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Zugfahrt ins Verderben

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Auch kleine Kinder schickte man auf Kur und trennte sie wochen- oder gar monatelang von ihren Eltern. (Foto: privat)

Berchtesgadener Land – Über acht Millionen Kinder sind zwischen 1950 und 1990 auf Kur verschickt worden. Sie sollten Krankheiten auskurieren oder an Gewicht zunehmen. Als sie nach einigen Wochen von ihren Eltern wieder in Empfang genommen wurden, waren viele immer noch unterernährt oder krank – und hatten Dinge erlebt, die ihr ganzes Leben prägen sollten. Mehr als ein Dutzend dieser Verschickungsheime gab es im südlichen Landkreis:


Unter ihnen waren auch das Kinderkurheim Carola in Schönau, das Schönhäusl und das Kinderkrankenhaus Felicitas in Bischofswiesen. Vera Frankenberger kam 1975 als Siebenjährige ins Kinderkurheim Carola. Sie sagt, dass sie zum Essen gezwungen und körperlich bestraft worden ist. Heute sucht sie, wie viele andere auch, Antworten auf Fragen, die gar nicht erst hätten aufkommen sollen.

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Villa im Grünen

Das Kurheim in Schönau war prächtig, eine Villa, umgeben von viel Grün, ein Spielplatz mit großer Rutsche vor dem Haus, der Elisenweiher gleich daneben. Vera Frankenberger kann sich noch heute an die vielen Kaulquappen und Frösche erinnern, die sich am Weiher und in dem nahe gelegenen Kneippbecken tummelten.

Doch so herrlich die Idylle von außen wirkte, so streng waren dagegen die Regeln und der Umgang mit den Kindern im Inneren. Die schlechten Erinnerungen von Vera Frankenberger beginnen schon mit der Zugfahrt nach Berchtesgaden. »Um 19 Uhr ging es von Duisburg mit dem Sonderzug nach Berchtesgaden. Wir mussten uns flach auf den Boden legen und durften den Kopf während der gesamten Fahrt nicht heben und auch nicht reden«, erzählt die heute 53- Jährige. »Tak, tak, tak«, die Geräusche im fahrenden Zug sind ihr im Kopf geblieben. Andere Kinder, die bereits im Zug waren, flüsterten: »Sei bloß leise, sonst gibt es Ärger.«

Frankenberger sollte im Schönauer Heim zunehmen, deswegen hatte sie die Kur über die Barmer Krankenkasse erhalten. Im Heim gab es einen Speisesaal, »jeden Morgen sollten wir Milchreis mit Zimt, ein Kompott oder Ähnliches essen«. Vera Frankenberger schmeckte es nicht, sie aß nicht auf. Die anderen Kinder durften nach dem Frühstück zum Spielen nach draußen, sie musste am Tisch sitzen bleiben. Aufessen sollte sie. Tat sie das nicht, musste sie zur Strafe in der Ecke stehen.

»Ich war nicht die Einzige, die so ihre Zeit im Heim verbracht hat.« Viele Kinder weinten oder wurden von den anderen gehänselt, da sie sich nicht an die Regeln hielten. In Erinnerung ist ihr vor allem aber dieser eine Tag geblieben. Die Kinder sollten Mittagsschlaf machen. »Wer nicht schlafen wollte, durfte auch lesen, Hauptsache wir waren still.« Doch wie Kinder so sind, blödelten sie herum, sprangen auf den Betten umher. »Es hat knacks gemacht und mein Lattenrost war gebrochen.« Das blieb nicht unbemerkt, »der Hausmeister kam und schlug mich«. In der folgenden Nacht musste sie mit einer Decke auf einer Holzkiste im Flur sitzen.

»Ich kann mich aber auch an schöne Momente erinnern: Wir waren zu Besuch in Salzburg, im Salzbergwerk und auch am Jenner.« Neigte sich die Woche dem Ende zu, kam der Tag, vor dem alle Kinder Bammel hatten: Sie wurden gewogen. »Wir mussten uns halb nackt in einer Reihe aufstellen und der Arzt und die Schwester wogen uns dann im Krankenzimmer.« Frankenberger hatte – wie so oft – nicht zugenommen.

