Höhlen-Doku aus dem Untersberg: Kinostart im Juli

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Das »Riesending« im Untersberg erstreckt sich über 22 Kilometer. Die Dreharbeiten für die Doku starteten noch vor dem aufsehenerregenden Unfall des Höhlenforschers Johann Westhauser. (Foto: Kilian Pfeiffer)
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Dokumentarfilmer Freddie Röckenhaus ist Autor, Produzent und Regisseur der Höhlen-Dokumentation. (Foto: NDR)

Bischofswiesen – Vor acht Jahren fanden die ersten Dreharbeiten im »Riesending« im Untersberg statt: Ins Kino kommen soll der Film nun endlich diesen Juli. Dann startet die Dokumentation über die längste Höhle Deutschlands, in der vor sieben Jahren einer der spektakulärsten Rettungseinsätze überhaupt stattfand. Regisseur, Autor und Produzent ist Freddie Röckenhaus, mehrfach ausgezeichneter Journalist und Dokumentarfilmer. Im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« sagt er: »Vergleichbares hat es noch nicht gegeben.« 


Als Freddie Röckenhaus’ Team das erste Mal in das »Riesending« einstieg, um für das ZDF-Format »Terra X« einen Beitrag zu drehen, wusste kaum jemand über die Existenz der 1 149 Meter tiefen Höhle Bescheid. 14 Tage später, nach Ausstrahlung des wenige Minuten langen Beitrags im TV, verletzte sich Höhlenforscher Johann Westhauser im Untersberg. Mit einem Schlag war das in den Tiefen des Berges gelegene Höhlensystem in aller Munde. Weltweit berichteten Medien. Johann Westhauser konnte nach zehn Tagen und unter Beteiligung Hunderter Einsatzkräfte gerettet werden.

Freddie Röckenhaus’ Plan war es seit langem, einen Film über die 22,6 Kilometer lange Höhle zu drehen. Mit seiner Partnerin Petra Höfer hatte er Mitte der 1990er-Jahre die Produktionsfirma »colourFIELD tell-a-vision« gegründet. Doch nach Westhausers Unfall war erst einmal Schluss mit der Höhle. »Denn die Geschichte rund um die Rettung machte eine Riesenwelle«, erinnert sich Röckenhaus. »Wir haben alles auf Eis gelegt«, sagt der 64-Jährige im Gespräch. Petra Höfer, Co-Autorin des Films, starb vor vier Jahren. Das Projekt verharrte im Pausenmodus.

Im Spätsommer 2019 fiel dann der Entschluss, loszulegen – Corona zum Trotz. »Wir konnten im vergangenen Jahr drehen«, sagt Röckenhaus. Das Team erhielt von der Gemeinde Bischofswiesen Drehgenehmigung, Schlüssel und somit Einlass in die Schachthöhle, die vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) als geowissenschaftlich »besonders wertvolles Geotop« ausgewiesen ist. Mehrere Male seilte sich der Trupp für die Aufnahmen in die Tiefe ab, oft tagelang.

Mehrfach ausgezeichnet

»Für viele Menschen ist die Höhle kaum zu klettern«, sagt Freddie Röckenhaus. Der gebürtige Dortmunder gilt als viel beachteter Dokumentarfilmer. In den vergangenen 25 Jahren hat er über 100 Produktionen fertiggestellt. Keine unter 45 Minuten. Im Jahr 2007 zeichnete ihn die Jury mit dem Deutschen Fernsehpreis für den ARD/WDR-Zweiteiler »Blut und Spiele – Die Dopingfalle« aus. Den Deutschen Kamerapreis erhielt er für die ZDF-Reihe »Deutschland von oben«. Für eine Artikelserie in der Süddeutschen Zeitung erhielt er den Henri-Nannen-Preis, vor drei Jahren den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus. Auch die auf Arte ausgestrahlte Dokumentation »Russland von oben« war international ein Erfolg.

Das »Riesending« ist für Röckenhaus mehr als eine bloße Doku. In gewisser Weise ist es ein Experiment unter speziellen Bedingungen. Die riesige Schachthöhle ist in ihrer Dimension einzigartig, im Sauerland, wo Röckenhaus wohnt, existieren viele Höhlen, keine ist nur im Ansatz vergleichbar.

