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Zuzug von Arbeitskräften dringend benötigt

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Sozialraumanalyse Berchtesgadener Land: Zuzug von Arbeitskräften dringend benötigt
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Dr. Herbert Tekles (vorne Mitte) präsentierte den Kreisräten die Sozialraumanalyse. Zuvor hatte Dr. Uwe Gretscher dem Gremium und Landrat Bernhard Kern (r.) Aktuelles von den Kliniken Südostbayern mitgeteilt. (Foto: Annabelle Voss)

Berchtesgadener Land – Dr. Herbert Tekles hat dem Kreistag des Berchtesgadener Landes die Ergebnisse der Sozialraumanalyse vorgestellt. Das Ergebnis: Es ist allerhöchste Eisenbahn, was Kinderbetreuungsplätze angeht. »Die Stellschraube Kinderbetreuung wird viel ausmachen«, sagte der Experte der Firma »Demosplan« aus Pocking mit Nachdruck.


Die Firma war mit der Erstellung der Sozialraumanalyse für den Landkreis beauftragt worden. Zu den Kreisräten sagte Dr. Tekles: »Corona verschafft Ihnen eine Verschnaufpause. Aber viel Luft haben Sie nicht, um neue Betreuungsplätze zu schaffen.« Das Thema sei auch entscheidend für Fachkräfte, die ins Berchtesgadener Land ziehen wollen. »Die Leute fragen sich: Gibt es genügend Betreuungsangebote für mein Kind?«

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Dauerhafter Strukturwandel

Die Firma Demosplan fertigt demografische und soziale Planungen an. Der Landkreis hatte die Firma nach einem Vergabeverfahren im September 2019 mit einem Gutachten beauftragt. Die Bevölkerungszahlen im Landkreis sind laut Dr. Herbert Tekles »mehr oder weniger stetig gewachsen«. Deutlich erkennbar ist ein dauerhafter Strukturwandel. Ins Auge gefasst wurden die Themen Wohnen, Familie, Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Soziale Indikatoren, Infrastruktur und Demografie.

Zur Altersstruktur der Landkreisbürger sagte Dr. Tekles, dass die Babyboomer deutlich herausstechen. Zudem gebe es einen sehr hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund. Die meisten Einwanderer stammen aus Österreich und dem Balkan. Beim Blick auf die Entwicklung der Anzahl der über 75-Jährigen im Landkreis zwischen 2000 und 2019 ist ein deutlicher Anstieg erkennbar.

»Der Arbeitsmarkt braucht Fachkräfte«

Als der Fachmann den Kreisräten eine Grafik mit dem Anstieg des Ausländeranteils im Landkreis zeigte, betonte er deren Wichtigkeit: »Der Arbeitsmarkt derzeit braucht dringend Fachkräfte.« Man könne auf den Zuzug dieser Kräfte nicht verzichten. Umso wichtiger ist es, Wohnraum zu schaffen. Obendrein wird die Anzahl der arbeitenden Landkreisbürger, der zwischen 18- und 65-Jährigen bis 2030 sinken. »Das wird auf Dauer die Betriebe vor große Probleme stellen.«

Auf Interesse stieß auch diese Zahl: 39,9 Prozent aller Haushalte des Landkreises sind Ein-Personen-Haushalte. Der Anteil ist in der Stadt Bad Reichenhall noch höher, hier ist es jeder zweite Haushalt. Der Markt Berchtesgaden liegt auf Platz drei aller BGL-Gemeinden, 44,4 Prozent aller Haushalte bestehen nur aus einer Person. Eine andere Erkenntnis der Sozialraumanalyse ist der dauerhafte Anstieg von Alleinerziehenden im Berchtesgadener Land. Im Moment sind es etwas über 2000 alleinerziehende Mütter und Väter.

»Das bedeutet: Mehr Leistungen durch die Öffentlichkeit. Auch die Aufgaben für die Jugendhilfe werden größer«, kündigte Dr. Herbert Tekles im Kreistag an.

Mehr Arbeitsplätze

Als »sehr schön« bezeichnet er den Anstieg an Arbeitsplätzen im Zeitraum von 1980 bis 2019. Im letzten Jahr waren dies rund 37.000. »Corona wird sich hier zwar auswirken, aber in Grenzen halten«, so seine Einschätzung. Erfreulich sei auch, dass die Anzahl der Arbeitslosen bis 2019 gesunken ist. »Das ist aber ein kurzfristiges Phänomen, das wird sich vielleicht nächstes Jahr wieder erledigt haben.«

Spannend ist der Vergleich der Mietpreise pro Quadratmeter mit anderen Gebieten. Auf Platz eins dieser Statistik ist die Stadt München mit 17,26 Euro pro Quadratmeter. Die Stadt Salzburg folgt mit 15,10 Euro/m² auf Platz zwei. Das Berchtesgadener Land liegt auf Platz zwölf. Hier kostet die Miete 8,63 Euro/m². »Das heißt, dass der Landkreis als Wohnort attraktiv für Alleinerziehende aus Österreich ist«, lautet das Fazit.

Die Anzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Bürger über 55 Jahren ist seit 2005 stetig gestiegen. Diese gehen alle in den kommenden zehn Jahren in Rente. Das stellt ein Riesenproblem dar. »Das baut sich auf wie ein Tsunami«, warnte der Experte. Umso wichtiger sei es, Fachkräfte anzulocken und für diese auch Wohnraum zu schaffen – und, wie anfangs erwähnt, Betreuungsplätze für ihre Kinder.

Dr. Herbert Tekles zeigte gegen Ende eine Statistik, die die Anzahl der Baugenehmigungen im Landkreis im Zeitraum von 1983 bis 2019 darstellt. Diese sind gesunken. Die Einschätzung: »Das ist auch nicht gerade situationsangepasst.« Mit ernstem Ton sprach er die Kreisräte dann direkt an: »Das haben Sie als Gemeinden in der Hand.«

Laufens Bürgermeister Hans Feil meldete sich nach dem Vortrag zu Wort und brach eine Lanze für seine Stadt: »Ich will nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht, wenn man die Kriminalitätsstatistik von Laufen sieht« – lautes Gelächter brach im Saal aus. Denn in Laufen befindet sich bekanntlich die JVA.

Georg Wetzelsperger (CSU) sagte zur Sozialraumanalyse: »Ich finde, der Weckruf kommt zur richtigen Zeit.« Er sei dafür, die genannten Aufgaben sofort anzugehen. Roman Niederberger (SPD) sieht den Landkreis nun am »Anfang einer Entwicklung«. Simon Köppl (Grüne) sagte: »Ich glaube, jeder hier kapiert, dass es kein ›Weiter so‹ geben kann. Dr. Bartl Wimmer (Grüne) forderte, dringend das Wohnbauwerk weiter zu fördern.

Die komplette Sozialraumanalyse mit allen Zahlen soll für alle Bürger im Landratsamt Berchtesgadener Land zur Verfügung stehen.

Annabelle Voss