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Dr. Alex Lohmeier leitet die Caritas-Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Traunstein.

Wie spreche ich mit Kindern über den Krieg? Diplompädagoge Dr. Alex Lohmeier im Interview

Es herrscht Krieg in Europa. Die Nachrichten und Gedanken sind voll davon. Auch unsere Kinder bekommen das mit. Und haben Fragen. Wie sollen wir mit ihnen über das Thema reden? Wichtig ist, den Kindern die Angst zu nehmen, Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln. Und das Ganze nicht zu ihrem Thema zu machen, sagt Dr. Alex Lohmeier. Der Diplompädagoge leitet die Caritas-Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Traunstein, ist 58 Jahre alt und Vater von drei Kindern (14, 16 und 19 Jahre alt).


Herr Lohmeier, gibt es einen Leitfaden für Eltern, wie Sie mit ihren Kindern über das Thema Krieg reden sollen?

Ja, es gibt ein paar Grundsätze, die man beachten sollte. Aber keinen Leitfaden, weil das in jeder Familie ein bisschen anders ist. Grundsätzlich hängt das vom Alter der Kinder ab. Das heißt Grundschulalter und Jugendalter ist nochmal ein Unterschied. Den Jugendlichen kann man viel mehr Informationen zukommen lassen.

Bleiben wir mal beim Grundschulalter. Wie gehe ich da vor?

Im Grundschulalter reicht an Information das Notwendigste. Ich finde es sehr bedenklich, wenn ständig der Fernseher im Hintergrund läuft mit den aktuellen Neuigkeiten aus der Ukraine.

Das ist für Kinder belastend. Ganz entscheidend, gerade im Grundschulalter ist, dass der Alltag weitergeht. Das heißt, der normale Rhythmus muss aufrecht gehalten werden, die Kinder müssen sehen: »Okay, es geht alles seinen Gang, es verändert sich so nichts«. Das gibt Sicherheit.

Und wenn Nachfragen kommen?

Wenn die Kinder Fragen haben, dann ist das völlig in Ordnung, zu sagen: 'Das ist ein Krieg, der 2000 Kilometer weit weg ist und der uns jetzt nicht betrifft. Du siehst, bei uns läuft alles normal weiter.' Selbst wenn die Kinder Flüchtlinge aus der Ukraine bei uns sehen, kann man sagen: 'Schau, diese Menschen sind geflohen und die wohnen jetzt bei uns, bis der Krieg vorbei ist.' Entscheidend ist, den Kindern zu signalisieren, dass man als Eltern weiterhin für sie da ist.

Also auf jeden Fall vermitteln: »Du musst keine Angst haben?«

Ja, genau. Wenn die Kinder Ängste haben, dann muss man natürlich darüber sprechen. Aber auch sagen: 'Du brauchst keine Angst haben, Du bist sicher.'

Jetzt gibt es aber doch auch Eltern, die das selber nicht so empfinden?

Das ist grundsätzlich ein Problem, nicht nur bei der Kriegsfrage. Kinder sind sehr sensibel und achten ganz genau auf die Körpersprache der Eltern. Wenn Eltern Ängste zeigen, dann übernehmen die Kinder das. Und da müssen eher die Eltern etwas gegen ihre Ängste tun, um den Kindern zu zeigen, dass das für uns jetzt nicht so schlimm ist. Das ist, wie Karl Valentin sagt: 'Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.'

Etwas gegen die Ängste tun oder Zusammenreißen also?

Ja, im Zweifelsfall Zusammenreißen. Das ist immer noch besser, als den Kindern die eigenen Ängste zu zeigen.

Würden Sie dazu raten, mit den Kindern Nachrichten zu schauen?

Kindernachrichten, wie Logo, find' ich okay, da wird das Thema wirklich kindgerecht aufbereitet. Tagesschau hängt ganz stark vom Alter der Kinder ab. Im Grundschulalter würde ich jetzt nicht mit den Kindern Tagesschau gucken. Sie erfassen ja weniger die verbale Botschaft, sondern vielmehr die Bilder, die gezeigt werden. Das finde ich dann bedenklich und das ist bei Kindernachrichten anders.

Ich gebe mal die Frage eines Fünfjährigen an Sie weiter. »Warum ist da Krieg?« Was würden Sie darauf antworten?

Ich denke, es ist okay, wenn man den Kindern sagt, dass es böse Menschen gibt, die Krieg anfangen. Und dass man dann schauen muss, dass man wieder zum Frieden kommt. Das Böse in der Welt lässt sich auch vor Kindern nicht wegzureden. Aber zugleich kommt es immer darauf an, dass die Kinder einen sicheren Hafen zu Hause haben und die Bezugspersonen da sind, die sie schützen.

Müssen Eltern denn auf alle Fragen der Kinder eine Antwort haben?

Nein, es ist auch okay, als Eltern zu sagen: Mehr weiß ich nicht dazu. Entscheidend für die Kinder ist nicht, dass man alles weiß, sondern vermitteln kann, dass man für die Kinder da ist.

Kann man Kinder auch mit Information überfordern?

Ja, auf jeden Fall. Die Geschichte mit dem Ukraine-Krieg wird oft schon in den Schulen besprochen. Und das ist ganz okay und reicht vielleicht auch. Eltern können ihre Kinder sehr wohl überfordern, wenn sie zu sehr auf Hintergründe des Krieges eingehen oder auf Bilderbotschaften. Und die Kinder gar nicht verstehen, warum und weshalb.

Wie merke ich das als Eltern?

Wenn die Kinder abschalten. Das merken Eltern meist intuitiv. Zu viele Informationen können auch noch mehr Ängste auslösen. Oft besteht die Gefahr, dass Eltern zu sehr rationalisieren und das alles dem Kind als Logik beibringen wollen; an den Verstand des Kindes appellieren. Ich glaube, das brauchen die Kinder gar nicht. Die Kinder brauchen in so einer Situation Geborgenheit, den gewohnten Alltag. Das hat nichts mit Gesundbeten zu tun oder das Ganze zu übergehen. Man muss schon auf die Kinder eingehen, wenn sie Fragen haben. Aber ich würd' jetzt den Kindern nie nachlaufen.

Und wenn man jetzt von älteren Kindern/Jugendlichen ausgeht, die sich selbst Informationen beschaffen?

Grundsätzlich ist das okay, wenn Jugendliche sich da-rüber informieren wollen. Da muss man als Elternteil eher achten auf Fake News oder irgendwelche Mythen, die so nicht stimmen. Aber häufig ist es so, dass man die Jugendlichen unterschätzt. Die sind sehr reflektiert und können sehr gut einschätzen, was da ist und brauchen von Erwachsenen nicht so viel Hilfe und Beistand. Man sollte Diskussionen anbieten oder mal gemeinsam eine Nachrichtensendung anschauen, um dann mit ihnen darüber zu sprechen.

Überall engagieren sich gerade Freiwillige. Auch Kinder wollen häufig etwas tun für die Menschen in der Ukraine. Soll man das als Eltern unterstützen?

Ja, wenn das von den Kindern selber kommt, ist das okay, zu unterstützen. Ich fände es problematisch, wenn Eltern sagen: Du hilfst jetzt da oder wir helfen jetzt da und du musst mitmachen. Wenn es spontan von den Kindern kommt, dann muss man schauen, was es für Möglichkeiten gibt, um zu helfen. Zum Beispiel gemeinsam etwas raussuchen, was man spendet.

Kathrin Bauer