Röckenhaus schart ein erfahrenes Team aus Höhlenspezialisten um sich, mit dabei sind auch Ulrich Meyer, der Entdecker der Karsthöhle im Untersberg und gleichzeitig Spiritus Rector des Trupps sowie Johann Westhauser, der damals verunfallte Höhlenexperte. Die Team-Mitglieder, bestehend aus klettererfahrenen und angstbefreiten Höhlengängern, mussten ein besonderes Kamera-Coaching durchlaufen. Kameraprofi und Kletterexperte in einem – davon gibt es nicht viele. Die Expeditionen in das Untersberg-Innere, wo fern von Tageslicht absolute Dunkelheit herrscht, dauern bis zu einer Woche. Die Enge ist nichts für Klaustrophobiker. Zum Einsatz im Berg kommen einhändig bedienbare Kameras, die leicht sein müssen, sagt Freddie Röckenhaus, einige so klein wie eine Zigarre. Seilkameras kamen zum Einsatz, zudem modernes Spezialgerät, lichtempfindlich und mit gutem Mikrofon versehen. Ein reduziertes Gepäck ist wichtig, wenn man tief in den Berg vordringt. »Die Bedingungen dort sind außergewöhnlich, im Berg existiert eine seltsame Welt, die niemand auf normalem Weg erreicht«, sagt der Produzent. Eine Schauhöhle zu besuchen, sei zwar eine besondere Erfahrung, aber in keiner Weise vergleichbar. Freddie Röckenhaus’ Absicht: Zuschauer sollen den Eindruck haben, sich tatsächlich in einer Höhle zu befinden. Es gehe nicht um »eine perfekte Ausleuchtung, vielmehr um den dokumentarischen Aspekt, ohne Inszenierung«, sagt er. Etwas Vergleichbares habe es noch nicht gegeben, ist sich der Filmemacher sicher.

Das Kernteam des Drehs, der von der Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen und der Filmförderung des Bundes unterstützt wird, setzte sich aus sechs Personen zusammen.

Freddie Röckenhaus selbst war das erste Mal in jugendlichem Alter zu Gast im Berchtesgadener Talkessel. Mit 14 Jahren überschritt er den Watzmann, er kennt die Gegend, die Gegebenheiten. Im Vorfeld der Dreharbeiten ließen die Verantwortlichen ein Modell des »Riesending« anfertigen – mithilfe geodätischer Daten. Die Beteiligten lernten anhand dessen die Höhle, die sich über viele Kilometer im Berg erstreckt, besser kennen. Das sei notwendig gewesen für die Orientierung, jeder Teilnehmer musste das Berginnere aus dem Effeff verinnerlicht haben, jeden Abschnitt auswendig kennen. »Die Liste für die besten Perspektiven, die steht nicht auf einem Zettel, die muss das Team im Kopf haben«, sagt Röckenhaus.

Alle Szenen sind im Kasten, die Postproduktion erstreckte sich über die vergangenen Monate. Für den 90-minütigen Film wurde ein erfahrener Filmkomponist engagiert, Boris Salchow, gebürtiger Hamburger aus Los Angeles, der die Musik schrieb. Salchow hat in der Vergangenheit mehrfach für Röckenhaus gearbeitet. Seine Musik findet sich nicht nur beim Film, sondern auch in zahlreichen, millionenfach verkauften Videospiel-Produktionen wieder. Die Animationen für die Höhlen-Doku sind am Computer entstanden, in Großbritannien, in einem Studio, »mit dem ich seit vielen Jahren zusammenarbeite«, sagt der Journalist, der nicht nur für TV und Kino produziert, sondern auch dem Schreiben treu geblieben ist. Wenn es die Zeit zulässt, tippt Röckenhaus Artikel für die Süddeutsche Zeitung, dann vor allem in sportlicher Hinsicht über Fußball.

Premiere auch in Berchtesgaden?

Für den Riesending-Kinofilm gibt es bereits Anfragen aus dem Ausland. »Das internationale Interesse ist groß«, sagt der 64-Jährige, der dem Kinostart entgegenfiebert. Denn das Kino ist seit Corona-Pandemie so gut wie tot gewesen, erwacht erst langsam aus dem zwangsverhängten Pausenmodus. Eine Regionalpremiere planen die Macher auch im Berchtesgadener Land, immerhin befindet sich dort der Untersberg inklusive Riesending, der Schauplatz des Films. »Wir befinden uns gerade in Gesprächen«, sagt Röckenhaus: Berchtesgaden und/oder Bad Reichenhall.

Das Produktionsteam, die Darsteller, alle sollen dann anwesend sein, wenn der Film startet und der Abstieg in die finsteren Tiefen beginnt. Kilian Pfeiffer