Die Krankenschwester schimpfte mit ihr. »Deine Mama wird sehr enttäuscht sein von dir«, sagte sie. Als Vera Frankenberger sechs Wochen später nach Hause kam, war das Erste, was ihre Mutter zu ihr sagte: »Du hast ja gar nicht zugenommen.« Erst Jahre später erzählte sie ihren Eltern von den Erlebnissen, sie wollten ihr nicht glauben. Vater und Mutter waren begeistert davon, dass die Krankenkasse so etwas ermöglicht hatte. 1980 reiste die Familie nach Schönau. »Ich wollte da nicht hin.« Frankenberger schlich um das Haus herum, das inzwischen mit Efeu bewachsen war. »Ich hatte Bammel davor, dass jede Minute jemand aus der Tür kommen könnte.«

Bestrafung

So wie Vera Frankenberger erging es vielen Kindern. Im Gespräch stellte sich heraus, dass physische und psychische Gewalt ein gängiges Mittel waren, um Regeln durchzusetzen. Der medizinische Zweck, die Kinder aufzupäppeln oder zu heilen, scheint meist nicht erreicht worden zu sein.

Helene Silvestrini kam im Jahr 1967 als Neunjährige in ein Berchtesgadener Kurheim. Unterlagen fehlen ihr, deshalb weiß sie bis heute nicht, um welches Heim es sich gehandelt hat. »Seit meinem fünften Lebensjahr litt ich an Migräne, der Hausarzt hielt es wohl für angebracht, mich auf Kur zu schicken.« Nach der Zugfahrt kam sie im Kurheim an und musste sich mehrmals in der Woche Blut abnehmen lassen. »Man führte mich immer in dieses gekachelte Zimmer.«

Die Nadeln wurden mit der Zeit immer größer, auch eine Aderlass-Nadel war mit dabei. »Die erkannte ich später wieder: Meine Mutter arbeitete in einer Arztpraxis und dort gab es auch eine solche Nadel.« Therapiert habe man die Migräne in ihrem mehrwöchigem Aufenthalt nicht. »Ich bekam nicht einmal Medikamente.« Man ließ sie einfach in Ruhe, wenn sie einen Anfall hatte. Die Migräne verschwand erst Jahrzehnte später, als die Wechseljahre an die Tür klopften. »Dieses ständige Blutabnehmen hat Narben an den Einstichstellen hinterlassen, heute ist es gar nicht so leicht, eine unvernarbte Stelle zum Einstechen zu finden«, erzählt sie.

An eine andere Art der Therapie kann sich Ulrike Arnold erinnern. 1956 kam sie als Vierjährige ins Schönhäusl und blieb dort für vier Monate. Sie bekam von einem Arzt Spritzen in den Rücken verabreicht, was sich darin befand, das weiß sie bis heute nicht. Den Kuraufenthalt hatte ein Arzt veranlasst, da er eine Hiluslymphknoten-Tuberkulose befürchtete. Die Vierjährige wurde daraufhin von ihren Eltern getrennt. Heute sagt Ulrike Arnold, dass diese Zeit ihr Grundvertrauen zerstört hat.

Arnold sei immer ein anhängliches Kind gewesen, ihre Eltern arbeiteten von zu Hause aus und so erhielten die Kinder viel Zuwendung. Arnold reiste damals zusammen mit ihrer Mutter mit dem Zug an, doch im Heim war diese auf einmal weg. Die Vierjährige verfiel in Panik: »In mir herrschte die ganzen vier Monate über das Gefühl, dass ich entführt worden bin und ich vielleicht doch durch Wohlverhalten eines Tages wieder nach Hause zurückkehren darf.« Niemals hätte sie ihre Mutter ohne Abschied alleine gelassen.

Später erfuhr sie, dass man eine harte Trennung mit Absicht durchführte, um Abschiedsdramen zu vermeiden. Arnolds Mutter übernachtete in einer nahe gelegenen Pension, ehe sie am nächsten Tag die Rückreise antrat. Dort erzählte sie einem Ehepaar ihre Geschichte, das daraufhin versuchte, das Kind ausfindig zu machen. Tatsächlich traf das ältere Paar die Vierjährige alleine am Zaun an. Die beiden machten ein Foto für die Mutter. Das Bild existiert noch heute. Es zeigt ein verängstigtes und eingeschüchtertes Mädchen.

