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»Wir wollen dringend spielen«

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Stephan Hüfner

Stephan Hüfner ist Fagottist der Bad Reichenhaller Philharmoniker und Teil des künstlerischen Leitungsteams beim »Musiksommer zwischen Inn und Salzach«. Unsere freie Mitarbeiterin Elisabeth Aumiller hat mit Hüfner über die gegenwärtige Situation im Konzertbetrieb gesprochen.


Herr Hüfner, seit Wochen sind alle Konzertveranstaltungen abgesagt, die Säle sind leer, die Musiker sitzen zu Hause. Wie gehen Sie damit um?

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Stephan Hüfner: Ich sehe zu, dass ich am Vormittag übe und mich am Instrument verbessere, dass ich mich fit halte und nachmittags rauskomme, damit ich nicht verrückt werde. Zu viel Grübeln, wie das weitergehen soll, ist ziemlich ungesund. Ich habe jetzt jede Menge Zeit. Meine Kinder sind zwar noch zu Hause, aber schon groß. Anders sieht es zum Beispiel bei einer Kollegin aus, die mit drei kleinen Kindern daheim äußerst gefordert ist.

Wie sehen Sie den weiteren Verlauf?

Jeder denkt, wie soll es weitergehen. Wir sind in Kurzarbeit bis 19. Juli. Wir haben die Nachricht bekommen, dass bis 24. Mai weder Proben noch Konzerte stattfinden. Dann muss immer wieder neu entschieden werden, denn es kann niemand seriös sagen, was im Juli sein wird. Es wurde alles getan, was man kann. Die Geschäftsleitung hat beim Kunstministerium erreicht, dass sie die Kurzarbeit aufstocken darf. Wir sind alle in den Startlöchern und können sofort wieder beginnen.

Braucht das Orchester dann erst wieder eine Anlaufzeit beim Neustart?

Nein, wird sind alle Profis, jeder pflegt sein Instrument. Wir wollen dringend wieder gemeinsam spielen. Ein sensibler Mensch, und Musiker sind meistens sensibel, kann durch die Abschottung psychische Probleme bekommen. Das gemeinsame Musizieren ist für uns alle wichtig. Jeder Musiker hält sich zwar instrumental fit und eine Weile geht das zu Hause, aber es ist kein Ersatz für das Miteinander und den Gemeinschaftsgeist, der für uns Orchestermusiker essenziell ist.

Wie war ihre erste Reaktion auf die Absagen?

Ich war schockiert, konnte mir das nicht vorstellen, habe an zwei Wochen gedacht, aber als dann auch die Mozartwoche von der Absage betroffen war, wurde mir klar, so ein Virus verschwindet nicht in zwei Wochen oder zwei Monaten. Alle reden vom Herbst nach der Sommerpause, aber bei uns gibt es die Sommerpause nicht. Wir wären da in vollem Einsatz. Und wer weiß es so genau, ob danach alles anders ist? Wir wollen spielen, aber wir nehmen es nicht auf die leichte Schulter. Anfangs empfand man die Maßnahmen eher als theoretisch, aber der Tod unseres ehemaligen Kollegen Pavel Limpar hat mir einen Schlag versetzt und mich wachsam gemacht. Bei uns spielt keiner mehr die Gefahr runter.

Was hat es mit dem Aerosolausstoß bei den Bläsern auf sich?

Die Bamberger Symphoniker haben eine Studie in Auftrag gegeben, bei der die Ausbreitung von Atemwolken simuliert wurde. Dabei hat man festgestellt, dass bei Oboen und Fagotten ganz wenig Luft durchgeht, viel weniger, als man denkt, im Gegensatz zu den Blechbläsern. Aber nicht vorstellbar ist, wie und vor allem wann es bei einem Chor, bei Sängern weitergehen kann. Da ist die Gefahr von Nähe am größten.

Wie sehen Sie das Konzertieren in reduzierter Orchesterbesetzung mit entsprechendem Abstand und kleinem Publikum?

Als Konzept für Kurkonzerte kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Es widerspricht auch dem Geist. Die Gäste sollen sich begegnen, ein Erlebnis teilen, etwas mitnehmen können, dass es ihnen nachher besser geht. Trotzdem erwarte ich schon, dass wir irgendwann etwas Reduziertes anpacken können. Denn noch schrecklicher ist, gar nicht spielen zu dürfen. Auch der neue Dirigent ist davon betroffen, denn er muss das Programm für nächstes Jahr machen. Was kann er überhaupt in Betracht ziehen? Unsere abgesagten Abokonzerte können nicht verschoben werden, die müssen für 2021 neu geplant werden.

Wie verhält es sich beim 'Musiksommer zwischen Inn und Salzach', wenn Konzerte nicht stattfinden können?

Da ist es etwas anders, weil keine Kontinuität besteht, kein Dirigent verantwortlich ist, die Abstände größer, die Spielstätten weit voneinander entfernt sind. Die meisten Konzerte finden in Kooperation statt. Jedes Konzert hat einen eigenen Vertrag mit einem Kooperationspartner vor Ort. Da lässt sich sicher manches Geplante verschieben. Das wird dann teilweise individuell gehandhabt. Die Geschäftsstelle entscheidet über Absagen oder mögliche Verschiebungen, wir machen nur die künstlerische Planung. Aktuelle Informationen dazu unter www.musiksommer.info.