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Wunschkonzert bei »Radio-AKTIV«

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Virtuos in Wort und Ton: Der Künstler André Hartmann war der Einladung des Kulturkreises Berchtesgaden ins Kongresshaus gefolgt und überzeugte dort mühelos. (Foto: Berwanger)

Berchtesgaden – Er jongliert mit Noten so virtuos wie mit Worten und hat am Samstag sein Publikum im Kongresshaus sofort für sich gewinnen können: André Hartmann hat viele Seiten und Talente. Ist er Kabarettist, Pianist, Stimmenimitator oder Comedian? Der Starnberger lässt sich erfreulicherweise in keine Schublade stecken. Er war auf Einladung des Kulturkreises Berchtesgaden bereits zum zweiten Mal in Berchtesgaden, diesmal mit seinem neuen Programm »Radio-AKTIV«.


Nicht nur deswegen fremdelte der Enddreißiger keine Minute. André Hartmann ist ein Vollprofi mit der richtigen Mischung aus Distanz und Nähe zum Publikum. Mit dem war er leichtfüßig-elegant schnell per Du. Denn die knapp 70 Gäste im Kleinen Saal des Kongresshauses durften sich unversehens in ein Studio versetzt fühlen. »In wenigen Minuten startet unsere Call-in-Sendung, aber leider sind unsere Studiotelefonleitungen ausgefallen«, eröffnete Hartmann den Abend. »Es wäre ganz genial, wenn Sie so tun, als würden Sie anrufen.« Er habe alle Musiktitel dabei, so der Künstler. »Es ist immer original für Sie, aber vielleicht so, wie Sie es noch nie gehört haben«, kündigte er an. Hartmann sprach dem Publikum Mut zu: »Trauen Sie sich, damit es ein grandioser Abend wird.« Die Gäste aus dem Berchtesgadener Land und Österreich ließen sich nicht zweimal bitten, sie machten zweimal 50 Minuten munter mit und wünschten sich eine breite Palette an Musikstücken. Und so wurde der Abend grandios.

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Inge Meysel und der Hai

Schon aus dem ersten Wunsch von Anruferin Ilse aus Burghausen, einem Tanz von Franz Schubert, zauberte André Hartmann in einem atemberaubenden Tempo eine Folge von musikalischen und fremdsprachlichen Interpretationen. Fast noch schneller als das Publikum lachen konnte, war aus dem Klassiker Inge Meysels Fassung geworden. Plötzlich trug Brechts Haifisch in der Moritat von Mackie Messer die Zähne »tagsüber im Gesicht, doch des nächtens, wenn er nichts beißen muss ...«. Den Rest durften sich die höchst amüsierten Gäste denken, denn Inge Meysel und ihre aus nicht perfekt sitzenden dritten Zähnen resultierende nuschelnde Sprechweise gehören zu Hartmanns fixem Repertoire. Nicht nur die Berlinerin, sondern auch den Wiener Hans Moser kann er mühelos wiederaufleben lassen. Udo Lindenberg, Peter Maffay, Helge Schneider oder Herbert Grönemeyer schienen flugs nach Berchtesgaden gekommen zu sein, wenn der Künstler fast schon zeilenweise von einem zum anderen wechselte. Ebenso atemlos, übrigens dennoch mit der Weigerung, Helene Fischer zu spielen, sprang der Wortakrobat von einer Sprache zur anderen, bunt gemischt von Pizza und Pasta über polnische oder japanische Eigenkreationen bis zur Eurokrise.

So viel Improvisationstalent beeindruckte alle, auch Karin Fiebig aus dem Kulturkreisvorstand. »Er hat die Sache gut im Griff«, attestierte die Bischofswieserin und ehemalige Musiklehrerin dem Künstler Hartmann. Dieser konnte nach der Pause »schon über 50 000 Likes bei Facebook und eine Riesenstimmung da draußen an den Radios« verkünden. Auch im Kleinen Saal wurden die gute Laune und die Dichte der Lachsalven immer größer. André Hartmann, in gelbem Hemd mit brauner Weste, ließ in Konzentration und Improvisation nicht nach. Er faltete die Hände vor dem Bäuchlein, riet dem Publikum, sich wegen seines nicht rasierten Gesichts einfach eine »Conchita Merkel« vorzustellen und schickte auf ein paar salbungsvolle Worte die Kanzlerin vorbei. »Ich werde alle retten, die noch zu retten sind«, kündigte Angela Merkel an, um dann bei der Erwähnung Horst Seehofers einen kurzen Würgereiz zu artikulieren und Alexander Dobrindt, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, die »Zunge Seehofers« zu nennen.

Mitreißender Abend

Beim Wunschlied von Renate aus Bischofswiesen - »Time to Say Goodbye« - fiel Hartmann ein, dass Altkanzler Gerhard Schröder »das eingesungen hat und es wurde ein Massenschlager.« Nach einem mitreißenden Abend, der an guter Unterhaltung für die Ohren und die grauen Zellen keine Wünsche offen ließ, sagte auch André Hartmann auf Wiedersehen. Freundlich, wie er ist, nicht, ohne dem Kulturkreis für die zweite Einladung zu danken. Ina Berwanger