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»Kunstsprechstunde« in Traunstein mit Johannes Stüttgen über die gesellschaftsbildende Aufgabe der Kunst nach Joseph Beuys

»Wir müssen wach werden«

Was ist Kunst? Seit gut drei Jahren spüren die bei-den Objekt-, Konzept- und Installationskünstler Helmut Mühlbacher und Cosima Strähhuber in ihrem Arbeits- und Atelierraum in Traunstein dieser und anderen Fragen in der »Kunstsprechstunde« nach.

Am Beispiel der von Joseph Beuys geschaffenen Holzkiste mit dem Titel »Intuition statt Kochbuch« erläuterte der Künstler Johannes Stüttgen in der Kunstsprechstunde in Traunstein Prinzipien der Wahrnehmung von moderner Kunst. (Foto: Effner)

Dazu haben sie bereits eine ganze Reihe von Künstlern aus unterschiedlichen Richtungen eingeladen, die ihre Werke und Projekte in dem Gesprächs- und Diskussionsforum öffentlich vorgestellt haben. Eine besondere Anziehungskraft übte in der letzten Kunstsprechstunde Johannes Stüttgen aus Düsseldorf aus, der in Traunreut bereits mit einer ungewöhnlichen Baumpflanzaktion auf sich aufmerksam gemacht hat. Der Künstler und Meisterschüler von Joseph Beuys sprach über den »Erweiterten Kunstbegriff« und die Idee der »Sozialen Plastik«. Der Vortragsraum war rappelvoll mit interessierten Zuhörern.

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In den starken Verwerfungen der gegenwärtigen Umbruchszeit sah Stüttgen das Heraufdämmern einer neuen Epoche. Vieles gerate aus den Fugen und viele Menschen verlören die Orientierung, obwohl sich die Menschheit im Zuge von Globalisierung und Vernetzung ihres Daseins als Ganzes bewusst werde. In der Kunst sah der Düsseldorfer Künstler eine Möglichkeit, dass sich jeder Mensch in einer Art transzendentalem Schöpfungsprozess seiner eigenen individuell-schöpferischen Kräfte bewusst werden könne. Diese seien in seinem innersten Wesenskern bereits angelegt und »machen uns bewusst, warum wir eigentlich auf dieser Erde sind und welche ureigene Aufgabe wir hier zu erledigen haben«. In der schrittweisen Herausarbeitung bzw. Bewusstwerdung dieser Schöpferkräfte wachse auch der Grad an Selbstbestimmung. In dieser Hinsicht, so Stüttgen, sei auch der Ausspruch von Joseph Beuys »Jeder Mensch ist ein Künstler« zu deuten. Er stehe damit im Gegensatz zu Marcel Duchamp, der 1917 ein gewöhnliches Urinal als Ready-Made mit dem Titel »Fountain« in New York ausgestellt hat und damit den Begriff von Künstlertum und moderner Kunst und revolutioniert bzw. neu definiert hat.

Eng mit Beuys verbunden ist nach den Worten von Stüttgen auch der Begriff der Sozialen Plastik im Sinne des Erweiterten Kunstbegriffs. Der Kunst kommt demnach über reine formalästhetische Kategorien und Artefakte hinausgehend eine gesellschaftsverändernde Kraft und Aufgabe zu. Indem der Mensch sich seiner schöpferisch-gestaltenden Kräfte im Kunstschaffen selbst bewusst werde und diese einsetze, könne er auch das Leben in Politik und Wirtschaft sozial und kreativ gestalten.

Das Kunstschaffen wird damit anthropologisch ge-deutet und der Einzelne kann aktiv an der Verände-rung der Gesellschaft mitwirken. In diesem Zusam-menhang sah Stüttgen auch die 1972 von ihm zusammen mit Beuys gegründete »Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung« und den seit 1987 von ihm als Gesellschafter betreuten »Omnibus für direkte Demokratie in Deutschland«. Dessen Botschaft habe bereits europaweit viele Menschen erreicht.

In der Diskussion wurde die Frage nach dem Unter-schied zwischen direkter Demokratie und populisti-schen Volksabstimmungen laut. Stüttgen erklärte dazu, die direkte Demokratie basiere darauf, dass jeder in freier Selbstbestimmung engagiert Verantwortung übernehme und diese nicht delegiere, was zu einer »Parteiendiktatur« führen könne.

Die gegenwärtige Krise der Demokratie, der Politikverdruss und die Zunahme rechter Strömungen seien ein Alarmsignal: »Wir müssen wach werden. Das, was wir außen an Herrschaft abgeschafft haben, muss durch den Zuwachs an innerer Souveränität und Gleichberechtigung ausgeglichen werden, sonst endet das in sehr schwierigen Zuständen.« Eine längere Diskussion entspann sich auch über den Freiheitsbegriff in Kunst und Gesellschaft und die Umsetzungsmöglichkeiten der Sozialen Plastik.

Am Beispiel einer in größerer Auflage gefertigten Holzkiste »Intuition statt Kochbuch« von Joseph Beuys und ihrer verborgenen Botschaft erläuterte Stüttgen ergänzend die unterschiedlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten von Kunst. Axel Effner