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Zusammenfassung des Tages in Raiten: Ein kontrolliertes Auslösen ist »derzeit keine Option«

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Am Donnerstag flogen Polizisten und Mitglieder der Lawinenkommission mit einem Bundeswehrhubschrauber zum Gipfel der Hochplatte, wo sich die Lawine zu lösen droht. Sie entnahmen nach Angaben des Landratsamtes Schnee-Profilproben, um die Schneekonsistenz zu eruieren. (Foto: FDL/Lamminger)

Warten war am Donnerstag das Gebot der Stunde sowohl für die Bewohner des am Mittwoch komplett geräumten Schlechinger Ortsteils Raiten als auch für die Hilfskräfte. Soll die Lawine kontrolliert ausgelöst werden, oder wartet man, bis sich die Situation wetterbedingt von selbst ent- oder verschärft – diese Fragen blieben auch am Donnerstag offen.


Der Schlechinger Ortsteil Raiten war am Mittwoch aufgrund akuter Lawinengefahr geräumt worden. Insgesamt sind im betroffenen Bereich 266 Personen gemeldet. Der größte Teil der Betroffenen kam einstweilen bei Familienangehörigen, Freunden oder Bekannten unter. Für alle anderen hat die Gemeinde Schleching Unterkünfte organisiert. Unterbringungen in der Notunterkunft des Landratsamts waren daher kaum notwendig. Allerdings müssen sich die Bewohner von Raiten darauf einstellen, noch weitere zwei bis drei Nächte nicht nach Hause zurückkehren zu können, wie es aus dem Landratsamt heißt. Um das Geisterdorf vor Einbrechern zu schützen, riegelt die Polizei die Zufahrtswege nach Raiten ab.

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Auch die Tiere der von der Räumung betroffenen, landwirtschaftlichen Betriebe wurden am Donnerstag zwischen 4 und 5 Uhr mit einer konzertierten Aktion der Landwirte und des Landratsamts aus der Gefahrenzone gebracht. Gerettet wurden nach Angaben des Landratsamts 80 Rinder, fünf Ziegen, ein Schaf, ein Pferd und ein Hase. Über den Verbleib der Katzen war dem Traunsteiner Tagblatt bis Redaktionsschluss für diese Ausgabe nichts bekannt, Hunde werden die Besitzer mutmaßlich bei sich haben.

Doch wohin in der Not mit 80 Rindern, und wie sie so schnell transportieren? Denn das Zeitfenster, in dem es überhaupt möglich war, sie zu retten, war denkbar eng, wie ein Sprecher des Landratsamts dem Traunsteiner Tagblatt bestätigte. Das ging nur um diese kälteste Zeit der Nacht, während der ein Lawinenabgang relativ betrachtet unwahrscheinlicher war als zu jedem anderen Zeitpunkt, so die Einschätzung der zuständigen, örtlichen Lawinenkommission.

Dennoch riskierten die beteiligten Schlechinger Landwirte für ihre Tiere Kopf und Kragen. Mit Hilfe des Veterinäramts wurden zwei Lastzüge zum Transport der Tiere organisiert, sechs Bauern fuhren mit ihren eigenen Autos und Anhängern. »Die haben da super zusammengearbeitet und auch die Unterbringung der Tiere organisiert«, so der Sprecher des Landratsamts. Denn natürlich könne man die Tiere nicht einfach ihrem Schicksal überlassen, besonders nicht Kühe, die dringend gemolken werden mussten. Glücklicherweise ging alles gut über die Bühne, weder Tier noch Mensch kamen zu Schaden.

Kühe nach Schönram und Kirchhalling gebracht

»Zunächst wurden die Tiere aus den Ställen getrieben auf einen schnell abgezäunten Parkplatz vor dem Raitener Wirtshaus. Dort wurden sie gruppenweise in die Viehtransporter geladen«, wie unsere Ortsberichterstatterin Sybilla Wunderlich erfragte. Die Kühe kamen demnach nach Schönram zu einem Bauern, der erst vor kurzem seinen Hof aufgegeben hatte und somit die komplette Melkanlage und weiteres Gerät zur Verfügung stellen konnte. Das Pferd wurde nach Unterwössen geführt, die Kälber kamen ebenfalls nach Unterwössen. Kalbinnen wurden von befreundeten Bauern in Kirchhalling und Kirchanschöring aufgenommen.

