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Zeitloses modernes Märchen für Jung und Alt

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Die völlig irritierte Momo in der Warteschlange am neuen SB-Restaurant des Pizzabäckers. (Foto: Christina Canaval)

Die Zeit ist ein Geheimnis. »Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt«, zitiert das Salzburger Landestheater Michael Ende. Zeit setzt Endes beliebtes Jugendbuch »Momo« mit Leben gleich. Dass dieses Thema in Zeiten der stundenfressenden elektronischen Kommunikation mindestens ebenso aktuell ist wie 1973, als Endes Roman erschien, machte die Jugendtheater-Inszenierung am Landestheater deutlich.


Sie dürfte nicht nur Kindern und Jugendlichen gefallen, sondern auch Erwachsenen. Zur Handlung: Momo, die von einem Kinderheim ausgerissen ist, lebt im alten Amphitheater. Alle kommen gern zu ihr, denn sie hört so gut zu, dass zum Beispiel der Pizzabäcker und der Maurer auf einmal den Grund ihres Streits vergessen. Eines Tages wird alles anders: Alle kommen immer seltener und werden immer hektischer, sogar ihre besten Freunde, der Fremdenführer Gigi und Straßenkehrer Beppo. Schuld sind die »Grauen Herren«, die den Menschen ihre Zeit abschwatzen, um sie auf einer »Zeitsparkasse« anzulegen. Momo entlarvt den Betrug dahinter, eilt mit einer weisen Schildkröte zu »Meister Hora«, dem Herrn der Zeit, und setzt wagemutig dessen Rettungsplan für die Welt um.

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Momo mit ihrem rötlich blonden Wuschelkopf trägt viel zu große Klamotten und einen kunterbunten Flickenrock, doch sie kann begeistern, ohne viel sagen und zu tun: Shantia Ullmann spielt diese Rolle genial. Die anderen Kinder strömen zu ihr. In ihrem Spiel wird das Theater zum Riesen-Schiff. Zu Szenen wie diesen, die mit flotten, gemeinsam gesungenen Liedern unterlegt waren, schuf Nicole Viola Hinz spritzige Choreografien. Werner Friedl verlieh Beppo Bedächtigkeit und tiefe Treue und Meister Hora Würde und Weisheit. Als Gigi überzeugte mit köstlicher Fabulier-Lust und quirliger Natürlichkeit Florian Stohr.

Tolle Regieeinfälle von Marco Dott beleben das Stück: So rücken die oben genannten Streithähne im Amphitheater einer nach dem anderen immer eine Stufe höher, um sich über den anderen zu stellen. Die Bühnenbilder und Kostüme von Manuela Weinguni sind voller Fantasie. So schiebt sich vor das Amphitheater ein Vorhang mit aufgemalten Uhrwerken und Zahnrädern, zwischen denen sich kleine Fensternischen öffnen können. Eingeblendete Geräuschteppiche mit Uhrenticken und Pochen eines Herzens erinnern an das unerbittliche Verfließen der Zeit, das die Angst der Menschen auslöst, mit der die Grauen Herren spielen.

Deren Auftreten wirkt von Anfang bis Ende gespenstisch und jagt kalte Schauer über den Rücken. Als erste wird die unbeschwerte Friseurin Fusi einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen. Alle haben immer weniger Zeit: Der Bub Massimo hat plötzlich ein iPad und muss früher daheim sein, Beppo hat Sonderschicht und Gigi einen Termin. Eine starke Szene ist auch das Tribunal der grauen Herren – mit einer Reihe Pappkameraden ganz oben im Amphitheater – gegen einen »Verräter« unter ihnen, der Momo wegen der Art, wie sie ihn anschaute, das böse Geheimnis verraten hatte. Die Kinder wollen mit Momo eine Protest-Demo gegen die Zeitfresser organisieren, doch keiner von den Erwachsenen kommt.

Gut ein Jahr später sieht Momo erschüttert, was die Grauen Herren angerichtet haben: Pizzabäcker Nino hat nun ein Fastfood-Selbstbedienungsrestaurant. Gigi ist ein berühmter Schauspieler und lässt sich von seiner Zeit-Managerin hetzen. Am Ende befreit Momo die von den Zeitfressern tiefgefrorenen, den Herzen der Menschen entrissenen »Stundenblumen«, sodass Wärme und Liebe wieder über bloßes kaltes Nützlichkeitsdenken siegen. Nicht ganz logisch ist am Ende, dass Momo den Schrank mit den Stundenblumen wieder schließt. Und interessant wäre es auch gewesen, wenn Marco Dott das kurz angerissene Thema »neue Medien« noch mehr in die Deutung von Endes Geschichte einbezogen hätte.

Weitere Aufführungen sind am 19., 20. und 21. Dezember (jeweils 11 Uhr), am 27. Dezember um 15 Uhr und am 6. Januar um 11 Uhr. Veronika Mergenthal