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Zweit-Uraufführung, Gitarrenkonzert und Sinfonie

Enjott Schneider (geboren als Norbert Jürgen Schneider 1950 in Weil am Rhein) ist vor allem durch seine Musiken für Kino- und Fernsehfilme bekannt geworden (»Herbstmilch«, »Rama Dama«, »Stalingrad«, »Schlafes Bruder«, »Schwabenkinder«), doch auch Werke für Orchester, Orgel, Kammermusik und Vokal- und Bühnenwerke hat er geschaffen. »Musik ist Kunst – kontra Kommerz und Kapitalismus« lautet seine Philosophie. Deshalb ist er Mitglied im Aufsichtsrat der GEMA, seit 2012 als Vorsitzender; im selben Jahr legte er seine Professur an der Hochschule für Musik München nieder.

Unsere Bilder Zeigen den Gitarristen Franz Halász und die Bad Reichenhaller Philharmonie unter der Leitung von Christoph Adt beim Andante der Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550 von W. A. Mozart. (Foto: Kaiser)

2012 entstand auch seine Sinfonie Nr. 7 »Dunkelwelt Untersberg«, die er Christoph Adt und der Philharmonie Bad Reichenhall gewidmet hat. Am Tag nach der Uraufführung durch die Widmungsträger im Theater Bad Reichenhall gab es in eben dieser Besetzung eine »Fast-Uraufführung« im Rahmen der Sinfonischen Konzerte in der Aula der Berufsschule Traunstein. Die Sinfonie für Orchester und Tonzuspielung ist in vier Sätze gegliedert: 1. Mittagsscharte: »Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen«; 2. Scherzo: Untersbergmandln; 3. Im Dunkel der Spiegelwelt; 4. Magna Mater: Domina Perchta. In diesem Rahmen will Schneider »die mythologische Vielfalt erlebbar machen«, die »der Wunderberg und Kraftort« ausübt.

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Es ist ihm auf weite Strecken anregend und aufregend gelungen. Mit klugem Sinn für Wirkung verband er in seiner Komposition elektronisch zugespielte Naturlaute von Tieren, Wettereffekten und wohl auch Sagengestalten mit einem enormen Schlagwerk, das von Großer Trommel, Gong und Röhrenglocken dominiert war. Die Hornisten und Trompeter vertauschten bei »Untersbergmandln« ihre Instrumente mit Bachsteinen zu einer schlagfertigen Steinperkussion; die Streicher klopften dazu mit den Fingerknöcheln auf die Böden ihrer Instrumente, gewaltige Pedaltöne und tiefe Melodien der Posaunen ergänzten den Eindruck, dass die Untersbergmandln wirklich keine Gartenzwerge, sondern ein lebendiges Völkchen sind, lustig und zugleich unberechenbar. Raffiniert reflektierte Klänge, fugenartig gebrochen in den Solostreichern, geheimnisvoll verklingend ins Figurenlose, repräsentierten die »Spiegelwelt«.

Geradezu hymnisch überhöht und sich immer noch mehr zu einem Furientanz mit Kettenscheppern und Hammerschlägen steigernd entwickelte sich der »Perchten«-Satz in einer allzu langen »Wilden Jagd« mit klingenden Blechfanalen zu einem furiosen Schluss. Der bemerkenswerten Orchesterleistung unter der sicher-übersichtlichen Leitung von Christoph Adt zollte der Komponist kurz und bescheiden Respekt (»Er kommt nur nach vorne, wenn er zufrieden ist«, hatte der Dirigent zuvor angekündigt). Der Rezensent jedenfalls macht ihm keinen Vorwurf daraus, dass man seine reiche Erfahrung aus der Filmmusik auch im »Untersberg« spürt.

Joaquín Rodrigo (1901-1999) gilt als bedeutendster spanischer Komponist seiner Generation, sein »Concierto de Aranjuez« hat ihn weithin bekannt gemacht. Doch ein weiteres hinreißendes Werk unter seinen fünf Gitarrenkonzerten ist »Fantasia para un gentilhombre«; es fängt mediterranes Lebensgefühl bezaubernd und luftig ein. Rodrigo verwendete dafür barocke Tänze von Gaspar Sanz (um 1640-1710). Mit dem »Gentleman« des Titels ist Gaspar Sanz, doch in erster Linie der Widmungsträger Andrés Segovia gemeint.

Der Gitarrist Franz Halász, seit 2010 Dozent an der Musikhochschule München, musizierte, von den Streichern, den Holzbläsern und einer Trompete delikat begleitet, die »Fantasia« mit leichter elektronischer Verstärkung, die kleine Unsicherheiten hervorhob – er glich sie routiniert aus. Besonders der getragene zweite und der feurige dritte Satz (»Danza de las hachas«) kamen wirkungsvoll. Überzeugend, sehr rhythmisch und temperamentvoll wirkte, voll Witz und Laune, der festlich-höfische Schlusssatz. Der Begeisterung der Zuhörer entsprach der Solist mit der Gitarrenfassung der berühmten »Tocccata« aus Alberto Ginasteras (1916-1983) erster Klaviersonate – rassig und gemein schwer!

Wie ein Monolith steht die Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550 in der Mitte der letzten drei Sinfonien, die W. A. Mozart zwischen Juni und August 1788 vollendet hat. Im Gegensatz zu ihren lebensbejahenden Nachbarsinfonien durchzieht sie eine melancholische Grundhaltung in beherrschter Resignation. Christoph Adt arbeitete die Charakteristika der vier Sätze konsequent und markant heraus: das lebhaft pulsierende, mit dynamischen Kanten zupackende Anfangs-Allegro, das pochende Andante mit seinem kanonartigen Hauptthema, das schroffe »unhöfische« Menuetto mit seinem sanften Dur-Trio, dem einzigen Lichtblick in dieser Komposition, und das aufmüpfige Schluss-Allegro, das bis zum konsequenten Ende den Ton der Selbstbehauptung anschlägt.

Die Reichenhaller Philharmoniker musizierten aus einem Guss, ganz hingegeben an das fordernde, führende Dirigat des Kapellmeisters. Die Bassgruppe legte mit zwei Kontrabässen und drei Celli ein wunderbares Fundament für die hervorragend musizierende Streichergruppe und die ihr ebenbürtigen Holzbläser. Die Konzertbesucher feierten Dirigent und Musiker gebührend. Engelbert Kaiser