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Winterlicher Balanceakt über die Häupter der Watzmannfamilie

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Die neue Route hinauf zur Mittelspitze. (Foto: Wiebel)
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Gute Laune in wildem Gelände:  Ines  Papert und   Luka Lindiˇc.
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Spektakulärer Berg, spektakuläre Linie: Die winterliche Gesamtüberschreitung der Watzmannfamilie ist geschafft.
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Kampf im steilen Schnee.
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Ein messerscharfer Schneegrat war nur eine der Herausforderungen, die Ines Papert und Luka Lindiˇc bei der Überschreitung der Watzmannfamilie zu meistern hatten. (Fotos: Papert/Lindiˇc)

Der Test für die ab April geplante Begehung einer neuen Route durch die Südwand der 8 027 Meter hohen Shisha Pangma ist geglückt: Ines Papert aus Bayerisch Gmain und ihrem slowenischen Lebensgefährten Luka Lindiˇc gelang am 11. Januar eine spektakuläre Winterüberschreitung der gesamten Watzmannfamilie. Das Duo kletterte vom Kleinen Watzmann über alle fünf Watzmannkinder und schließlich noch über eine neue Linie südlich der Wiederroute hinauf zur Mittelspitze.


Slowenen am Watzmann

Mehrfach waren Ines Papert und Luka Lindiˇc in diesem Winter am Watzmann aktiv, um sich konditionell auf ihre Himalaya-Expedition vorzubereiten. »Die perfekte Skyline der Watzmannfamilie hat uns jedes Mal inspiriert«, sagt die Bayerisch Gmainerin. Und ihr Lebensgefährte, der das Berchtesgadener Land noch nicht so lange kennt, konnte gar nicht glauben, dass bislang noch niemand eine Winterüberschreitung bis zum höchsten Punkt des Watzmanns ins Auge gefasst hatte. »In Slowenien wäre so etwas nicht möglich.« Ein Motivationsfaktor war für ihn auch die Tatsache, dass am Watzmann bereits ein Landsmann Geschichte geschrieben hatte. Der Slowene Valentin Staniˇc stand im Jahr 1800 erstmals auf der Mittelspitze.

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Aktionen im Sommer hatte es im Bereich der Watzmannfamilie bereits mehrfach gegeben. Zuletzt war der Berchtesgadener Florian Rabenbauer nach einer Radfahrt nach Kühroint und dem Abstieg nach St. Bartholomä im Alleingang durch die Ostwand geklettert und anschließend bis zum Hocheck marschiert. Anschließend ging er zurück zur Mittelspitze, kletterte über die Wiederroute ab und überschritt alle Watzmannkinder bis zum Kleinen Watzmann.

»Perfekt, das war unser Tag«

Ines Papert und Luka Lindiˇc sahen die »logische Richtung« einer Überschreitung dagegen von Ost nach West, um am Ende auf dem höchsten Punkt des Watzmanns zu stehen. Nun mussten sie nur noch den perfekten Tag abwarten, um eine vernünftige Chance zu bekommen und offensichtliche Gefahren wie Lawinen ausschließen zu können. Der 11. Januar versprach bewölkten Himmel mit nicht zu niedrigen Temperaturen. »Perfekt, das war unser Tag«, erinnert sich Ines Papert.

Der Startschuss fiel um 3.45 Uhr am Hammerstiel. Die beiden erreichten den Gipfel des Kleinen Watzmanns um 7.30 Uhr mit dem ersten Licht und begannen sogleich mit dem Abstieg über die Südkante. Sie mussten nur einmal über eine kurze Steilstufe abseilen, ansonsten fanden sie perfekten Trittschnee vor.

Auf »moderate Schwierigkeiten« stießen die beiden bei der anschließenden Überschreitung der fünf Watzmannkinder. Meistens konnte man seilfrei klettern, »aber die Spurarbeit im tiefen Schnee war schon oft anstrengend«, blickt Ines Papert zurück. Einige Male mussten die zwei mithilfe von Haken und Klemmkeilen von den Gipfeln abseilen und einige sehr ausgesetzte, verschneite und überwechtete Grate überqueren.

Erst während des Abstiegs vom fünften und letzten Watzmannnkind entschieden sich Ines Papert und Luka Lindiˇc für eine Linie hinauf zur Mittelspitze. Sie legten sich darauf fest, die Ostwand der Mittelspitze direkt von der Skischarte aus zu erklettern. »Die einfachere und weniger steile Wiederroute erschien uns wegen der Schneesituation als zu unsicher«, erklärt die Bayerisch Gmainerin.

Um 14.30 Uhr erreichte die Seilschaft den Wandfuß der Mittelspitze. Man genehmigte sich eine Stunde Pause, die zum Schneeschmelzen genutzt wurde. Frisch gestärkt nach Suppe und Kaffee begannen Luka und Ines um 15.30 Uhr mit dem weiteren Aufstieg. Anspruchsvolle Mixedkletterei in Eis und Fels erwartete die beiden Extremkletterer. Hier konnte Ines ihre Fähigkeiten, die sie als vierfache Eiskletterweltmeisterin bereits vor Jahren unter Beweis gestellt hatte, ausspielen. Und Luka Lindiˇc fühlt sich als Weltklassealpinist und international erfahrener Expeditionsbergsteiger in diesem Gelände ohnehin wohl.

Von Anfang an kamen Steigeisen und Eisbeile zum Einsatz. Perfektes Wassereis markierte den Einstieg. Doch bald wurde der Schnee tief, steil und teilweise haltlos. Dazwischen waren immer wieder kurze Felspassagen zu überwinden. Die ersten drei Seillängen konnten Ines und Luka noch bei Tageslicht klettern, danach stellte sich Dunkelheit ein. Im Schein ihrer Stirnlampen erreichte die Seilschaft nach sieben weiteren Seillängen mit Mixed-Schwierigkeiten bis M5 und bis zu 80 Grad steilem Schnee den höchsten Punkt des Watzmanns. Ines: »Wir stiegen über den Grat bis zum Hocheck und mit zunehmend müden Füßen über die Normalroute zum Watzmannhaus und weiter zu unserem Auto ab.«

Nach 20 Stunden im Ziel

Genau 3 458 Höhenmeter im Auf- und Abstieg hatten sie in knapp 20 Stunden hinter sich gebracht. Besonders Luka Lindiˇc hat sich mit diesem Projekt Appetit geholt: »Ich freue mich sehr, dass hier so wenige Menschen im Winter in den Bergen klettern. Ich bin gespannt, was ich hier noch alles erforschen darf.« Ulli Kastner