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»Wir müssen uns Fassungslosigkeit bewahren«

Berchtesgaden – Wie geht es weiter mit der Gedenkstättenarbeit in Deutschland? Gerade die Aufarbeitung der deutschen NS-Vergangenheit unterliegt dem Wandel, da es immer weniger Zeitzeugen gibt. Die »Zukunft der Vergangenheit« setzte daher das 21. Obersalzberger Gespräch in den Fokus. Durchaus mit kritischem Blick widmete sich Referent Prof. Volkhard Knigge der Erinnerungskultur und plädierte für eine Neuausrichtung der Gedenkstättenarbeit hin zu einem reflektierten Geschichtsbewusstsein: »Geschichte begreifen, die man nicht verstehen darf.«

Prof. Volkhard Knigge referierte beim 21. Obersalzberger Gespräch über die Zukunft der Gedenkstättenarbeit. Fotos: Anzeiger/Jander

Der Seminarraum der Dokumentation war fast bis auf den letzten Platz besetzt, als Betriebsleiter Markus Rosenberg und der wissenschaftliche Leiter, Dr. Axel Drecoll, ihre Gäste begrüßten. Die Zukunft der Gedenkstättenarbeit hatte der Abend zum Thema. Und mit Prof. Volkhard Knigge konnte eine Koryphäe als Referent gewonnen werden. Er gehört zu den weltweit führenden Experten für die NS-Geschichte und deren Vermittlung. Der Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Universität Jena ist unter anderem Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora sowie Mitglied der Sachverständigenkommission für die Bundesgedenkstättenförderung.

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Doch geht es ihm vor allem um Denkansätze, die deutsche Erinnerungskultur in eine neue Richtung zu bringen: »Sie bekommen heute Abend von mir kein Rezeptbuch. Es geht um grundsätzliche Gedanken, wie man in Zukunft aus heilloser Geschichte historisch verantwortungsvoll lernen kann.« Prof. Knigge stützte sich in seinen Betrachtungen auf das sogenannte »negative Gedächtnis«. Diese Form des historischen Erinnerns hat sich in Deutschland als Reaktion auf den Nationalsozialismus herausgebildet und fokussiert Staats- und Gesellschaftsverbrechen, die nicht erlitten, sondern begangen wurden.

Unzweifelhaft sei, dass Erinnerung in Deutschland als Königsweg zur Demokratie gelte. Doch wehrte sich der Wissenschaftler gegen »die Erinnerung als moralische Pathosform«. Zudem hätten vor allem Jüngere zunehmend Probleme mit dem »Erinnern«, da die NS-Zeit lebenshistorisch für sie nicht mehr greifbar sei.

Die Gedenkstättenarbeit, die sich in den 1980er-Jahren zu einem wichtigen Feld der Geschichtskultur entwickelt habe, habe in den 1990er-Jahren eine wegweisende Neukonzeption erfahren: Hin zu Museen, die Tat- und Leidensorte sind sowie zugleich pädagogische Aufgaben übernehmen. Zu den Punkten, die Prof. Knigge dabei bewegen, zählt unter anderem die Frage, ob es noch möglich ist, aus der Geschichte zu lernen – aber auch der elementare Unterschied zwischen dem Lernen aus der Geschichte und dem bloßen Lernen historischer Fakten; nicht zuletzt aber auch, es nicht einfach dabei zu belassen, dass das radikal Böse möglich war.

Deshalb liege die Zukunft der Erinnerung für den Referenten in einem »reflexiven Geschichtsbewusstsein«. Nicht nur das Geschehen an sich solle anschaulich gemacht werden, sondern auch die Hintergründe und das Entstehen, nicht zuletzt das Ausmaß des Horrors. »Die absichtsvolle Zerschlagung der Solidarität von Mensch zu Mensch war möglich. Diese Erkenntnis ist wichtig«, betonte Prof. Knigge: »Es ist entscheidend, dass nicht nur die Was-Frage, sondern auch die Warum-Frage gestellt wird.« Allerdings setzt er dabei nicht auf die Reaktivierung der Schockpädagogik, sondern auf Lernprozesse: »Wir müssen Geschichte begreifen, die man nicht verstehen darf. Wir müssen in unserer Pädagogik Fassungslosigkeit bewahren.«

Allerdings unterliegt gerade die Gedenkstättenarbeit zur NS-Zeit bestimmten Zwängen. Prof. Knigge berichtete exemplarisch von verschiedenen Auswüchsen wie etwa dem »dark tourism«, wenn Besucher Unterhaltung im Grauen suchen: »Mittlerweile ist ziemlich viel denkbar, auch wenn es uns nicht gefällt.« Deswegen stehe ein verantwortungsbewusster Umgang noch mehr im Fokus als anderswo, Geschichte greifbar zu machen, falle mitunter schwer. »Bestimmte Methoden der Kundengewinnung sind uns versagt«, unterstreicht der Referent und verdeutlicht dies an dem plakativen Beispiel einer fiktiven Museumsattraktion: »Hier können Sie Hitlers Hund streicheln.« Denn es gilt nicht zu vergessen: »Erinnerung ist nicht zu allererst kritisch, sie kann auch verherrlichend sein und braucht deshalb eine ethisch-moralische Ebene.«

Damit schließe sich der Kreis. Denn gerade die Dokumentation Obersalzberg könne eine Antwort auf die Frage sein, wie die Zukunft der Erinnerung aussieht. »Das ist ein Projekt von nationaler Bedeutung und darüber hinaus. Ich hoffe, dass das Geld bald fließt«, so Prof. Knigge in Anspielung auf die geplante Erweiterung der Ausstellung. Thomas Jander