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»Wir sind kein Reparaturbetrieb«

Traunreut. »Das Coolste war, wie wir mit dem Auto im Matsch stecken geblieben sind«, sagt Kevin. Der 16-Jährige lebt im Wilhelm-Löhe-Heim, weil er aus persönlichen Gründen nicht bei seinen Eltern bleiben kann. Aber wie auch die 13-jährige Carmen und sechs andere Buben und drei Mädchen im Alter zwischen zwölf und 19 Jahren hat er in der »Meisengruppe« ein neues Zuhause gefunden.

Kevin und Carmen aus der »Meisengruppe« im Wilhelm-Löhe-Heim zusammen mit der Praktikantin Kathi (links). (Foto: Mix)

Hilfe auch nach Abschluss der Schule

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Seit zehn Jahren lebt Kevin hier und geht auch im Förderzentrum in die Berufsschulstufe. In zwei Jahren wird er das Heim verlassen. Die Betreuer helfen ihm dann auch bei der Suche nach der passenden Arbeit und einer Wohngruppe.

Carmen und drei ihrer Geschwister leben zusammen im Heim. Die 13-Jährige ist seit fünf Jahren hier, die »Meisengruppe« ist für sie wie eine große Familie. Ab und zu hänseln sich die Buben und Mädchen gegenseitig. »Ich mag es nicht, wenn die Buben so wild sind«, gesteht sie und versucht auch mal zu schlichten, wenn es Streit gibt wie in jeder anderen Familie auch.

In der Gruppe ist immer jemand für die Kinder da, mit dem sie reden können. Nach Schule, Mittagessen und Hausaufgaben besuchen sie verschiedene Gruppen. Carmen und Kevin machen Karate und haben schon den gelb-orangen Gürtel. Kevin spielt gerne Fußball, Carmen geht reiten oder zum Jin Shin Jiutsu, einer alten japanischen Kunst zum Harmonisieren der Energieströme im Körper.

Immer mehr Kinder und Jugendliche müssten in einem Heim untergebracht werden, längst sind es nicht mehr nur Waisenkinder, berichtet Margarete Winnichner, zweite Vorsitzende und Leiterin der Fachbereiche Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe sowie Ausbildung und Arbeit beim Diakonischen Werk Traunstein. »Diese Gruppe ist heute überhaupt nicht mehr relevant«. Viele haben Schwierigkeiten im Sozialverhalten, ambulante Hilfen greifen nicht mehr oder sie sind zuhause einer Gefährdung ausgesetzt.

Aber: »Die Eltern bleiben immer die Eltern und werden heutzutage auch bei Kindern, die im Heim leben, in die Erziehung mit eingebunden.« Früher habe man Heimkinder bewusst von den Eltern ferngehalten. Viele Eltern seien gerne zur Zusammenarbeit bereit. Denn wenn sich ein Kind entsprechend entwickelt und die Umstände passen, soll es nach Hause zurückkönnen.

Heute wird genauer hingeschaut

Dass der Bedarf an Heimplätzen ständig gewachsen ist, liege unter anderem daran, dass heute genauer hingeschaut werde und Gewalt und Missbrauch nicht mehr unter den Teppich gekehrt würden. Auch trage der Paragraf zur Kindeswohlgefährdung im Jugendhilfegesetz dazu bei, dass mehr Empfehlungen für eine Heimunterbringung ausgesprochen werden. Einzelne dramatische Fälle, die dann immer großen Rummel in den Medien hervorrufen, hätten die in der Jugendarbeit Beschäftigten sensibler gemacht. Bevor einem Kind größerer Schaden zugefügt werden kann, nehme man es lieber rechtzeitig aus der bisherigen Umgebung heraus.

Auch in den Heimen hat sich eine Menge getan. Früher wurden Kinder dort mehr oder weniger nur verwahrt. Heute gibt es geschulte Fachleute, die sie betreuen, fördern und individuell auf ihre Probleme eingehen. Ihr Ziel ist es, die Kinder und Jugendlichen zur Selbstständigkeit zu erziehen, sodass sie später eigenverantwortlich leben können. Ein Hilfeplan legt fest, welche Ziele in der Erziehung mit welchen Methoden verfolgt werden, wie die Fortschritte aussehen und nicht zuletzt, ob die Einrichtung für das jeweilige Kind auch passt.

»Die Heime sind längst nicht mehr so schrecklich, wie sie mal waren. Das beweist auch, dass viele ehemalige Bewohner unserer Heime lange Jahre danach noch den Kontakt halten und immer wieder gern vorbei- schauen«, erläutert Margarete Winnichner.

Speziell im Wilhelm-Löhe-Heim gebe es unterschiedlich zusammengestellte Gruppen, die auf die Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten sind. Es würden nicht einfach Kinder zusammen gewürfelt, sondern es werde genau geprüft, welche Gruppe die richtige ist: eine reine Mädchen- oder Bubengruppe oder doch besser eine gemischte, eine Kleinkindergruppe, eine heilpädagogische oder eine Intensivgruppe.

Verändert hat sich auch das Alter der Kinder im Heim. Immer mehr sehr kleine Kinder ab dem vierten Lebensjahr werden aufgenommen, die Anfragen gerade für diese Altersgruppe steigen. Das bedeutet völlig neue Herausforderungen, weil die kleineren Kinder einen anderen Umgang brauchen, andere Spielsachen, andere Betreuung.

Zwei neue Kinderhäuser in Planung

Im Wilhelm-Löhe-Heim werden im nächsten Jahr zwei neue Kinderhäuser gebaut. Bisher leben die Kinder vorwiegend in Doppelzimmern, was für viele von ihnen auch gut ist. Aber ab einem gewissen Alter bräuchten sie einfach einen Rückzugsort, weshalb nun in den neuen Häusern lauter Einzelzimmer eingerichtet werden. Winnichner betont: »Wir sind kein Reparaturbetrieb. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo in der Entwicklung und man muss ihm ausreichend Zeit dazu lassen.« Für die Aufenthaltsdauer biete das Heim den Kindern und Jugendlichen eine Schutzhülle, doch irgendwann sollten sie auf eigenen Beinen stehen.

Wenn dann bei Ehemaligentreffen die früheren Bewohner von ihrem Leben erzählen, von ihrem Beruf, der eigenen Familie, was sie erreicht haben, dann würden die Mitarbeiter in ihrem Tun bestätigt und neu motiviert für ihre nicht immer einfache Arbeit. mix