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»Wir haben quasi Berufsverbot«

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Klaus Mehlig kann die Lebenshaltungskosten nicht mit Kleinaufträgen decken. (Foto; privat)

Berchtesgadener Land – Der Berufsmusiker und Alleinunterhalter Klaus Mehlig tritt seit Jahrzehnten in wechselnden Arrangements mit Kollegen auf. Doch 2020 sieht er sich zunehmend mit einem Berufsverbot konfrontiert. Er darf nicht mehr auftreten. Die Konzerte sind abgesagt, auch viele Hochzeitsfeiern, für die er gebucht war. Der zweite von der Regierung verhängte Lockdown mit dem weitgehend stillgelegten öffentlichen Leben trifft ihn hart.

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»Bereits der erste Lockdown von März bis in den Mai hinein hat Erspartes aufgezehrt. Jetzt zieht sich der zweite Lockdown im Berchtesgadener Land bereits von Oktober bis zu Weihnachten hin. Wieder drei Monate keine Einnahmen und auch keine finanziellen Hilfen«, beklagt er. Einmalig konnte Klaus Mehlig 5 000 Euro in Anspruch nehmen, doch das reichte nicht mal für die betrieblichen Ausgaben von zwei Monaten. Lebenshaltungskosten lassen sich mit Kleinaufträgen nicht decken, dazu ist die finanzielle Unterstützung seiner Familie und von Freunden nötig. Jetzt gibt es seit dem 14. Oktober keine Hilfen für ihn, für den kleinen Solo-Selbstständigen. »Die Leute sagen zwar häufig, dass wir eh alle Geld bekommen. Doch das stimmt ganz einfach nicht. Wir haben quasi ein Berufsverbot, mussten alle gebuchten Termine absagen und stehen ohne Einnahmen da«, macht er seinem Unmut Luft. Er kenne Kollegen, die bereits ihre Wohnung kündigen mussten.

»Protestiert man dagegen, wird man sogleich als Nazi beschimpft, was bei mir ganz sicher nicht zutrifft«, legt er nach. »Was also soll ich machen, daheim in der Ecke sitzen und einsam sterben?« Selbst Videos, wo er und Freunde und Kollegen von mir diesen Missstand anprangern, werden etwa von Facebook einfach gelöscht. Sogar die Möglichkeit des Protestes werde ihnen genommen.

Von seinen Einnahmen hat er jährlich fünfstellige Beträge in Technik und Ausrüstung investiert und für die vielen Auftritte auch einen Mercedes-Bus gekauft, um das Equipment transportieren zu können. »Jetzt sollen wir über das vom Finanzamt genutzte Softwareprogramm Elster endlich einen Antrag stellen können, doch das ist kompliziert und ich bin gespannt, ob es gleich funktioniert, jetzt, nach sechs Wochen Lockdown im Landkreis.«

Ein Vorwurf, den er nach erneuten acht Wochen Berufsverbot mit »viel Ärger im Bauch« an die Politik richtet: »Nach dem ersten Lockdown haben sie ja eine zweite Welle vorausgesagt und dann hätte man doch gleich vorab an diesen Programm arbeiten können, damit zumindest die Soforthilfe so bald wie möglich unbürokratisch beantragt werden kann und jeder Betroffene diese finanzielle Hilfe bekommt. Das hätte gleich von Anfang an laufen müssen und zwar für jeden, auch für kleine Solo-Selbstständige und nicht nur für ausgewählte Kreise, die ja bis jetzt auch kaum finanzielle Hilfe erhalten haben sollen.« Klaus hat sogar überlegt, Hartz IV zu beantragen. Dafür hätte er seine über Jahrzehnte mühsam aufgebaute Altersvorsorge zuerst auflösen müssen, sagt er. »Und das kann es doch nicht sein«, ereifert er sich. »Ich habe jahrzehntelang mit viel Fleiß, Engagement und Arbeit immer mein Auskommen selbst bestritten. Und es gab zwischendurch auch immer mal harte Zeiten«, sagt Mehlig. Er habe aber nie Almosen oder Hilfen in Anspruch genommen, er habe sich immer wieder selbst zu helfen gewusst, wenn man ihn gelassen hat. Jetzt in dieser schweren Zeit freut er sich natürlich über einen wachsenden Freundeskreis und selbst über kleine Beträge, die er mit Livestreams erzielen kann. »Zum Leben aber reicht es nicht«, stellt er klar.

Dabei sei er kein Corona-Leugner, trägt die Maske nach Vorschrift und hält sich auch sonst an die »AHA-Regeln«, genauso wie es fast alle bodenständigen Lokale und Restaurants gemacht haben. »Nutzen aber tut es alles nichts, die lassen uns hier völlig im Stich«, bemerkt er dann doch noch sichtlich resigniert. Gerd Spranger

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