Wundersame Welten aus Eis und Fels: Die Schellenberger Eishöhle kann noch bis Ende Oktober besucht werden

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Teile des »Mörkdoms« mit Eisformationen erinnern an eine Kathedrale.

Marktschellenberg – Die Reporterin des »Berchtesgadener Anzeigers« Veronika Mergenthal besucht die Schellenberger Eishöhle. Dieser Berg hat es in sich. Die Besichtigung der »Schellenberger Eishöhle« am Untersberg muss sich der Besucher verdienen. Der kürzeste Weg führt in gut zwei Stunden von der Seilbahn-Talstation über den abenteuerlich in den Fels geschlagenen Thomas-Eder-Steig. Der »normale Weg« vom Wehrturm in Marktschellenberg aus zieht sich fast vier Stunden. Für den längsten Weg über den Dopplersteig und den Schellenberger Sattel sind rund vier Stunden Gehzeit einzuplanen.


Auf dem Weg zur Höhle ist ein Gluckern des Wassers zu hören. Es ist später in der Höhle wieder zu hören. Durch das löchrige Gestein tröpfeln die Niederschläge der vergangenen Zeit erst nach und nach. Vom Parkplatz in Glanegg geht es durch den Laubwald am Rosittenbach entlang. Die steile »Himmelsstiege«, die eher an »Highway to hell« erinnert, wenn der Weg nicht landschaftlich so atemberaubend wäre, führt zur Oberen Rosittenalm.

Wo der Dopplersteig gut versichert durch die steile Ostwand des Untersbergs zum Zeppezauer Haus weiterführt, zweigt der Weg zur Höhle nach links zum Sattel und zur Toni-Lenz-Hütte ab. Diese hochalpine Querung der Ostseite des »Wunderbergs« ist an einem trockenen Tag im Spätsommer oder Herbst eine lichtdurchflutete, wunderschöne Einstimmung auf das Erlebnis in der Eishöhle.

Am Warteplatz auf 1 570 Metern Höhe liegen in einer Truhe Helme bereit. Unter dem Helm muss jeder eine »Hygienehaube« tragen. Auch eine Namensliste wird geführt. Beim Besuch der Schellenberger Eishöhle gelten die Corona-Auflagen. Der familiäre Empfang durch den Höhlenführer, Paul Schmaus, allerdings lässt die Pandemie fast vergessen machen. Der 72-jährige Inzeller ist bereits seit 17 Jahren Höhlenführer – aus Leidenschaft. Im Gänsemarsch geht es in die Untiefen der wohl von Jägern oder Hirten entdeckten Höhle.

Bereits 1826 war sie in der bayerischen Generalstabskarte als »Schellenberger Eisloch« eingetragen. Es wird immer dunkler, und auf den Stufen und den übers Eis gelegten Holzbrettern ist Vorsicht geboten, um nicht ins Rutschen zu kommen. Zum Glück gibt es Halteschnüre. In der »Josef-Ritter-von-Angermayer-Halle«, die mit 70 Metern Länge und 40 Metern Breite die größte Halle der Höhle ist, entzündet Paul Schmaus die Karbidlampen und verteilt sie an die Teilnehmer der Führung. Der »Dohlenfriedhof« über der Halle, die unermesslich dicken Eisschichten unter der Halle, bis zu 3 000 Jahre alte und geheimnisvolle Legenden wie die von den »Zeitlöchern« im Untersberg, jagen den Besuchern einen leichten Schauer über den Rücken.

Immer wieder verändert sich die Führungsroute. Weil die Eisschicht, die zur Wendeltreppe führt, zu dünn geworden ist, haben die Höhlenführer des »Vereins für Höhlenkunde Schellenberg« diesen Zugang in die tieferen Partien der Höhle gesperrt. Es wurde eine neue, gerade Stiege mit einer Kettensäge aus dem Eis geschnitten. So ist die Stahl-Wendeltreppe überflüssig.

Gebilde im »Mörkdom« erinnern an Kathedrale

Die Bögen und die orgelpfeifenähnlichen Gebilde im »Mörkdom« erinnern an eine Kathedrale. Bald zweigt links der »Posselt-Steig« ab, an dem Paul Schmaus im Licht der Magnesiumfackel besonders schöne Eisschichten und feine Eiskristalle im Felsen zeigt. Der »Posselt-Steig« ist nach dem ersten Forscher in der Eishöhle benannt, den Salzburger Anton von Posselt-Czorich. Nach ihm forschte ab 1876 Prof. Eberhard Fugger, der den ersten skizzenhaften Plan der Höhle anfertigte. Seitdem sei die Höhle vermutlich öfter von Höhlenforschern und Touristen besucht worden. Auch heute muss der Verein für Höhlenkunde regelmäßig selbst in der Höhle forschen lassen, um die Gemeinnützigkeit nicht zu verlieren. Die Forschungen widmen sich unter anderem den Veränderungen durch den Klimawandel.

