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»Wohltuendes« Konzert im »Achentaldom«

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Die Musiker von »Collegia Musica« beim Orgelkonzert von Brixi in der Kirche St. Nikolaus in Übersee. Alle Musiker verzichteten auf ihre Gagen. (Foto: Kaiser)

Das Benefizkonzert unter dem Motto »Der Friede sei mit Dir« in der Kirche St. Nikolaus in Übersee eröffnete die »Collegia Musica Chiemgau« festlich und frisch mit dem Konzert für Orgel und Orchester G-Dur Nr. 6 von Franz Xaver Brixi (Prag 1732 bis 1771), der aus einer weitverzweigten böhmischen Musikersippe stammte.


Der Organist am Veitsdom seiner Heimatstadt vollzog unter Einbeziehung volkstümlicher Elemente die Wendung von der barocken Polyfonie zur klaren Linienführung der Klassik. Das 6. Konzert ließ durch frische, schwungvolle Ecksätze aufhorchen, die wie eine Vorahnung von Haydn und Mozart klangen. Im nachdenklichen Adagio spielte sich Ralf Halk (Salzburg) souverän und genussvoll mit reichen Verzierungen und Figuren.

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Musik von Domenico Zipoli war in Südamerika sehr beliebt

Der Komponist und Organist Domenico Zipoli (1688 bis 1726), geboren im toskanischen Prato, erfuhr eine solide musikalische Ausbildung in Florenz und Rom, wurde 1710 Organist in Santa Maria in Trastevere. Als 28-Jähriger erwachte sein Wunsch, als Musiker in die Jesuitenreduktion zu gehen, in Siedlungen für die indigene Bevölkerung, und er wurde Jesuit. In Córdoba/Argentinien widmete er sich weiterhin der Musik – seine Kompositionen waren in den Missionsstationen Südamerikas sehr beliebt.

Kurz vor seiner Weihe zum Priester starb er an Tuberkulose. Sein Adagio für Oboe, Violoncello, Orgel und Streicher hinterließ einen starken Eindruck der Ruhe. Die Melodien der Oboe von Gabriel Gramesc (Salzburg) und des Cellos von Martin Weikert (Regensburg) wurden von den Streichern, wie auf einen Samtteppich gebettet, begleitet.

»Das Leben von Johann Baptist Krumpholz würde heute einen idealen Stoff für die Yellow Press abgeben«, merkte Elke Burkert an, die es sich trotz des Handicaps einer Knieverletzung nicht nehmen ließ, die relativ unbekannten Komponisten gründlich vorzustellen, für die sie ein Faible hat. Ihr Dirigat besorgte sie unbeirrt im Sitzen, fordernd und nachdrücklich.

Krumpholz (1742 bis 1790), der in Wien mit seinem Instrument, der Harfe, erfolgreich auftrat und wohl auch in Esterházy bei Haydn Kontrapunktstunden genommen hat, lernte in Paris Ladislav Dussek kennen. Doch der »nahm« bei seiner Flucht vor der Französischen Revolution Krumpholz’ Frau Anne-Marie »mit« nach London – Krumpholz ertränkte sich in der Seine. Ironie des Schicksals: Anne-Marie wurde später von Dussek für seine zweite Frau verlassen, im Alter dann verfiel er in Depressionen und starb schließlich an Gicht.

Elke Burkert hatte das handschriftliche Notenmaterial zu Krumpholz’ Konzert für Harfe und Orchester F-Dur op.9, Nr.6 gesichtet, bearbeitet, eine Partitur wurde erstellt und die Noten gedruckt. Im »Achentaldom« fand wohl eine »Chiemgauer Erstaufführung« dieses Werkes statt.

Die in Nußdorf geborene Harfenistin Barbara Pöschl-Edrich kehrte nach 14 erfolgreichen Jahren in Boston/USA wieder in ihre Heimat zurück. Sie war die Solistin dieses Konzerts. Das einleitende Allegro moderato lebte aus zwingenden melodischen Einfällen, die Romanze schmeichelte sich ein, bereichert von zwei Oboen, einer Querflöte und zwei Waldhörnern, und ein keckes Rondo-Thema, zum Teil mit viel Pedalarbeit, das sich ergiebig variieren ließ, beschloss ein prächtiges Konzert.

Von Tschaikowsky gibt es zwei Originalkompositionen für Violoncello und Orchester, die Variationen über ein Rokokothema op.33 und das Pezzo capriccioso op.62. Aber es gibt kleinere Kostbarkeiten in Bearbeitung für Cello und Orchester, darunter die des Nocturne in cis-Moll, der Nr.4 der »Sechs Stücke« op.19 – für das Cello hat der Komponist-Arrangeur die Tonart d-Moll gewählt. Er erweist sich hier als Meister der kleinen Form und der leisen Töne – Martin Weikert spielte diese lyrisch-schwelgerische Preziose mit Eleganz und tiefem Empfinden.

Den Zuhörern geht bei den ersten Tönen das Herz auf

Soweit die wirklich lobenswerte Vorstellung kostbarer musikalischer Raritäten. Doch warum ging einem bei der ersten Tonsequenz des abschließenden Werks sofort das Herz auf? Es war das Brandenburgische Konzert Nr.1 F-Dur BWV 1046 von J. S. Bach (1685 bis 1750), das durch die hochmusikantische Gestaltung, den vornehmen Schwung, das schöne Gespräch zwischen Oboe und Violine (Juli Burkert, London), die tieflotenden Trios zwischen den Menuet-Teilen, einmal nur mit den Streichern, dann mit drei Oboen und zwei Waldhörnern, die Zuhörer zu »standing ovations« zwang.

Die Einnahmen des Konzerts unter der Schirmherrschaft des Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, und des Rotary-Clubs Traunstein gehen an die Diakonie Traunstein zugunsten der Integration von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen im Chiemgau, deren Zahl sich auf etwa 110 beläuft.

Die Musiker des Ensembles, Profimusiker, Musikstudenten und ambitionierte Musiker aus anderen Berufen, verzichten für das Benefizkonzert auf ihre Gagen. Genau dafür gründete Elke Burkert 2013 die »Collegia Musica Chiemgau« mit dem alleinigen Ziel, Benefizkonzerte zu veranstalten. Engelbert Kaiser

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