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Zehn Jahre Brustzentrum Traunstein-Bad Reichenhall

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Mit best- und schnellstmöglicher Versorgung wollen die Mitarbeiter des Brustzentrums Traunstein-Bad Reichenhall den Patientinnen die Angst nehmen und sie in einem Netzwerk so gut wie möglich auffangen.

Interdisziplinarität, Versorgung auf neuestem wissenschaftlichen Stand, individualisierte Therapie und menschliche Betreuung: Für all diese Werte steht das Brustzentrum Traunstein-Bad Reichenhall unter der Leitung des Chefarztes der Frauenklinik, Prof. Dr. C. Schindlbeck, das in diesem Monat sein zehnjähriges Jubiläum feiern kann.


Dr. Eva Weiß, Leitende Oberärztin des Brustzentrums und Zentrumskoordinatorin, blickt auf 16 Jahre Entwicklung zurück: Brustkrebs ist in Deutschland seit Jahren die häufigste bösartige Neubildung der Frau. Im Jahr erkranken etwa 70 000 Frauen in Deutschland neu, das bedeutet, dass etwa jede achte Frau im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs erkrankt.

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85 Prozent werden gesund

Aber Brustkrebs ist auch eine der am besten heilbaren Krebserkrankungen. 85 Prozent aller Patientinnen werden gesund. Für jede dazu nötige Behandlung braucht es einen Spezialisten, der Hand in Hand mit den anderen Spezialisten kooperiert: Gynäkologen, Radiologen, Pathologen, Onkologen, Strahlentherapeuten, Humangenetikern, plastische Chirurgen, Psychoonkologen, Physiotherapeuten, Sozialdienst, Selbsthilfegruppen, Rehabilitationseinrichtungen, Klinik und niedergelassene Fachärzte.

Aufgrund unseres medizinischen Fortschritts werden die Therapiemöglichkeiten, aber auch die Anforderungen an uns behandelnde Ärzte immer komplexer. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, bemühen wir uns seit dem Jahr 2000 um diese interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Beginn der Tumorkonferenz

So setzten sich bereits damals verschiedene Fachrichtungen (Dr. Eva Weiß, heute Leitende Oberärztin und Zentrumskoordiantorin des Brustzentrums, Dr. M. Gluth-Stender, damals Chefin der Strahlentherapie und Dr. U. Kronawitter, niedergelassene Onkologin) zusammen, betrieben den Aufbau der interdisziplinären Zusammenarbeit und besprachen in kleinem Kreis die gemeinsamen Patientinnen. Das war der Beginn der Tumorkonferenz Traunstein!

Heute, 16 Jahre später, ist aus 3 Teilnehmern eine stattliche Tumorkonferenz mit wenigstens 30 Teilnehmern geworden. Alle wichtigen Fachbereiche sind vertreten. Die Konferenz ist mithilfe einer Video-Konferenzschaltung mit kooperierenden Kliniken vernetzt. Hier besprechen wir nun alle Brustkrebspatientinnen gemeinsam und legen eine individuell abgestimmte Therapie fest. Dabei versuchen wir immer, nicht nur auf die medizinische, sondern auch auf die persönliche Situation dieser Patientin einzugehen. Die Tumorkonferenz ist inzwischen zum zentralen Organ aller Organzentren für viele Krebsarten geworden.

Zwischen 2000 und 2006 konnten wir alle an der Diagnostik und Therapie beteiligten Fachbereiche an einen Tisch bringen, Kooperationsvereinbarungen schließen, gemeinsame Behandlungspfade erarbeiten und die Art der Zusammenarbeit definieren. Im Jahr 2004 schloss sich dann auch die Gynäkologie des Krankenhauses Bad Reichenhall dem Brustzentrum Traunstein an und wir wurden das gemeinsame Brustzentrum Traunstein-Bad Reichenhall. Bis dahin im Haus nicht vorhandene Fachbereiche wie Psychoonkologie, Humangenetik und Plastische Chirurgie wurden im Haus etabliert. Wir sind Teilnehmer am Deutschen Mammografie-Screening und seit Oktober können wir unseren Patientinnen für gewünschte Brustrekonstruktionen eine eigene Abteilung für plastische Chirurgie unter der Leitung von CA Prof. Dr. Rahmanian-Schwarz im Klinikum Traunstein anbieten. (Alle am Brustzentrum beteiligten Fachbereiche und Kontaktdaten sind auf unserer Homepage dargestellt.)

