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Zweifel am Sinn der Wanderparkplatz-Sperrungen – Kritik aus den Rathäusern

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Berchtesgaden/Ramsau: Zweifel am Sinn der Wanderparkplatz-Sperrungen wegen Corona
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Am Aschauerweiherbad in Bischofswiesen darf offiziell derzeit nicht geparkt werden. Allerdings haben nicht alle Gemeinden solche Schilder an ihren Parkplätzen aufgestellt. (Foto: Christian Wechslinger)

Berchtesgadener Land – Die Kritik an der von der Katastrophenschutzbehörde, dem Polizeipräsidium Oberbayern und letztlich vom Landratsamt Berchtesgadener Land dringend empfohlenen Sperrung der Wanderparkplätze im Berchtesgadener Land wird lauter.


Ohnehin war das Engagement der Gemeinden bei der Umsetzung der Empfehlung bislang eher bescheiden: Ramsau und Berchtesgaden machen gar nicht mit, die anderen Kommunen eher zähneknirschend. Schließlich nutzten die Einheimischen die Parkplätze und Wandermöglichkeiten nach übereinstimmenden Beobachtungen bislang überwiegend verantwortungsvoll.

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Die Wanderparkplätze im Berchtesgadener Land sind auch weiterhin gesperrt. Diese Information hat das Landratsamt auf seiner Homepage veröffentlicht. Diese Information entspricht allerdings nicht in allen Gemeinden der Realität, denn in Ramsau und Berchtesgaden gibt es diese Regelung nicht. Ramsaus Bürgermeister Herbert Gschoßmann hat auch begründet, warum er in der Ramsau die Parkplätze, zum Beispiel am Hintersee, offen lassen möchte. Zum einen wandte er sich persönlich an das Landratsamt und zum anderen erzählte er es dem »Berchtesgadener Anzeiger«.

Der Ramsauer Rathauschef gibt offen zu, dass er nichts davon hält, die Wanderparkplätze zu sperren. Herbert Gschoßmann befürchtet dann, dass die Autofahrer entlang der Straßen B305, St 2099 und auch an den Gemeindestraßen parken.

»Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Ausflügler sich vor Ort dann zu einer Umkehr nach Hause entschließt, nur weil Parkplätze gesperrt sind«, fährt er fort. Zudem werde den Bürgern derzeit richtigerweise schon sehr viel im täglichen Leben abverlangt.

Ein weiteres Argument Gschoßmanns ist die Empfehlung, Spaziergänge zu unternehmen – natürlich nur mit der Familie und, erst seit Kurzem erlaubt, mit einer haushaltsfremden Person. Aus diesem Grund sei eine Sperrung der Parkplätze auch kontraproduktiv.

Auch Anton Kurz, Geschäftsleiter der Marktgemeinde Berchtesgaden, sieht »überhaupt keinen Sinn« in einer solchen Regelung. »Was ist überhaupt ein Wanderparkplatz? Diese Definition kenne ich gar nicht«, sagt er. Da wisse man gar nicht, wo man anfangen und wo man aufhören soll. Das ist auch der Grund, warum man in Berchtesgaden keine Parkplätze gesperrt hat.

Zumindest kritisch sieht die Sperrung der Wanderparkplätze auch Hannes Rasp, Bürgermeister von Schönau am Königssee. »Das ist alles sehr abrupt gekommen«, sagt der Rathauschef. Spätnachmittags sei vom Landratsamt die dringende Empfehlung gekommen, die Ausflugsparkplätze bereits am nächsten Tag zu sperren. »Wir haben uns dann gleich einmal dazu entschlossen, auf dem Parkplatz Königssee gar nichts zu unternehmen«, sagt Rasp. Denn der Parkplatz werde ja auch von Anwohnern und am Königssee beschäftigten Angestellten genutzt. »Auf dem Parkplatz herrscht derzeit ohnehin gähnende Leere«, weiß Rasp aus eigener Erfahrung.

Erst mit einwöchiger Verspätung stellte die Gemeinde dann – eher mit Zähneknirschen – auch am Hammerstiel und am Hinterbrand Hinweise zur Parkplatzsperrung auf. »Es stellt sich schon die Frage, ob das Sinn macht«, sagt Rasp und sinniert, ob es nicht gescheiter wäre, an den Einfahrtsstraßen wie am Hallthurm zu kontrollieren und die Leute gegebenenfalls erst gar nicht in den Talkessel fahren zu lassen. Und dann bricht der Rathauschef doch noch eine Lanze für das Landratsamt: »Die werden sich schon Gedanken über den Sinn der Aktion gemacht haben.«

Empfehlungsgemäß umgesetzt hat man die Sperrungen in Bischofswiesen und Marktschellenberg. Was aber nichts darüber aussagt, ob man die Aktion für sinnvoll hält oder nicht.

Michael Ernst, Geschäftsführer der Marktgemeinde Marktschellenberg, sagt nur, man habe sich an die Empfehlung gehalten. »Bei uns ist es aber sehr überschaubar derzeit, die Menschen halten sich sehr gut an die Ausgangsbeschränkungen«, lobt er die Schellenberger Bevölkerung.

Andreas Bratzdrum, Pressesprecher des Landratsamtes, sagt auf Nachfrage des »Berchtesgadener Anzeigers«, dass es sich nur um eine »Empfehlung« der Katastrophenschutzbehörde und des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd an die Ordnungsämter der Gemeinden handle. »Sie wurden dringend gebeten, das so zu handhaben«, so Bratzdrum. Dies wurde vor dem Palmsonntag an alle Gemeinden rausgeschickt, da zu diesem Zeitpunkt ein vermehrter Ausflugsverkehr befürchtet wurde. »Und eine Ansammlung von mehreren Menschen kann zur Verbreitung des Corona-Virus führen.« Bratzdrum weiß aber auch, dass eine Gemeinde nicht dazu gezwungen werden kann, die Parkplätze zu sperren. »Es handelt sich ja nur um eine Empfehlung. Aber die überwiegende Zahl der Gemeinden im Talkessel hält sich daran.«

Dass sich die Bevölkerung im Berchtesgadener Land in Bezug auf die Ausgangsbeschränkungen sehr umsichtig zeigte, bestätigt auch die Polizei. Zwar hat man laut Carolin Hohensinn, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Oberbayern-Süd, im Bereich der Polizeiinspektion Berchtesgaden am letzten Wochenende acht Verstöße gegen die Ausgangsbeschränkungen registriert. Da diese aber nicht einzeln aufgeschlüsselt werden, ist davon auszugehen, dass es sich dabei nicht um Verstöße gegen die ParkplatzSperrungen handelte.

Der Polizei geht es auf ihren durchaus intensivierten Streifenfahrten vor allem darum, Menschenansammlungen auch auf Wanderungen zu unterbinden. Wer sich daran hält, der hat gute Chancen, die Corona-Krise ohne Anzeige zu überstehen.

Annabelle Voss / Ulli Kastner