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»Wir sind keine Total-Verweigerer«

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Königssee: Erste Bilanz von LBV-Vorstand Toni Wegscheider nach 20 Monaten im Amt
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Biologe mit Leidenschaft: Mag. Toni Wegscheider, seit gut 20 Monaten Vorsitzender der Kreisgruppe Berchtesgadener Land im Landesbund für Vogelschutz, zieht eine erste Bilanz seiner Arbeit als »erster Mann« im LBV. (Foto: Hans-Joachim Bittner)

Schönau am Königssee – Er hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht: »Als Biologe kann ich draußen in der Natur sein und sie beobachten – was gibt es Spannenderes?«, schwärmt Mag. Toni Wegscheider. Er hat seine Bestimmung gefunden. Der 41-Jährige steht seit Oktober 2018 zudem an der Spitze der Kreisgruppe Berchtesgadener Land im Landesbund für Vogelschutz (LBV).


Das Team um Toni Wegscheider – schon zuvor beim LBV integriert – ist eines der jüngsten und »weiblichsten« des LBV in Bayern. Nicht nur deshalb wird es immer wieder von anderen Kreisgruppen als Leuchtturmprojekt besonders positiv hervorgehoben. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat den Schönauer nach einer ersten Bilanz seiner bisherigen Amtszeit gefragt.

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Herr Wegscheider, wie kam es dazu, dass Sie sich als Vorstand aufstellen und letztlich wählen ließen? Es handelt sich schließlich um ein forderndes Amt, welches ehrenamtlich zum normalen Alltag gemeistert werden muss.

Toni Wegscheider: Ich wollte mich im Naturschutz engagieren, beim LBV aber ursprünglich nur ein bisschen »mitwurschteln« – Nistkästen zimmern und aufhängen oder Amphibienzäune aufstellen zum Beispiel. Es hieß, dass das wichtig sei, aber momentan viel dringender eine neue Vorstandschaft benötigt werde.

Wie sah Ihre Anfangszeit in diesem Amt aus – war sie stressiger als gedacht?

Wegscheider: Ganz im Gegenteil. Anfangs haben mich die ganzen Aufgaben – Sitzungen, Ausschüsse, Behörden-Geschichten oder Stellungnahmen zu Baugebieten etc. – schon eingeschüchtert. Da zögerte ich zunächst und dachte mir, wie das gehen soll, neben Beruf und Familie. Bis heute habe ich meine Entscheidung aber nicht bereut. Sehr geholfen haben uns die ehemaligen Vorstände, die bei der Einarbeitung in den ersten Monaten super halfen. Und wenn wir jetzt an einem Punkt einmal nicht weiterkommen sollten, hilft uns der LBV-Dachverband mit Experten. Mittlerweile sind wir ein richtig eingespieltes Team.

Was ist das Inspirierende an Ihrem Amt?

Wegscheider: Die Gestaltungsmöglichkeiten. Ich möchte seit zehn Jahren in der Schönau Amphibienzäune aufstellen. Als Einzelkämpfer war und ist das schwierig. Mit einem Verband und engagierten Menschen im Rücken ist das einfacher, weil man als Institution auftreten kann. Dieser wird eher Aufmerksamkeit geschenkt als einer Einzelperson. Wir sprechen hier immerhin im Namen von über 100.000 LBV-Mitgliedern deutschlandweit.

Wie groß ist der Frust, als Naturschützer oft gegen unüberwindbare Wände zu laufen, weil Entscheidungsträger in erster Linie wirtschaftliche Interessen verfolgen?

Wegscheider: Wir suchen, wenn Probleme entstehen, den konstruktiven Dialog. Damit wollen wir aufzeigen, wie es mit Alternativen im Sinne der Natur funktionieren kann. Wir wollen immer gute Lösungen für beide Seiten erreichen und harte Konfrontationen vermeiden. Die Erfahrung lehrte uns, dass die Gemeinden aufgeschlossen sind, wenn wir unsere Ideen fachlich fundiert und gut begründet vorbringen. Oft sind Kompromisse nötig, keine Frage. Es ist völlig klar: Wir profitieren hier alle mehr oder weniger vom Tourismus. Deshalb wollen wir keine Total-Verweigerer sein. Wir können bei wirklich dramatischen Einschnitten auch streitbar sein, im äußersten Fall über juristische Auseinandersetzungen, wenn sie aus unserer Sicht sein müssen.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie sehen, wie es der Umwelt geht, beziehungsweise wie leichtfertig durch unsere Industrie und Gesellschaft und somit von uns allen mit ihr umgegangen wird?

Wegscheider: Der Flächenverbrauch erschüttert mich massiv. Eine gewisse Kurzsichtigkeit macht mich sehr betroffen, also die Begehrlichkeiten von Behörden, Gemeinden und durchaus auch Privatleuten. Wie man heutzutage noch eine Blumenwiese zubetonieren kann, nur um noch ein paar Cent mehr aus dem Geschäft raus zu quetschen, ist mir unbegreiflich. Unsensibles Verhalten gegenüber der Natur kann ich nicht verstehen. Aber genau aus diesen Gründen bin ich beim LBV angetreten. Weil ich mich engagieren möchte, damit eben nicht alles immer noch schlechter wird. Wir wollen hier konstruktiv Dinge verbessern.