Sichere Anlaufstelle in schwieriger Zeit

Und schließlich fand das Brustzentrum auch eine Heimat mit eigenen Räumlichkeiten im Bereich der Frauenklinik Traunstein. Hier konnten wir selbst gestalten und bald wurde aus unserer beruflichen Heimat auch eine Heimat für viele unserer Patientinnen, die mit diesen etwas abgeschirmten Räumen eine sichere Anlaufstelle in einer schwierigen Zeit finden konnten. Auch am Standort Bad Reichenhall konnten unter Chefarzt Dr. Wolfram Turnwald und Oberarzt Dr. Herbert März vergleichbare Strukturen etabliert werden.

Und wozu braucht man das eigentlich alles? Wir möchten mit Ihnen den Weg einer Brustkrebspatientin einmal nachgehen. Stellen Sie sich vor, eine Frau tastet einen Knoten in Ihrer Brust. In der Regel geht sie dann zu ihrem niedergelassenen Gynäkologen oder Hausarzt, der sie wiederum zum Radiologen zur Mammografie schickt. Ergibt sich bei der Untersuchung ein verdächtiger Befund, wird diese Frau in unserem Brustzentrum vorgestellt. Leider steht jetzt eine Zeit mit Unsicherheit, Beratungsgesprächen, vielen Terminen und vielen Untersuchungen bevor. Wir benötigen eine Gewebeprobe. Die wird in örtlicher Betäubung mit einer Nadel aus der Brust entnommen. Die Probe wird vom Pathologen untersucht und nach etwa zwei Tagen erfolgt die persönliche Befundmitteilung an die Patientin, möglichst von Angesicht zu Angesicht und mit etwas Zeit, denn stellen Sie sich vor, man bekommt die Diagnose »Krebs« – und ist zunächst allein.

In diesem Gespräch legen wir einen Plan für die nächste Zeit fest: Untersuchungen, Besprechungstermine, erste Überlegungen zu einer möglichen Therapie. Unseren Patientinnen in so einer neuen und schwierigen Situation sollte möglichst viel abgenommen werden – es bleibt genug übrig, das man mit sich und seinem Umfeld klären muss.

Operation und Bestrahlung

Sind alle Zusatzuntersuchungen in der Radiologie und Nuklearmedizin abgeschlossen, legen wir in unserer interdisziplinären Tumorkonferenz gemeinsam mit allen beteiligten Fachabteilungen einen Behandlungsvorschlag fest. Der wird wiederum mit der Patientin persönlich besprochen. Am liebsten ist es uns, wenn Angehörige oder eine andere Vertrauensperson dabei sind. Und dann beginnt die Therapie, oft mit einer Operation, die in der Regel von uns Gynäkologen durchgeführt wird und in der Mehrheit der Fälle brusterhaltend möglich ist. Hierfür muss man etwa eine knappe Woche stationär in der Klinik bleiben. Nach einer brusterhaltenden Therapie ist eine Bestrahlung nötig, die in der Abteilung für Strahlentherapie im Hause (Chefarzt Dr. Thomas Auberger) oder auch der heimatnächsten strahlentherapeutischen Abteilung ambulant durchgeführt wird.

