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Zeichen setzen für Schule und Kita – Stiller Protest vor Rathaus in Unterstein

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Königssee: Stiller Protest in Unterstein – Eltern kritisieren Lockdown, Schulschließung und Homeschooling
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Rund 200 Beteiligte versammelten sich auf dem großen Parkplatz vor dem Rathaus. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Schönau am Königssee – Evi Thomas war sichtlich gerührt: Rund 200 Eltern und Kinder aus dem Berchtesgadener Talkessel und darüber hinaus haben sich am Sonntagabend vor dem Rathaus in Schönau am Königssee versammelt. »Dafür gebührt Euch Applaus«, sagte die Initiatorin, die den stillen Protest gegen Schul- und Kita-Schließungen tags zuvor mit Mitstreiterin Petra Aschauer beschlossen hatte. »Dass so viele Leute kommen, damit hätte ich nie im Leben gerechnet.« Für Eltern und Kinder geht es um viel.


Schulen, die geschlossen bleiben, Kitas, die keine Kinder empfangen dürfen: Viele Eltern im Landkreis fühlen sich allein gelassen. Hunderte kamen bislang zu den stillen Protesten der vergangenen Tage. Der Tenor ist überall derselbe: Die Allgemeinverfügung kam zu schnell, war zu wenig durchdacht. Trotz Vollzug fehlen nun die Lösungen. Eltern und Kinder sind allein auf weiter Flur.

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Kerzen und Laternen haben die Besucher mitgebracht, bemalte Steine mit Botschaften, Kinderzeichnungen und Plakate, auf denen Botschaften den Unmut der Familien ausdrücken.

Der Protest soll nur mit wenigen Worten stattfinden, die Initiatoren wollen ein Zeichen setzen. Denn geschlossene Kindertageseinrichtungen und Schulen erschweren den Familien das Leben. Das Recht auf Bildung ist damit gestorben. Auch Schönau am Königssees Bürgermeister Hannes Rasp ist gekommen. Er trägt Maske, so wie alle Teilnehmer der Demonstration. Sich Gehör zu verschaffen, das ist das Ziel der Teilnehmer, die in großem Abstand auf dem noch viel größeren Parkplatz beim Rathaus Unterstein Position bezogen haben. Bürgermeister Rasp ist überrascht von der Anzahl der Anwesenden.

Aufruf verbreitet sich wie ein Lauffeuer

»Wir möchten Lösungen finden«, sagt er. Zu diesem Zeitpunkt klingt das nicht so, als hätte man sich in der Gemeinde viele Gedanken darüber gemacht, knapp eine Woche nach Verkündung der Allgemeinverfügung.

»Wir haben uns über WhatsApp verabredet«, sagt Evi Thomas. Wie ein Lauffeuer habe sich der Aufruf verbreitet. Etliche hätten die Veranstaltung zum stillen Protest am Samstag in sozialen Medien geteilt. »Dass wir dann so viele werden, war nicht absehbar.« Evi Thomas ist selbst Mutter, so auch Mitstreiterin Petra Aschauer. Sie ist alleinerziehend, hat zwei Jobs. Die Kinder gehen in die erste Klasse.

»Sie lernen gerade, wie man überhaupt erst lernt und ruhig sitzen bleibt«, sagt Aschauer. Es sei eine entscheidende Zeit für Erstklässler. Homeschooling, das Unterrichten über digitale Kanäle im eigenen Zuhause, sei schön und gut, aber eben nicht vergleichbar mit richtigem Unterricht. Die Notbetreuung, die nicht von allen in Anspruch genommen werden kann, sei eine Möglichkeit – vom regulären Unterricht aber sei diese weit entfernt.

»Corona ist keine Gaudi-Krankheit«

Bürgermeister Hannes Rasp sagt: »Corona ist keine Gaudi-Krankheit.« Er weiß das nur zu gut. In seinem näheren Umfeld ist jemand erkrankt. »Ein Patentrezept gibt es leider noch nicht.« Gleiches gilt aber auch für die Betreuung der Kinder. Wie sie die Zeit überbrücken, ob der Unterricht weitergehen und die Kitas nach dem geplanten Ende der Allgemeinverfügung am Montag, 2. November, wieder eröffnen können – niemand weiß das.

Evi Thomas und Petra Aschauer sagen, dass eine »pandemietaugliche Lösung« unabdingbar sei. »Corona ist in unserer Gesellschaft angekommen, wir müssen damit leben.« Die Entscheider hätten sich zu wenige Gedanken gemacht, wie der Spagat zwischen Beruf und Kinderbetreuung für Eltern gelingen kann. Antworten fehlen Bürgermeister Hannes Rasp: »Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Lösung auf unserem Schreibtisch liegen.«

Für die Eltern klingt das desillusionierend. Evi Thomas sagt, dass sich jeder für die Kinder nur das Beste wünsche. »Hotels stehen leer, es gibt Konferenzräume, der Pfarrsaal ist frei.« Es klingt wie der Griff nach dem letzten Strohhalm. Fünf Minuten ohne Worte wünscht sich Familienreferent Jakob Palm von den Beteiligten. Der Parkplatz ist in gespenstische Stille gehüllt.

Petra Aschauer erzählt noch, ihre Tochter habe sich etwas vom Christkind gewünscht: »Dass sie wieder in die Schule gehen darf.«

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Petra Aschauer (l.) und Evi Thomas haben den stillen Protest beim Rathaus in Schönau am Königssee geplant. Auf dem Schild des Kindes steht: »Ich will wieder in die Schule.«

Unser Kommentar: Allein auf weiter Flur

In Sachen Krisenmanagement schlägt sich Landrat Bernhard Kern als Leiter der Verwaltung des Landkreises derzeit mehr schlecht als recht. Die »Daumenschrauben«, die er ins Gespräch brachte, stießen auf großes Unverständnis. Das Gerichtsurteil, das die Schließung der Gastronomie ab 20 Uhr aufhebt, kommuniziert er anhand verdrehter Fakten.

Der Gegenwind, der ihm nun ins Gesicht bläst, ist stark. Mit der vom Landrat und Staatsministerin Michaela Kaniber ausgerufenen und praktizierten Notbetreuung erreichen die Verantwortlichen bei Weitem nicht alle Familien, die sie erreichen müssten. Alleinerziehende und Paare, die nicht wissen, wie sie Job und Kind unter einen Hut bekommen sollen, sind die Folge.

Dass sich über die Betreuung von Kindern bislang nur wenige Gedanken gemacht wurden, zeigt sich in der Gemeinde Schönau am Königssee: Eine Woche nach Inkrafttreten der verschärften Allgemeinverfügung hat Bürgermeister Hannes Rasp nicht mal den Ansatz einer Ahnung, welche Lösung für Kinder und Eltern die beste wäre. Die Sache auszusitzen, wird nicht funktionieren. Die Pandemie wird länger dauern als bis zum 2. November.

von Kilian Pfeiffer