Zwölf Begegnungen mit der Geschichte

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Sophie von Bechtolsheim hat ein absolut lesenswertes Folgewerk herausgebracht. (Foto: Herder Verlag)

Beim Chiemgauer Literaturfest Leseglück hat eine der im Februar gestreamten Leseveranstaltungen für besondere Aufmerksamkeit gesorgt: Die Schule Schloss Stein hatte die Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Sophie von Bechtolsheim, für eine Lesung mit anschließender »Diskussionsrunde« gewonnen.

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In ihrem Buch »Stauffenberg. Mein Großvater war kein Attentäter«, will sie die Umstände des 20. Juli 1944, dem gescheiterten Hitler-Attentat erklären. Mit ihrer subjektiven Annäherung an die Person Stauffenberg gelang ihr ein reflektiertes Buch, das gerade der jüngeren Lesergeneration einen unverblümten Blick auf die Strukturen des Dritten Reichs vermitteln kann und so politische Hintergründe offenlegt.

Dieses Buch, das zugleich ihr Erstlingswerk darstellt, fand ein ungewöhnliches Echo: Viele Leser fühlten sich berührt und deshalb berufen, auf direktem Weg in Briefen, E-Mails oder bei Gesprächen nach öffentlichen Lesungen der Autorin zu »antworten«. Dieser Nachhall bot von Bechtolsheim, die in Oberbayern lebt und sich aktiv für den Täter-Opfer-Ausgleich einsetzt, ausreichend Stoff für ein Folgewerk – »Stauffenberg. Folgen: Zwölf Begegnungen mit der Geschichte« ist im Verlag Herder (ISBN 978-3-451-38730-2) erschienen.

Einmal zur Hand genommen, fällt es nicht leicht, das Buch wieder wegzulegen. Obwohl diese zwölf völlig unterschiedlichen, aus der Lektüre entstanden Folgeerzählungen keineswegs als leichte Kost zu beschreiben sind, fällt es nicht schwer, bei der Sache zu bleiben. Vielmehr zeigen diese Schilderungen und persönlichen Ansichten aus ganz vielfältigen Blickwinkeln von Menschen, wie unterschiedlich die Beweggründe für eine intensive Auseinandersetzung sein können. Da geht es um Aufarbeitung von Schuld und Vergebung, Vertreibung aus der Heimat, um unsägliche Ängste, Verdrängung, um alte Wunden oder um eine Sehnsucht nach einem Verwandten, dem Schreckliches widerfuhr und dessen Schicksal unvergessen bleiben soll.

So tragen diese Menschen, sinnbildlich ausgedrückt, ihre Last der Vergangenheit in Rucksäcken durchs Leben und bald wird deutlich, dass die Themen hinter den (Familien-)Geschichten zugleich unser aller Erbe sind. Zwar werden die direkt Betroffenen, die Zeitzeugen, immer weniger, doch ihre Tragödien holen uns ein, springen von einer Generation zur nächsten über und leben in uns weiter. »Die Geschichte ist immer auch ein Erbe, das der Mensch nicht ausschlagen kann«, heißt es in dem Buch – und die Auseinandersetzung mit ihr befeuert Emotion und Identifikation und ganz sicher auch die Hoffnung, doch noch aus dem »Vergangenen, das nie ganz vergangen ist« zu lernen. Das Buch ist absolut lesenswert. Kirsten Benekam

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