gesundheit vieler Betroffenen aus, zumindest im Sinne einer Anpassungsstörung mit Schlaf-, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit und Müdigkeit (Fatigue). Außerdem gebe es vor allem auch für psychisch instabile oder vorerkrankte Menschen Folgen von Corona mit Krankheitswert, wie Angststörungen, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen. Über Ärzten wie Patienten schwebe das Damoklesschwert der Triage: Fehlende Beatmungsgeräte, die Anzahl der Intensivbetten, aber auch Mangel an Impfstoffen verursachen Ängste. Zusätzlich werde das Sicherheitsgefühl der Menschen durch Verschwörungstheorien sowie Nachrichten über »Querdenker«-Demos mit Ausschreitungen bedroht.

Negative Gefühle durch Hiobsbotschaften zur Pandemie und die Bedrohung der Freiheit, Kontaktbeschränkungen, Lockdown, Quarantäne, Reisebeschränkungen, vor allem auch das Social Distancing, die körperliche Distanz, die zwischenmenschliche Nähe mit potenzieller Gefahr assoziiert, wirken sich auf die Lebensbereiche der Menschen aus.

Psychosoziale Entwicklung leidet

Die psychosoziale Entwicklung der Kinder leide unter dieser Umkehrung der bisherigen Vorstellungen von Normalität. Maßnahmen wie Homeoffice und Homeschooling oder Quarantäne lösen wegen der dadurch bisweilen fehlenden Tagesstruktur Frustration, aber auch Hilflosigkeit und Wut aus.

Ungesunde Ernährung und fehlende Sozialkontakte schlagen sich zwangsläufig auf die Stimmung nieder. Rollenkonflikte entstünden bei Paaren und Eltern gleichermaßen, ebenso wie Konflikte wegen zu großer Nähe und Enge oder Doppel- und sogar Mehrfachbelastungen, wenn Kinder mit Behinderung oder pflegebedürftige Großeltern im Lockdown versorgt werden müssen.

Die Chancengleichheit in der Bildung sei bedroht, besonders auch, was zum Beispiel das »Corona«-Abitur betrifft. »Angst und depressive Stimmungen breiten sich bei Kindern und Jugendlichen aus, die sich um Familienangehörige sorgen und die angespannte Stimmung der Eltern wahrnehmen«, weiß die Oberärztin.

Die Auswirkungen der Pandemie gehen bis hin zu verstärkter Gewalt, Vernachlässigung oder Zunahme körperlicher Misshandlungen – sogar von einer erhöhten Dunkelziffer sexuellen Missbrauchs von Kindern müsse ausgegangen werden.

Weder Leugnen noch das Verfolgen von Verschwörungstheorien würden zur Bewältigung der Belastungen beitragen, betonte Ohlendorf. Psychosomatische Beschwerden seien auch oft Folge dysfunktionaler Bewältigungsversuche der Pandemie, ebenso Angst- und Zwangserkrankungen. Über die »Flucht« vor der Pandemie durch Suizid seien bislang lediglich Zahlen aus Japan und den USA bekannt.

Resilienz, also die Fähigkeit, mit widrigen Situationen umzugehen, zeige sich bei etwa zwei Dritteln aller Menschen, vor allem bei der älteren Generation, die sich erfahrungsgemäß innerhalb von Wochen an die neue Situation anpassen konnten. Ohlendorf legte dazu eine Statistik der Universität Basel aus dem Jahr 2020 vor, die den Anteil der Personen mit schweren depressiven Symptomen während der Pandemie in Abhängigkeit vom Alter aufzeigt: Die Kurve nimmt tatsächlich mit dem Alter ab, wahrscheinlich bedingt durch mehr Strategien für eine bessere Krisenbewältigung.

Stark betroffen

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigen sich jedoch stark betroffen. Bei Heimbewohnern finden sich zu zwei Dritteln psychiatrische Diagnosen – Ohlendorf ging in dem Zusammenhang auch auf die besondere Betroffenheit von Demenzkranken ein, auf Beschäftigte im Gesundheitswesen, Obdachlose, Suchtgefährdete sowie Menschen mit Psychosen. Optimistisch hingegen stellte die Referentin am Schluss die Frage: »Glück im Unglück?« und sah die Pandemie auch als Chance, sich weiterzuentwickeln. Viele Menschen haben im vergangenen Jahr ihr Leben mit kreativen Ideen gemeistert, soziale Unterstützung erlebt und neue Fähigkeiten an sich entdeckt, freute sie sich. Notwendig seien dafür aber eine weniger pessimistische Einstellung, vor allem eine »radikale Akzeptanz« der Bedrohung durch das Virus, aber auch das Herunterschrauben von Bedürfnissen, Geduld und Durchhaltevermögen, sowie Anpassungsbereitschaft und Solidarität.

Trotz aller negativen Aspekte waren der Referentin gerade auch die Chancen wichtig, die jede Krise in sich birgt.

Brigitte Janoschka


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