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»Wintersportler werden im Sommer gemacht«

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Beim Skiwachsen Zeit für ein Gespräch: Top-Springer Andreas Wellinger. (Fotos: Pfeiffer)

Weit geht es den Hang hinab: Die Trainingsphase für den DSV-Top-Skispringer Andreas Wellinger hat bereits begonnen. In Berchtesgaden trainierte der Athlet für die kommende Saison auf der Kälbersteinschanze. Beim Skiwachsen nahm sich der Ausnahmesportler, der im CJD-Gymnasium auf dem Obersalzberg sein Abitur gemacht hatte, Zeit für ein Gespräch.


Herr Wellinger, Sie waren am Anfang Ihrer sportlichen Karriere Kombinierer, haben sich dann aber doch für das Skispringen entschieden. Wieso?

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Andreas Wellinger: Das Laufen war noch nie so meins. Und beim Springen landete ich schon immer bessere Ergebnisse. Wenn der Erfolg fehlt, fehlt auch die Motivation. Irgendwann dachte ich mir: »Warum tue ich mir das überhaupt noch alles an?« Schließlich entschied ich mich dazu, dass ich nur noch Skispringen wollte. Eine gute Entscheidung.

Wenn Sie auf die vergangene Saison blicken, was waren Ihre persönlichen Höhepunkte? Welche Rückschläge gab es zu verbuchen?

Wellinger: Die Skiflug-Weltmeisterschaft im Team war sicherlich das Highlight der Saison. Im Skifliegen konnte ich mich deutlich verbessern und habe mich in den vergangenen Monaten gut weiterentwickelt. Skifliegen ist komplett anders als Skispringen. Zumal man es nicht wirklich trainieren kann. Man hat so gut wie nie die Möglichkeit, auf einer Skiflugschanze Sprünge zu absolvieren. Beim Fliegen muss man mit viel mehr Gefühl an die Sache rangehen und in gewissen Momenten sensibler reagieren. Robert Kranjec ist da ein gutes Beispiel: Beim Fliegen ist der Slowene immer ganz weit vorne mit dabei. Er hat da ein besonderes Gespür in der Luft.

Würden Sie sich eher als Springer oder als Flieger bezeichnen?

Wellinger: Ich bin eindeutig der Springer. Dennoch würde ich mich als Flieger nicht abschreiben.

In Kuusamo sind sind Sie einst schwer gestürzt, sie mussten monatelang pausieren. Hat Sie der Unfall verändert?

Wellinger: Das war zu großen Teilen Eigenverschulden, dass ich damals gestürzt bin. So ein Erlebnis möchte ich natürlich kein zweites Mal haben. Seitdem gehe ich bewusster an die Sache ran, schaue, dass ich zu jeder Zeit konzentriert bin. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich mir immer Gedanken darüber mache, dass ich der Gefahr ausgesetzt bin, nicht auf den Skiern landen zu können. Vielmehr gibt es im Sprung ein, zwei Punkte, auf die ich mich fixiere. Mittlerweile ist das sowieso ein Automatismus, auf den man wenig Einfluss hat. Deshalb ist es häufig schwierig, wenn man einen Sprung verpatzt hat, zu sagen, welche Gründe es dafür gibt.

Sie sind großer Fußballfan. Ihre Nummer eins sind die Bayern. Haben Sie auch im Skispringen einen, zu dem Sie aufgeschaut haben?

Wellinger: Sven Hannawald und Martin Schmitt waren sicherlich die Skispringer, die mich in meinen frühen Jahren am meisten geprägt haben. Ich bin dankbar, dass ich sie auch persönlich kennenlernen durfte. Severin Freund ist einer, von dem man sich viel abschauen kann. Er arbeitet sehr akribisch. Die Erfolge geben ihm recht. Ich bin echt glücklich, so manchen Skispringer nicht nur als Vorbild, sondern auch als Teamkollegen erleben zu dürfen. Das gibt mir Ansporn, weit zu springen, da wir uns auf gleicher Augenhöhe bewegen.

Sie sind noch relativ jung und in recht kurzer Zeit in die Top-Riege des Skisprungs aufgestiegen. Gibt es Grund zur Sorge, dass es ähnlich schnell wieder abwärts geht?

Wellinger: Das stimmt, das ging relativ flott, dass ich mit der Weltelite mitspringen durfte. Anfangs war das noch ein gewisser Flow. Die Ergebnisse waren gut. Es lief einfach. Aber dann, wenn die Konkurrenz stärker wird, fängt man an zu denken. Und mit dem Denken geht die Arbeit erst richtig los. Das bloße Gefühl, gute Sprünge zu meistern, reicht dann nicht mehr. Arbeiten ist angesagt. Bei Severin (Freund; Anm. d. Red.) kann man gut zusehen, wie das funktioniert. Er geht sehr strukturiert an die Arbeit ran. Man kann sich bei ihm so manches zwar abschauen, aber die Umsetzung ist dann nochmal eine ganz andere Sache.

In Sachen Social Media sind Sie sehr aktiv. Ihre Fanzahlen auf den verschiedenen Plattformen wie Instagram und Facebook sind sechsstellig. Wie wichtig ist Ihnen die »Fanpflege«?

Wellinger: Mittlerweile gehört der Bereich »Social Media« zum Dasein eines Athleten einfach dazu. Außerdem macht es mir Spaß. Es ist cool, dass sich so viele Leute für einen selbst und die Sportart interessieren. Sie kommentieren, feuern einen an, geben mir Rückhalt. Meine Beiträge veröffentliche ich alle selbst. Ich habe keine Agentur, die dahinter steht. Ich bin der Ansicht, dass man das merken würde und dass es künstlich wirken würde, wenn ich Inhalte von außerhalb zugeliefert bekäme.

Sie veröffentlichen fast alle Beiträge in Englisch.

Wellinger: Das ist korrekt. 50 Prozent meiner Fans kommen aus Polen. Wieso das so ist, darüber kann ich nur mutmaßen. Polen ist in jedem Fall eine skisprungverrückte Nation. Da gibt es Springer, die siebenstellige Fanzahlen haben.

Welche Ziele haben Sie sich für die bevorstehende Saison gesteckt?

Wellinger: Ziele gibt es viele. Aber oft hat man kaum Einfluss darauf, was am Ende rauskommt. Zumindest tue ich alles dafür, dass ich dauerhaft stabil bleibe beim Springen. Kontinuität ist da mein Motto. Bislang schwanke ich noch zu oft, was die Ergebnisse angeht. Ich muss mehr Beständigkeit an den Tag legen, konstanter werden. Ich wäre schon sehr zufrieden, wenn ich mich in den Top  10 platzieren könnte. Dass ich das kann, habe ich im Laufe der letzten Jahre bereits mehrfach bewiesen.

Das Training hat bereits begonnen.

Wellinger: Das ist richtig. Ein Wintersportler wird im Sommer gemacht. Demnach trainieren wir in den nächsten Monaten sehr viel. Im Winter stehen dann die ganzen Wettkämpfe an. Da bleibt kaum Zeit für das Training. Im Winter zählt es, die antrainierten Fähigkeiten zu erhalten.

Severin Freund ist aktuell verletzt. Er wurde operiert.

Wellinger: Soweit ich informiert bin, ist er auf einem guten Weg der Besserung. Natürlich sind die vier Monate Pause, die er nun einlegen muss, nicht optimal. Aber so, wie ich ihn kenne, wird er die Verletzung gut überstehen und alles daran setzen, gestärkt zurückzukommen. Kilian Pfeiffer