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Hubert hat die schwerste Form der Demenz – Seine Frau findet Hilfe bei der Alzheimergesellschaft Berchtesgadener Land-Traunstein

»Wir hatten noch so viel vor«

Unterstützung ist für Demenzkranke das Wichtigste. (Foto: Pfeiffer)

Marianne hatte sich so sehr auf den Ruhestand gefreut. Gemeinsam mit Ehemann Hubert. Die Freude hielt aber nur, bis die Blechschäden mit dem Auto zunahmen, Hubert plötzlich Kräuterenzian ins Trinkglas goss und sich fünfmal an- und auszog, ehe er rausging. »Heute merke ich, wie ich ihn immer mehr verliere«, sagt sie über ihren 64-jährigen Mann beim Angehörigentreffen der Alzheimergesellschaft Berchtesgadener Land-Traunstein. Hubert leidet an einer besonders aggressiven Form der Demenz.


»Wir freuten uns auf die Zeit danach«

Bis vor eineinhalb Jahren war die Welt für Marianne noch in Ordnung. Hubert ging in Vorruhestand. »Wir freuten uns auf die Zeit danach«, erzählt Marianne. Lustig sei er gewesen, ein redseliger Mensch, der den Fußball liebte. »Wir waren eine richtige Fan-Truppe, die sich immer traf, wenn im Fernsehen dem Ball nachgejagt wurde. Das war eine schöne Zeit.« Bis es im August 2016 losging mit kleinen Unstimmigkeiten, die so gar nicht typisch waren für Hubert. Mit dem Auto hatte er mehrere Blechschäden in kurzer Zeit gebaut. »Das kannte ich von ihm nicht.« Damals dachte sie sich noch nicht viel. Als er irgendwann aber einen Kanister Kräuterenzian geschenkt bekam und diesen anstatt ins Schnapsglas in einen Wasserbecher goss, wunderte sie sich zunehmend.

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Hubert hat Frontotemporale Demenz. Das ist eine Krankheit, bei der der Abbau von Nervenzellen zunächst im Stirn- und Schläfenbereich des Hirns stattfindet. Von hier werden unter anderem Emotionen und das Sozialverhalten kontrolliert. »Frontotemporale Demenzen treten normalerweise früher auf als die Alzheimer-Krankheit, meistens schon zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr«, sagt Roswitha Moderegger, die Vorsitzende der Alzheimergesellschaft Berchtesgadener Land-Traunstein.

Marianne hat Hubert mitgebracht. Der 64-Jährige ist körperlich zwar topfit, die Veränderung der Persönlichkeit ist aber in vollem Gange. »Er ist nicht mehr der, der er mal war«, sagt seine Frau. Früher unterhielt er sich gern. Heute regiert die Teilnahmslosigkeit sein Leben. Mit starrem Blick beobachtet er die Angehörigenrunde.

Aggressive Momente bei Beginn der Krankheit

Hubert war immer friedlich. Auch heute ist er das noch. Als es mit den ersten Anzeichen der Krankheit losging, zeigte er aggressive Momente. Wenn er etwa im Restaurant zu lange aufs Essen warten musste. Und dann ging es plötzlich mit dem maßlosen Trinken und Essen los. »Wenn Hubert ein Glas vor sich stehen hat, trinkt er es, füllt es erneut und trinkt wieder«. Er würde nicht aufhören, deshalb nimmt ihm seine Frau mittlerweile das Trinkgefäß weg. Ähnlich ist es beim Essen. »Er schlingt.« So schnell, dass das Brot beim Frühstück schon weg ist, ehe sich Marianne an den Küchentisch setzen kann.

So viel wollte Marianne im Ruhestand noch erleben. »Wir hatten Pläne.« Jetzt ist alles anders. Jeder Tag läuft nach einer festen Struktur ab. »Wir können nicht mehr viel tun«, sagt Marianne. Hubert möchte fernsehen. Immer dasselbe Programm. Irgendwann will er dann spazieren gehen – immer den selben Weg. »Demenzkranke haben und brauchen Strukturen, nach denen sie sich richten können«, sagt Roswitha Moderegger.

Den Führerschein hat Hubert schon lange abgegeben. Ohne Emotionen zu zeigen. »Die Emotionslosigkeit ist das Schlimmste für mich«, sagt Marianne. Gleichzeitig weiß sie, dass sich der Gesundheitszustand ihres Mannes nicht verbessern wird. kp