»Fuggerhalle« ist am tiefsten gelegen

Die »Fuggerhalle« ist am tiefsten gelegen – 41 Meter liegt sie unter der Eingangsschwelle. Sie wurde nach Fugger benannt, jedoch aber erst 1910 von Alexander von Mörk entdeckt. Dort gibt es »Eismandln« und Skulpturen, die Höhlenführer den Eismandeln nachempfunden und aus Eisblöcken heraus gesägt haben, zu bewundern. Das Eis verändere sich im Laufe der Führungssaison ständig, erklärt Paul Schmaus – etwa durch die Körperwärme der Besucher, Blitzlicht oder die Lampen. Er erklärt weiter: das Eis in der Eishöhle wachse nicht im tiefen Winter, wenn es sehr kalt ist, sondern im Spätherbst und dann wieder ab Februar oder März. Im Frühling wachse das Eis mit fortschreitender Schneeschmelze immer mehr. Durch den Frost nämlich versiegten sämtliche Zuflüsse.

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In der Fuggerhalle gibt es Eisskulpturen und Eismandl zu sehen. (Fotos: Veronika Mergenthal)

An der »Randkluft« des Eises ist zu sehen, wie sich die Höhle in die Tiefe fortsetzt. Von weit unten blitzt Eis herauf. Durch diese Ritze sei eine Höhlenforscherin eingestiegen, berichtet Paul Schmaus. Sie habe an einer anderen Stelle wieder in die »Fuggerhalle« zurückkehren wollen, doch es habe da nur eine Hand durchgepasst. So habe sie umkehren und auf den selben Weg wieder zurück nach oben klettern müssen. Auf dem Rückweg zum Abstieg hin ist der »Mörkdom« noch einmal zu bewundern, bevor es von minus ein Grad in der Tiefe wieder ins Warme geht. Die Besucher sind begeistert.

Länger im Gespräch mit dem Höhlenführer bleiben noch ein Ehepaar aus München und Jenny Hilger, eine Krankenschwester aus der Nähe von Wasserburg. »Er macht das mit Lebensfreude, Lockerheit und Humor«, schwärmt Jenny Hilger vom Stil des Höhlenführers. »Gut, dass er immer erinnert hat, gut aufzupassen. Der Helm hat sich schon bezahlt gemacht.« Die 24-Jährige ist auch angetan von der Höhle selbst. »Eine Naturgewalt, wahnsinnig beeindruckend.« Sie findet es gut, dass sie erschlossen ist. Der Führungsweg ist 500 Meter lang, 3 621 Meter sind erforscht und vermessen.

Auch die zusätzlichen Informationen hat die Besucherin sehr spannend gefunden. Auf die Idee, die Eishöhle zu erkunden, ist sie durch ein altes Wanderbuch gekommen. »Das hat mir meine Oma vermacht. Ich habe erst vor drei Jahren mit dem Berggehen angefangen, Und spontan habe ich heute frei gekriegt von der Arbeit.«

Paul Schmaus reinigt noch die Karbidlampen und macht seinen letzten Kontrollgang. In der Toni-Lenz-Hütte erledigt er die Abrechnung. Dann geht es zu Fuß wieder hinunter ins Tal, morgen ist ein anderer Höhlenführer an der Reihe. Ab dem Beginn der Forststraße Richtung Eishöhlen-Parkplatz kann er ins Auto des Höhlenkundevereins umsteigen. »Die ersten sieben Jahre meiner Zeit als Höhlenführer hatten wir noch kein Auto und mussten alles zu Fuß gehen«, sagt er. Im Tal wird der Wagen sicher geparkt und der Autoschlüssel für den Kollegen in einem Tresor deponiert.

Bis Ende Oktober kann die Eishöhle noch besichtigt werden. Täglich von 10 bis 16 Uhr beginnen zur vollen Stunde Führungen. Im Oktober beginnt die letzte Führung bereits um 15 Uhr. Mehr Informationen gibt es unter www.eishoehle.net. Veronika Mergenthal