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Zur Not nimmt man sich eine Geisel als Gesprächspartner

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Der von Einsamkeit geplagte Herr Meier (Laurentius Fischer, stehend) entführt Herrn Schulz (Peter Formanek) und hält diesen in seiner Wohnung fest. Nachbarin Frau Müller (Kirsten Benekam) wird Zeugin der Geiselnahme. (Foto: Hans Eder)

Rein technisch hat der Mensch von heute die Kommunikation mit den Mitmenschen bestens im Griff, Facebook und SMS verbinden einen mit jedem und zu jeder Zeit und weltweit. Ob das aber genügt, dass man »nie wieder einsam« ist, wie das neue Stück des Vereins KulturGut Ising heißt, das jetzt Premiere hatte? Dem Protagonisten auf der Bühne ganz offenbar nicht: Um seiner Vereinsamung zu entgehen, nimmt er sich in seiner Verzweiflung eine Geisel, um wenigstens auf diese Weise einen Ansprechpartner zu haben – auch wenn’s nicht freiwillig ist.


Als Geiselfarce und Komödie ist dieses dritte Schauspiel des Vereins KulturGut Ising auf der Bühne des »Isinger Saals« auf Gut Ising angekündigt. Eine Farce – laut Lexikon die »Darstellung von unwahrscheinlichen oder extravaganten, aber häufig denkbaren Situationen« – ist das Stück wohl, aber nicht wirklich eine Komödie; oft genug bleibt einem ob der Absurdität der Situation das Lachen fast im Hals stecken.

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Kurz die Handlung: Der von Einsamkeit geplagte Herr Meier (Laurentius Fischer) entführt Herrn Schulz (Peter Formanek) und hält diesen in seiner Wohnung fest – einfach um einen Gesprächspartner zu haben. Die Nachbarin Frau Müller (Kirsten Benekam), ebenfalls ungewollt einsam, wird rein zufällig Zeugin der Geiselnahme. Anstatt aber etwa die Polizei zu rufen, beteiligt sie sich an dieser absurden »Ménage à trois«.

Dass Herr Meier ganz offensichtlich enormen Gesprächsbedarf hat und innerlich ziemlich gestört ist, was Laurentius Fischer sehr gut verkörpert, zeigt sich etwa daran, dass er sich lang und breit über das problematische Phänomen auslässt, ob nun ein Käsebrot mit oder vielleicht doch ohne Gurke besser schmeckt. Und auch eine weitere Bemerkung spricht Bände: Als es bei ihm an der Tür klingelt, was in dem Moment natürlich nicht ganz günstig ist, meint er ganz erstaunt: »Wochenlang klingelt bei mir nichts außer meinem Wecker.«

Und auch bei der überkandidelten Frau Müller – eine Rolle, in der Kirsten Benekam zu Hochform aufläuft – merkt man an ihrem nicht zu bremsenden Redeschwall, dass ihr natürliches Mitteilungsbedürfnis zumindest schon seit längerem nicht mehr wirklich befriedigt werden konnte. Und von daher ist sie über die Geisel-Idee des Herrn Meier einfach nur begeistert: »Toll, toll, toll! Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin!«

Und dazwischen sitzt der arme Herr Schulz, zunächst mit verbundenen Augen und mit Handschellen gefesselt. So muss er sich, zunächst stumm und ganz verängstigt, was Formanek sehr eindrucksvoll zum Ausdruck bringt, eine Debatte über die Verantwortung anhören, die sich ergebe, wie Frau Müller meint, wenn man sich so eine Geisel »hält«. Herr Meier winkt aber ab: Das sei kein Problem, meint er, schließlich habe er vorher bereits ein Meerschweinchen gehalten.

In der Tat erweist sich die Situation mit zunehmender Spieldauer als unproblematisch, die Szenerie wird geradezu gemütlich – es zeigt sich, dass nicht nur Herr Meier und Frau Müller, sondern auch Herr Schulz sich in dem neu gewonnenen Miteinander sehr wohlfühlen. Herr Meier liest die Zeitung, Herr Schulz deckt den Tisch, Frau Müller bringt den Kuchen mit. Es eröffnen sich vorher nicht da gewesene zwischenmenschliche Horizonte – wobei die freundliche Atmosphäre nicht über den düsteren Hintergrund und den offensichtlich hohen Grad der Vereinsamung der Beteiligten hinwegtäuschen kann. So regt das Stück aus der Feder von Marc Becker mitunter schon zum Lachen, viel mehr aber zum Nachdenken an. Witzige Dialoge, überraschende Wendungen sowie schräge Situationskomik versprechen einen unterhaltsamen Theaterabend.

Der doch eher düstere Hintergrund der Szenerie wird auch durch das Bühnenbild ausgedrückt. Umgeben von einem schwarzen Vorhang stehen auf der Bühne nur Tisch, Stühle, ein Sessel und ein großer Kühlschrank. Weitere Gegenstände oder Räumlichkeiten wie Eingangstür oder Bad werden pantomimisch dargestellt.

Die weiteren Termine des Stücks »Meier Müller Schulz oder Nie wieder einsam!« unter der Regie von Bernhard »Hank« Höfellner sind am heutigen Freitag und am Sonntag sowie an den Samstagen, 29. März und 12. April. Kartenreservierung ist unter Telefon 08669/5263 möglich, Infos gibt es unter www.kulturgut-ising.de. Hans Eder