Um Tumorzellen nicht nur am Entstehungsort zu bekämpfen, sondern auch die, die sich auf den Weg in den Körper gemacht haben könnten, braucht man manchmal eine Systemtherapie (Chemotherapie und/oder antihormonelle Therapie). In der Regel geht auch das ambulant in der Onkologie, die wir sowohl in der Klinikabteilung unter Chefarzt Dr. Thomas Kubin als auch in niedergelassenen Praxen in Traunstein, Trostberg, Bad Reichenhall, Freilassing und Fridolfing anbieten können. Diese Kerntherapie ummantelnd wird die Patientin unterstützt und begleitet durch eine »Breast care nurse« (spezialisierte Krankenschwester), Physiotherapie, Sozialdienst, Psychoonkologie, Seelsorge, Selbsthilfegruppen, Wohlfühlwerkstatt, Schminkkurse und vieles mehr. Um das alles möglichst angst-, stress- und reibungsfrei für unsere Patientinnen zu gestalten, benötigen wir die definierten Abläufe und Strukturen eines Brustzentrums.

Neben der Betreuung und Versorgung unserer Patientinnen hat das Brustzentrum aber noch weitere Aufgaben. Wir nehmen an wissenschaftlichen Studien teil, um neue Wirkprinzipien oder Methoden zu etablieren. Das ermöglicht uns oft neue, gut wirksame Substanzen schon vor deren Zulassung zur Verfügung zu stellen. Wir bilden uns regelmäßig in internationalen Kongressen fort. Wir bilden fort, Patientinnen, Kollegen, Pflegekräfte, Fachangestellte. Die regelmäßige Durchführung von Veranstaltungen für Patientinnen ist ebenfalls eine Aufgabe eines Brustzentrums.

Selbsthilfegruppe stützt

Bei einer dieser Veranstaltungen – einer Lesung und Fotoausstellung von Angela Hasse über an Brustkrebs erkrankte Frauen – wurde die Selbsthilfegruppe »Brustkrebs Chiemgau e.V.« mit der Schirmherrin Renate Steinmaßl gegründet.

Wir pflegen unser Netzwerk mit anderen Kollegen, Einrichtungen, Universitäten. Alles das sind übrigens Voraussetzungen für eine Zertifizierung. Die ersten Brustzentren wurden 2003 in Deutschland zertifiziert. Studien zeigen, dass sich durch die dabei geforderte Bündelung von Erfahrung und Spezialisierung die Behandlungsergebnisse und die Patientenzufriedenheit deutlich verbessert haben.

Am 17. Oktober 2006 wurde das Brustzentrum Traunstein-Bad Reichenhall nach den Anforderungen der Deutschen Krebsgesellschaft (DKS) und den Anforderungen der Deutschen Gesellschaft für Senologie (DGS) erstzertifiziert. Der damalige Landrat Hermann Steinmaßl bekam bei der feierlichen Eröffnung das Zertifikat überreicht. Seither haben wir uns jedes Jahr einer erfolgreichen Rezertifizierung unterzogen.

Hohe Patientenzufriedenheit

Auf diesem Fundament konnten in den Folgejahren weitere Organzentren und schließlich das übergeordnete Onkologische Zentrum Traunstein entstehen. Die gelungene Zusammenarbeit von spezialisierten Klinikärzten und niedergelassenen Kollegen führte zu einer hohen qualitativen Versorgung und Patientenzufriedenheit und zeigt sich letztendlich auch in der seit Jahren steigenden Patientenzahl.

Gemeinsam versuchen wir die best- und schnellstmögliche Versorgung anzubieten, den Patientinnen die Angst zu nehmen und sie in einem Netzwerk so gut wie möglich aufzufangen. Was mit viel Herzblut und Leidenschaft und Mühe aufgebaut wurde, soll den erkrankten Frauen dienen. Umso mehr freuen uns die bislang vielen positiven Rückmeldungen, die uns sogar gegenüber anderen erfahrenen Zentren auszeichnen und eigentlich der größte Lohn sind. Mit Freude und Stolz schauen wir auf 16 Jahre Entwicklung und 10 Jahre zertifiziertes Brustzentrum zurück. Mit Hoffnung und Erwartung und manchmal etwas Bangen schauen wir auf die kommenden Jahre, in denen wir diese Strukturen auch trotz schwieriger werdender Bedingungen für Sie erhalten und verbessern möchten. Dr. Eva Weiß