Angst und Zurückhaltung haben auch das Leben von Wolfgang Schmidt* (Name von der Redaktion geändert) geprägt. Er führt dies unter anderem auf seinen sechswöchigen Kuraufenthalt 1966 im Kinderkrankenhaus Felicitas zurück. Schmidt hat an die Kur selbst kaum eine Erinnerung, allerdings war er Erzählungen seiner Mutter zufolge danach völlig apathisch. Er kam in das Krankenhaus, da er unter Bronchialproblemen litt. Man entfernte die Polypen, seine Nase war – als er wieder nach Hause kam – völlig verkrustet. Schmidt war erst zwei Jahre alt, als er von seinen Eltern getrennt wurde.

»Ich habe mein ganzes Leben lang ein Loch im Inneren verspürt, das ich nicht füllen konnte.« Er sieht zwar keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Kuraufenthalt und seinen späteren Problemen, allerdings sei ihm im Kinderkrankenhaus das Grundvertrauen genommen worden. »Ein zweijähriges Kind, das für sechs Wochen von den Eltern getrennt wird, versteht die Welt nicht mehr.« Wolfgang Schmidt entwickelte Zwangsneurosen und Depressionen. 30 Jahre lang kämpfte er mit seiner Vergangenheit. Verlustängste prägten sein Leben. Das ging so weit, dass er zu Studienzeiten seiner Freundin ins Ausland nachreiste. »Meine Seele war wund, der Kern ist raus gestanzt worden.«

Das Schicken der Kinder auf Kur war besonders in den 1950er- bis 70er-Jahren ein gutes Geschäft. Für etwa 12 DM pro Tag sollten die Kinder verpflegt, betreut und behandelt werden. Ermöglicht wurden all die Aufenthalte von den Krankenkassen, Eltern hatten nur einen geringen Zuschuss zu zahlen. Unterschieden wurde dabei hauptsächlich, welche Diagnose ein Kind gestellt bekommen hatte. So wurden Kinder mit schwereren Erkrankungen in Kinderkurkliniken wie in das Kinderkrankenhaus Felicitas geschickt, die unter ärztlicher Leitung standen. Kinder, die beispielsweise an Untergewicht litten, schickte man in Kindererholungsheime. Einen Arzt im Haus gab es dort nicht.

Grundlage für das Verhalten des Personals war unter anderem wohl ein Buch von dem damaligen Kinderfacharzt Dr. Sepp Folberth mit dem Titel »Standardwerk über Kinderheime und Kinderheilstätten«, das Aufschluss darüber geben sollte, wie mit den Kindern zu verfahren sei. In unterschiedlichen Kapiteln zeigt er zusammen mit Ärztekollegen auf, wie die Trennung zu den Eltern zu erfolgen hat, wie Kinder gemaßregelt und wie sie ernährt werden sollen.

Betreuer werden demnach ausdrücklich dazu aufgefordert, die Kinder schnell von den Eltern zu trennen. Es sei nicht sinnvoll, die Eltern in die bestehende Gruppe zu führen, da sonst nur alle anderen Kinder auch an ihre Eltern erinnert werden würden. Auch Briefe sollten vor dem Absenden kontrolliert werden, denn negative Erzählungen der Kinder seien gerade in den ersten Tagen sehr häufig, würden die Eltern in Sorge versetzen, zugleich aber nicht die tatsächlichen Umstände schildern. Besuche der Eltern sollten ebenfalls nicht erfolgen, denn dadurch könne der Erfolg der Kur gemindert werden.

Auch das Thema »Strafen« wird behandelt. So sollten Kinder grundsätzlich nicht geschlagen werden, falls ein entsprechendes Verhalten aber nur eine solche Strafe nach sich ziehen könne, sollte das Kind immerhin nicht ins Gesicht geschlagen werden. Ansonsten könne man es mit Wegnehmen von Spielsachen oder dem Nichtteilnehmenlassen an bestimmten Aktionen bestrafen.

Nationalsozialistisch geprägte Pädagogen?

