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Wurden Alttiere ohne ihre Kälber erlegt? Neue Vorwürfe gegen Nationalpark

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Verein Wildes Bayern wertet Streckenlisten des Nationalparks Berchtesgaden aus
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Auch an der Bejagung des Gamswilds hat der Verein Wildes Bayern einiges zu kritisieren. (Foto: privat)

Berchtesgaden – Im Streit um den Verdacht auf Abschuss von Muttertieren im Nationalpark Berchtesgaden legt der Verein Wildes Bayern nun nach. Das Aktionsbündnis zum Schutz der Wildtiere sieht sich nach den jüngst herausgegebenen Streckenlisten in seiner Kritik bestätigt. »Die Streckenlisten der im Nationalpark erlegten Tiere enthalten Hinweise, wonach Muttertiere ohne ihr jeweiliges Junges erlegt worden sein könnten«, so der Verein in einer Pressemitteilung vom Dienstag.


Nachdem im Park immer wieder verwaiste Rotwildkälber festgestellt worden waren und nach dem Fund von einer Reihe verhungerter Kälber äußerte der Verein Wildes Bayern den Verdacht, dass im Nationalpark immer wieder Hirschkühe ohne ihre Jungtiere erlegt wurden. »Der Nationalpark versicherte zwar, dass so etwas nie im Park geschehen sei, gab sich aber ansonsten zugeknöpft – es herrscht Nachrichtensperre«, kritisiert das Aktionsbündnis.

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Doch ein bayerisches Gesetz hilft in dieser Lage: Werden sogenannte »Umweltinformationen« nachgefragt, müsse eine Behörde reagieren, heißt es in der Pressemitteilung. Auf diese Weise habe nun der Verein »Wildes Bayern« die Herausgabe unter anderem von Streckenlisten und sogenannten Abschussplanungszahlen erzwungen.

»Obwohl nicht alle gestellten Fragen beantwortet wurden – hier wird der Verein noch den Beschwerdeweg gehen –, konnten aus den vorläufigen Daten bereits erste Schlüsse gezogen werden«, heißt es. Denn es gebe nun Hinweise darauf, »dass Alttiere ohne ihre Kälber erlegt wurden«.
Es scheine beim Jagdregime des Nationalparks vor allem darum zu gehen, »so viele Tiere wie möglich zu schießen«. Andere Gesichtspunkte wie Muttertierschutz und massive Störungen schienen nicht das gleiche Gewicht zu haben.

Der Verein Wildes Bayern sieht die Möglichkeit, dass die vom Nationalpark nun herausgegebenen Streckenlisten nicht ganz vollständig sein könnten. So würden darin einige von Augenzeugen bestätigte Abschüsse nicht auftauchen. Außerdem habe ein Expertengremium in der Auflistung der beiden vergangenen Jagdjahre Hinweise darauf gefunden, dass »entgegen der anderslautenden Stellungnahme der Nationalparkverwaltung Hirschkühe erlegt wurden, ohne dass dazugehörige Kälber im Abschussplan auftauchen«

»Die Staatsanwaltschaft kann diese Fälle lückenlos aufklären, wenn sie sich die Unterlagen zum Wildpretverkauf und die jeweiligen Abschussmeldungen der Nationalparkverwaltung anschaut«, so die Vorsitzende des Vereins Wildes Bayern, Dr. Christine Miller.

Aus den Streckenlisten geht nach Angaben des Vereins auch hervor, wie im Park mit dem Gamswild umgegangen wird. Nicht nur, dass die Gamsabschüsse immer weiter nach oben geschraubt worden seien, zuletzt von 280 Gams im Jagdjahr 2017/18 auf 310 Tiere im zurückliegenden Jahr. »Und das, obwohl bereits im vergangenen Jahr der lange Winter den Gämsen zu schaffen gemacht hatte«, heißt es. Nachdem anstelle der »geplanten« 310 Gams »nur« rund 220 Gams erlegt worden seien, habe der Nationalpark die neue Marge auf 280 Gams »gesenkt«.

»Hier wird ganz bewusst Raubbau mit einer Charakterart der Berchtesgadener Berge betrieben«, empört sich Dr. Miller. »Die Bevölkerung wird das bestimmt nicht verstehen, wenn bekannt wird, dass nach diesem schweren Winter bereits ab dem März 2019 wieder voll in die Gams hineingeschossen wurde.«

Aus der Analyse der Streckendaten werde auch deutlich, dass meist über ein Drittel der Gämsen während der Schonzeit erlegt wurde. Dr. Miller, die selbst seit Jahrzehnten über Gamswild forscht, erläutert: »Das ist besonders perfide, denn im Winter und im Frühling stehen auch die Gams aus der Kernzone in den Gebieten, in denen dann das Feuer auf die vom Winter geschwächten Tiere eröffnet wird. Neben den Böcken werden dabei auch die Jährlinge, die gerade ihren ersten Winter überstanden haben und eigentlich zur Elite eines Bestandes gehören, niedergemacht.«

Und auch beim Gamswild würden sich in der Streckenaufstellung immer wieder Fälle finden, bei denen allein eine erwachsene Geiß erlegt wurde. »Auch hier sollte genau untersucht werden, ob etwa der Muttertierschutz nicht beachtet wurde. Ich denke es ist eine schlechte Strategie, wenn eine Behörde bei derart weitreichenden Anschuldigungen sich in Schweigen hüllt, statt für Transparenz zu sorgen. Ich hoffe, dass nun infolge dieser veränderten Sachlage sich auch das Umweltministerium zum Handeln verpflichtet sieht«, so Christine Miller. fb

Blackbox Nationalpark: Das tote Wild vom Königssee

Die Sendung »quer« berichtet am Donnerstag, den 18. Juli, um 20.15 Uhr zu diesem Thema. (Wiederholung Freitagfrüh um 5.05 Uhr und am Sonntag um 12 Uhr im BR Fernsehen.)

Die Schneeschmelze im Frühjahr brachte sie zum Vorschein: Mehrere tote Hirschkälber, die im Winter verhungert sind – mitten im Nationalpark Berchtesgaden. Tierfreunde wie Wildverbände sind empört, manche erheben schwere Anschuldigungen: Die Mutterkühe seien im Auftrag der Nationalparkverwaltung geschossen und so der Tod der Kälber provoziert worden.

Ist an den Vorwürfen etwas dran? Die Nationalparkverwaltung will keine Abschusszahlen vorlegen – was Verschwörungstheorien über schießwütige Förster weiter anheizt.

Die Sendung ist auch unter www.quer.de und in der BR Mediathek abrufbar.