Was hat sich zum Beispiel im Berchtesgadener Land durch die Arbeit des LBV explizit verbessert?

Wegscheider: Wir wollen mit unserer Arbeit grundsätzlich dafür sorgen, dass etwas besser wird und setzen uns mit unseren Möglichkeiten dafür ein, Flächen zu erhalten. Wenn es die Finanzen zulassen, kaufen wir »seltene« Grundstücke auf. Das heißt: Areale mit schützenswerten Gegebenheiten. Zuletzt war das ein Hangquell-Moor, ein seltenes Biotop, am Untersalzberg. Diese unglaublich hochwertige Fläche mit seltenen Arten, beispielsweise zwei fast schon ausgestorbenen Libellen-Arten, Orchideen oder dem Alpen-Fettkraut, war komplett verwildert. Wir pflegen dieses einzigartige Stück Erde jetzt mit unseren Mitgliedern. Das Aufstellen von Amphibienzäunen oder die Pflege des Haarmooses gehören ebenfalls dazu. Am Abtsdorfer See bewirtschaften wir zusammen mit den dort ansässigen Bauern einige Hektar Land.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Landwirten generell aus?

Wegscheider: Sehr gut. Die Bereitschaft für den Naturschutz ist grundsätzlich da, wir müssen sie im Grunde nur fördern. Es gibt zahlreiche Kulturlandschaftsprogramme, über die die Bauern Prämien erhalten, wenn sie später mähen oder weniger düngen.

Von Ihrem Wohnort nahe dem Königssee nach Laufen, also vom südlichsten an den nördlichsten Punkt des Landkreises, ist rund eine Dreiviertelstunde Autofahrt nötig. Sie werden dort nicht regelmäßig hinfahren können, um sich den dortigen Naturschutzfragen zu widmen. Wie gehen Sie die Themen in dieser Region an?

Wegscheider: Wir sind in der Vorstandschaft gut verstreut und haben überall aufmerksame Mitglieder sitzen, die uns informieren, wenn wir uns gewisse Dinge anschauen sollten. Das Spektrum der Lebensräume und Landschaftsformen im Berchtesgadener Land – vom hochalpinen Watzmann bis zu einem ja fast schon Flachland, mit dem Haarmoos bei Laufen – ist derart umfangreich, das kann ich in der Tat nicht allein abdecken.

Wie sieht die LBV-Mitglieder-Entwicklung im Berchtesgadener Land aus?

Wegscheider: Wir befinden uns auf einem schönen Niveau, dieses stagniert momentan jedoch. Mit Pressemitteilungen und Arbeitseinsätzen versuchen wir, auf uns aufmerksam zu machen. Neue Helfer zu bekommen, ist nie verkehrt. Der Zentralverband wächst derzeit unglaublich, das Volksbegehren »Artenvielfalt« brachte einen richtigen Schub.

Woher nehmen Sie Ihr erstaunliches Wissen über die Vogelwelt?

Wegscheider: 20 Jahre Draußensein: Man erlebt viel, wenn man unterwegs ist. Ich lese viel und rede mit tollen Menschen darüber.

 

Wann entstand dieses Interesse für die Natur?

Wegscheider: Ich bin naturnah auf einem Bauernhof aufgewachsen, mit einem Froschteich daneben. Nach dem Abitur wusste ich aber überhaupt nicht, wo es hingehen soll. Dann kam diese »nebulöse Biologen-Idee à la Crocodile Dundee« – also Wölfe besendern und Luchse erforschen. Die meisten Biologen landen dennoch im Büro oder im Labor. Ich konnte es mir zum Glück immer so einrichten, dass ich zum Großteil tatsächlich draußen bin, um Tiere zu beobachten oder zu zählen.

Wo soll die LBV-Kreisgruppe in fünf Jahren stehen, welche Projekte wollen Sie in dieser Zeit unbedingt umgesetzt wissen?

Wegscheider: Die Zahl an aktuellen Einzelthemen ist permanent derart umfangreich und vielfältig, dass wir gar nicht groß dazu kommen, neue Visionen zu entwerfen. Wir fahren im Grunde »nur auf Sicht«, weil regelmäßig vonseiten der Städte und Gemeinden Anträge zu Stellungnahmen auflaufen, die uns viel Zeit abverlangen. Langfristige Planungen sind kaum möglich, aber ein Leuchtturmprojekt ist für uns die »Freilassung von Bartgeiern«. Wir wollen dem im gesamten Alpenraum ausgerotteten, aber extrem spannenden und charismatischen Vogel wieder einen Lebensraum im Nationalpark Berchtesgaden und dessen Umgebung ermöglichen – und damit den Gesamtbestand im Ostalpenraum unterstützen. Das ist eine diffizile und große Sache.

Hans-Joachim Bittner