Die Bergwacht Schleching verteilte Funkgeräte an die Helfer, denn der Ort durfte ja eigentlich nicht betreten werden. Jeder musste sich an- und abmelden, der sich für die Hilfsaktion im Ort aufhielt. Georg Hacher von der Schlechinger Feuerwehr hatte über 30 Helfer – junge Landwirte – organisiert, die sich mit den Tieren auskannten. Alle halfen zusammen, die Schlechinger Bauern, die Feuerwehr und die Bergwacht, angeleitet von Bürgermeister Josef Loferer und Mitgliedern des Rinderzuchtverbands Traunstein. Die ganze Aktion dauerte nur eineinhalb Stunden dank der guten Organisation, berichtete der Raitener Landwirt Sepp Hell, der von der großen Hilfsbereitschaft und dem Zusammenhalt im Ort beeindruckt war. Jetzt müssen zwar die Bäuerinnen zweimal am Tag nach Schönram zum Melken und Füttern, aber die Tiere stehen dort im Stall in Sicherheit und das ist das Wichtigste für die Bauern.

Im Laufe des Donnerstags wurden mehrere Erkundungsflüge über das betroffene Gebiet an der Hochplatte unternommen und Proben entnommen, um die Schneestruktur besser einschätzen zu können. »Wir können derzeit nur abwarten«, bestätigte der Pressesprecher des Landratsamts, Michael Reithmeier, unserer Zeitung. Die Lawine kontrolliert auszulösen, sei es mit einer Sprengung oder durch einen Hubschrauber, »ist derzeit keine Option«, so Reithmeier. Allerdings könne die Staublawine jederzeit von alleine losgehen, daher beobachte man die Situation sehr genau. Auch das Wetter spiele für die Entspannung oder Verschärfung der Situation eine entscheidende Rolle, denn die Sonne sei der Motor der Lawine.

Wie »brandgefährlich« die Situation in Raiten sei, beschreibt Landrat Siegfried Walch in einem Online-Statement: »Die Lawine hat nach Einschätzung der örtlichen Lawinenkommission das Potenzial, 400 km/h schnell zu werden.« Daher appellierte der Landrat an alle, Bewohner wie etwaige Wintersportler, sich unbedingt an das Betretungsverbot zu halten.

Bereits vor zehn Jahren, im Februar 2009, ist an ähnlicher Stelle eine Lawine abgegangen. Seither liegt der Ort, weil damals viel Bergwald zerstört wurde, schutzlos unterhalb der Hochplatte. Die Lawine war damals, wie in der Ausgabe des Traunsteiner Tagblatt vom 26. Februar 2009 zu lesen ist, bei einem Rettungseinsatz ungewollt von einem Hubschrauber ausgelöst worden. Auf dem benachbarten Geigelstein waren damals die Oberkaseralm und die damalige Bewohnerin von einer Lawine verschüttet worden. »Schon beim Anflug ging eine weitere Lawine los: Vom Gipfel der Hochplatte lösten sich an einem Süd-Ost-Hang die Schneemassen und stürzten auf einer Länge von etwa 400 Metern in Richtung Unterwössen.«

Das Betreten und Befahren des Ortsteils Raiten ist bis auf Weiteres für jedermann, auch für Einsatz- und Rettungskräfte verboten. Der Verbotsbereich umfasst alle Grundstück im Ortsteil Raiten, einschließlich Emperbichl. Ausnahme ist die Bundesstraße 307.

In Reit im Winkl krachte es im Gebälk

Angespannt ist auch die Situation in Reit im Winkl. Dort waren am Donnerstag mehr als die Hälfte der 1300 Hilfskräfte im Einsatz. Eines der gefährdetsten Häuser in Reit im Winkl war das Anwesen Ferienwohnung St. Sebastian im Ortsteil Groißenbach. Als die Meldung kam, dass es im Gebälk dieses großen Hauses bereits gekracht hatte, schickte das Landratsamt Traunstein drei Kräne und eine Arbeitsbühne. Wie uns Einsatzleiter Helmut Frohwieser von der Freiwilligen Feuerwehr Reit im Winkl mitteilte, sind seit Mittwoch früh 45 Soldaten der Bundeswehr damit beschäftigt, das Anwesen von der großen Schneelast zu befreien. Bis die Gefahr beseitigt ist, dürfen die Bewohner des obersten Stockwerks ihre Wohnungen nicht mehr betreten.

Ein Betretungs- und Befahrungsverbot gilt für den Bereich der Bundesstraße 305 zwischen Seegatterl und Seehaus. Auch hier darf niemand, auch keine Einsatzkräfte, in das gesperrte Gebiet. Der Verbotsbereich umfasst alle Grundstücke entlang der Bundesstraße 305, inklusive der parallel verlaufenden Langlaufloipe, zwischen Seehaus und Seegatterl.

Im Berchtesgadener Land entspannt sich die Lage leicht. In den südlichen Landkreisgemeinden waren für die 1168 Hilfskräfte am Donnerstag noch knapp 200 Dächer von der Schneelast zu befreien. Bisher wurden insgesamt 1400 Dachanlagen vom Schnee abgeräumt. coho/vew/sh