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Zutiefst berührende Reden »ungehaltener Frauen«

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Maria (Berta Berthold) ist nicht die einzige Frau, die im k1 viel zu sagen hat. (Foto: Mix)

Im Monologzyklus mit dem Titel »Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen« lässt die Autorin Christine Brückner Frauen zu Wort kommen, die zu Lebzeiten nichts oder nicht viel zu sagen hatten. Es waren die Männer an ihrer Seite, die im Rampenlicht standen und große Reden schwangen. Das »Theaterchen O« hat fünf Monologe der Schriftstellerin ausgesucht und präsentiert diese in der Herbstspielzeit im Studiotheater des Traunreuter k1. Bei der Premiere lauschten die Besucher den »ungehaltenen Reden« mit großem Interesse und zeigten sich zutiefst berührt.


Vier Frauen der Geschichte kommen in dem Theaterstück zu Wort: Christiane von Goethe, Gudrun Ensslin, Eva Braun, Maria. Dazu kommt die Rede eines ungeborenen Kindes, das in Utrecht abgetrieben wurde. Die fünf Darstellerinnen sind zunächst in rollenden Kästen verborgen, nur ihre Silhouetten sind sichtbar. Diese Kästen bewegen sich über die Bühne und stellen die Waggons des Zuges nach Utrecht zur Abtreibung dar, eine überaus gelungene Idee des Regisseurs Dieter Bommer. Jeweils eine der Frauen tritt hervor und hält ihren Monolog.

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Böse Gerüchte über Christiane von Goethe

Irmi Gstöttner verkörpert Goethes Ehefrau Christiane von Goethe und geht in dieser Rolle voll und ganz auf. Sie sitzt im Vorzimmer der verwitweten Oberstallmeisterin Charlotte von Stein, einer ehemals sehr engen Freundin des Dichters. Da die Witwe Frau Goethe nicht empfangen will, hält diese ein lautes Selbstgespräch. Sie rechnet dabei nicht nur mit der Dame hinter der Tür ab, die sie offenbar nicht mag, erzählt, wie sie von der Weimarer Gesellschaft gemieden wird, berichtet von ihren guten Zeiten mit Goethe und widerspricht so manchen bösen Gerüchten über ihre Person, die ihre das Leben schwer machten.

Als Terroristin Gudrun Ensslin und Mitglied der Bader-Meinhof-Bande kommt Anja Rosengart auf die Bühne. Sie sitzt im Gefängnis in Stadelheim, wandert ruhelos in der kleinen Zelle auf und ab und lässt dabei ihr Leben Revue passieren. Als Tochter eines evangelischen Pastors gehen ihr noch immer die Sprüche und Ermahnungen ihres Vaters durch den Kopf. Mit Richtern und Anwälten will sie nicht sprechen – lieber schreit sie ihre Wut gegen die Zellenwände, sinniert über ihre Aktivitäten als Terroristin nach, überlegt, was aus ihrem Sohn Felix werden soll, wenn sie nicht mehr da ist, spricht vom geplanten Selbstmord. Die Verzweiflung und Zerrissenheit der Gefangenen lässt die Darstellerin Anja Rosengart deutlich erkennen.

Die selbstbewusste Eva Braun, die absolut überzeugend gespielt wird von Inga Hefele, sitzt im Führerbunker vor dem Spiegel und schminkt sich, während sie dem anwesenden Oberleutnant ihre Erlebnisse mit Hitler und ihre innersten Gefühle offenbart. »Ich hätte die ersten Stunden meiner Ehe lieber mit ihm verbracht, aber es heißt Opfer bringen«, berichtet sie und bereitet sich auf den gemeinsamen Freitod vor, den sie schon für den nächsten Tag zusammen mit ihrem Mann geplant hat. Sie denkt noch einmal an viele schöne Stunden auf dem Obersalzberg zurück, verherrlicht ihren Geliebten, den sie nur »mein Führer« nennt, steht voll hinter ihm und seinen Taten und betont: »Er hat nur Deutschland und mich geliebt.«

In der judäischen Wüste betet Maria, eine Paraderolle für Berta Berthold, zum Herrgott. Sie klagt ihm ihr Leid, weil sie nicht gefragt wurde, ob sie die Mutter des Heilands sein will. »Vielleicht schickst du mir noch einmal deinen Engel, damit ich verstehe, was ich nicht verstehen kann«, bittet sie. Maria spricht von Zweifeln, von der für sie schwierigen Situation, weil Jesus im Grunde nicht ihr Sohn, sondern Gottes Sohn ist, von der Verfolgung, die sie und die anderen Christen durchleben müssen, und gesteht, dass sie müde ist, »zum Sterben müde«.

Besonders ergreifend ist der fünfte Monolog, der des ungeborenen Kindes. Daniela Friedrich sitzt dabei in einem weißen Kleid auf der völlig abgedunkelten Bühne und mit einer Puppe im Arm. Schnell wird deutlich, dass die gesprochenen Worte vom Kind stammen, das abgetrieben wurde und nicht leben darf. Das Ungeborene will von seiner Mutter wissen, warum es nicht zur Welt kommen durfte. Dass der Mutter, die keine Mutter sein wollte, dieser Schritt später leidtun werde und sie, das ungeborene Mädchen, sich immer wieder mal bei ihr in Erinnerung rufen wird, prophezeit das Kind: »Du warst die Einzige, die mir eine Lebenschance hätte geben können. Ich bin nicht wiederholbar, wie du dir einreden willst.« Es hätte auch noch andere Möglichkeiten gegeben, stellt das Ungeborene klar: eine Adoption gleich nach der Geburt zum Beispiel. »Meine Lebenschancen hätten sich durch eine Adoption verbessert. Aber mich, um die es ging, hat man nie gefragt.«

Alle fünf Darstellerinnen überzeugen voll und ganz

Alle fünf Darstellerinnen überzeugen voll und ganz, gehen in ihren Rollen auf und schlüpfen in die Gestalt der gezeigten Frauen mit all ihren Sorgen und Problemen. Neben den Damen sind auch noch drei Männer am Stück beteiligt, die allerdings nicht ein Wort zu sagen haben.

Nichtsdestotrotz haben die Herren wichtige Aufgaben: Robert Schröder gibt als Schaffner mit seiner Trillerpfeife die Kommandos für die Abteile des Zuges, die sich zwischen den Monologen über die Bühne bewegen. Alex Gruber ist der stumme, devote Diener der Oberstallmeisterin Charlotte von Stein und überbringt Gudrun Ensslin als Wärter die Gefangenenkleidung. Simon Müller steht als Vater mit Baby im Hintergrund, wenn das ungeborene Kind spricht, und stellt den stummen, einarmigen Oberleutnant dar, der die Reden von Eva Braun geduldig über sich ergehen lässt.

Das Team des »Theaterchen O« hat zusammen mit Regisseur Dieter Bommer mit »Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen« kein leichtes Stück ausgesucht. Die Reden regen aber zum Nachdenken an, die Zuschauer leiden mit den Figuren, verspüren Mitleid mit ihnen. Mit ihrem begeisterten Applaus zeigten die Besucher, wie sehr sie das Stück bewegt und begeistert hat. Weitere Aufführungen sind am 15., 19., 20., 26. und 27. Oktober immer um 20 Uhr sowie an den Sonntagen 16. und 23. Oktober um 16 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf des k1. Pia Mix