Heute geht man davon aus, dass unter anderem die hohe Anzahl an Kindern dazu führte, dass das Personal überfordert war. Besonders in den Sommermonaten waren die Heime gut gefüllt. Viele der Betreuer erlernten ihre »pädagogischen Fähigkeiten« zur Zeit des Nationalsozialismus und hatten diese Werte verinnerlicht. Ein Beispiel geben das Schönhäusl und auch das Kinderkrankenhaus Felicitas ab. Beide Häuser waren bis 1946 NSV-Heime und wurden im Anschluss von der Katholischen Jugendfürsorge München und Freising übernommen und betrieben.

Albert Viethen war ab Mai 1949 Chefarzt im Kinderkrankenhaus Felicitas. Der Arzt war zuvor Leiter der Universitätskinderklinik in Erlangen. Dort soll er 20 Kinder in die »Kinderfachabteilung« Ansbach überwiesen haben. Sie sollen anschließend Opfer der »Kindereuthanasie« geworden sein. Verurteilt wurde Viethen trotz Anklage nicht. In einem 2004 veröffentlichen Artikel mit dem Titel »Wir Ärzte strebten nach Ruhe und schlängelten uns so durch«, erschienen in der Monatsschrift Kinderheilkunde, kommen die Autoren zu dem Ergebnis: »Dass Viethen von der in Ansbach systematisch praktizierten ›Kindereuthanasie‹ wusste, ist wahrscheinlich, aber nicht nachweisbar.«

Viele der Betroffenen vernetzen sich über die »Initiative Verschickungskinder«, die sich um die Aufarbeitung und Informationsbeschaffung kümmert und Suchenden Ansprechpartner vermittelt. Heute liegen der Initiative mehr als 1 900 Berichte vor, rund 60 davon stammen aus dem südlichen Landkreis und berichten über die Zustände in etwa 15 verschiedenen Einrichtungen. Sie werden von Sabine Zeis gesammelt, sie ist Heimortkoordinatorin für Schönau, Berchtesgaden sowie die Umgebung und hat vor Kurzem auch Aufgaben für die Landeskoordination Bayern übernommen.

Die »Initiative Verschickungskinder« will, dass das Leid offiziell anerkannt wird. Die Geschehnisse sollen historisch aufgearbeitet werden. »Die offizielle Anerkennung ist auf Bundesebene bereits erfolgt«, sagt Sabine Zeis und fügt hinzu: »Eine konkrete Forderung an die Politik ist die Freigabe von Forschungsgeldern, damit weitere Studien finanziert werden können.« Dazu zähle die Aufklärung über die Rolle der Träger und Kassen. »Auch die Schnittstellen zwischen NS-Ideologien und schwarzer Pädagogik sollen erforscht werden.«

Die Betroffenen würden ein großes Bedürfnis nach Vernetzung verspüren. »Manchen reicht schon der gemeinsame Austausch, sich einfach gefunden zu haben – zu wissen, damit nicht allein zu sein.« Das Erlebte hat bei vielen Menschen traumatische Spuren hinterlassen. »Der gemeinsame Austausch hilft, die belastenden Erinnerungen einzuordnen und zu bewältigen.«

Wie geht es weiter?

Es soll weiter recherchiert, geforscht und vernetzt werden. Dazu gehöre auch, Kontakt mit der jeweiligen Landespolitik und den Medien herzustellen. Auch ein Buch über das Thema soll 2021 veröffentlicht werden.

Sabine Zeis war selbst Verschickungskind. Sie kam 1966 als Achtjährige auf den Ponyhof nach Schönau. »Tiefe Verbundenheit und großes Interesse« treiben sie heute an. Als Pädagogin ist sie besonders daran interessiert, die traumatisierende Wirkung der NS-Erziehungsideale auf Kinderseelen zu beleuchten.

Wer selbst in einem Kurheim war und sich mit anderen Betroffenen austauschen will, kann sich zunächst über die Website www.verschickungsheime.org informieren. Ein Kontakt ist auch über die Landeskoordination möglich: Sabine Zeis (bayernverschickung@gmx.de) oder Ingrid Runde, Anger 2, 82064 Strasslach-Dingharting, (ingridrunde@web.de).

Lena Klein