weather-image
28°
Kurzfristige Infoveranstaltung im Rathaus: Bürgermeister Franz Rasp informiert über Villa-Schön-Projekt

4 500 Euro pro Quadratmeter für den »Ausverkauf der Heimat«

Berchtesgaden - »Hat der Ausverkauf der Heimat begonnen?«, fragte Bürgermeister Franz Rasp überspitzt in die Runde. Weil der österreichische Unternehmer Martin Harlander ein 6 000 Quadratmeter großes Grundstück am Ortseingang von Berchtesgaden gekauft hat, um dort vier Häuser mit 26 Wohnungen zu bauen, ist die Entrüstung in der Bevölkerung groß. Auch, weil dafür die Villa Schön, ein herrschaftliches Anwesen, weichen soll. Rasp lud nun zu einer öffentlichen Aussprache ins Rathaus. Der Sitzungssaal war voll. Auch Unternehmer Harlander war da.

Unternehmer Martin Harlander arbeitet derzeit an 30 Projekten parallel. Eines davon ist die Villa Schön, die durch Neubauten ersetzt werden soll. (Foto: Pfeiffer)

Rasp kündigte wegen des überwältigenden Besucherandrangs an, eine zweite, »besser vorbereitete« Informationsveranstaltung durchführen zu wollen. Diese soll nach Pfingsten stattfinden, dann im AlpenCongress. Die Veranstaltung im Rathaus hatte er kurzfristig via Facebook einberufen, weil dort emotional, mit Vermutungen und Behauptungen argumentierend über den Abriss der Villa und die geplanten Neubauten diskutiert worden war: »Wird Berchtesgaden verkauft, alles weggebügelt, übernehmen Österreicher den Ort, genehmigt Berchtesgaden blind alle Bauvorhaben?«, fragte er eingangs in die Runde.

Anzeige

Kein Eigenheim für Normalverdiener

Tatsächlich ist Berchtesgaden in den vergangenen Jahren zu einem Ort geworden, in dem der Kauf eines Eigenheims für Normalverdiener kaum mehr möglich ist. Baugrund ist extrem knapp und sehr teuer. Deshalb ist das Vorhaben von Harlander happig. Der möchte ein Premiumgrundstück auf einem Hügel unweit vom »Haus der Berge« für ein Neubauprojekt verwenden, bei dem eine Wohnung nicht unter 4 500 Euro pro Quadratmeter zu haben sein wird. Der Hügel soll abgetragen und eine große Tiefgarage entstehen. Alle Häuser sollen komplett barrierefrei gebaut werden.

Die Befürchtung eines Teils der Bevölkerung ist groß, »dass hier Luxuswohnungen und Zweitwohnungen für Auswärtige entstehen, die dreimal im Jahr vorbeikommen«, heißt es auf Bürgerseite. »Es gibt in jedem Fall Baurecht auf dem Grundstück«, so Rasp. Der Grund samt Villa Schön war drei Jahre lang zum Verkauf gestanden, für rund 1,3 Millionen Euro. »Keiner hatte es gekauft, dann haben wir zugeschlagen«, resümiert Martin Harlander, der sich den zahlreichen Bürgern in der Diskussion stellte (siehe eigener Artikel).

»Schwierig, Einfluss zu nehmen«

Für eine Gemeinde sei es schwierig, Einfluss zu nehmen, so Rasp, wenn Baurecht vorliege. Deutlich einfacher falle es aus, wenn ein Bebauungsplan vorliege und die Gemeinde erst Baurecht schaffe. Tatsächlich liegt das Grundstück im Innenbereich, »das wurde mehrfach überprüft«, sagte Rasp. Vermutungen, es könne sich hier um einen Außenbereich im Innenbereich handeln, widersprach er. Daher gab es von der Gemeinde auch das gemeindliche Einvernehmen. »Wenn objektiv nichts dagegen spricht, darf man als Gemeinderat nicht dagegen stimmen«, so Rasp. Derzeit prüfe das Landratsamt die Abstandsflächen.

Anders als bislang beteuert, wurde die Villa Schön, die in Alleinlage an einen großen Baumbestand grenzt, bislang noch nie vom Bayerischen Landesamt für Denkmalschutz überprüft, wie das Landratsamt Berchtesgadener Land auf Nachfrage mitteilt. Kreisheimatpfleger Johannes Schöbinger sagt, dass die Villa unter den Amerikanern immer wieder verändert worden war. »Ich denke nicht, dass sie die Kriterien für die Aufnahme in die Denkmalliste erfüllt«, sagte Schöbinger. Anders die direkt gegenüberliegende Villa Bayer, in der die Polizeiinspektion untergebracht ist und die Innenminister Herrmann als »schönste Polizeiinspektion Bayerns« bezeichnet.

Bürgermeister Rasp sagte, dass man im Zuge des neuen Flächennutzungsplans prägende Grünzüge für den Ort festgestellt hatte. Ein Teil des Schön-Grundstücks fällt darunter und solle erhalten werden. Franz Rasp äußerte seine Bedenken gegenüber Unternehmer Martin Harlander, dass die ortsprägenden Bäume auf dem Grundstück wegkämen. »Wenn der Baumbestand in zwei Jahren weg wäre, wäre das tragisch. Es darf nicht sein, dass man dann am Ortseingang auf Baumstümpfe schaut. Das wäre ein Desaster«, sagte er. Bezahlbarer Wohnraum sei für einen Ort wie Berchtesgaden notwendig, die Gemeinde sei daran, solchen zu schaffen. Geplant ist etwa, das Grundstück, auf dem aktuell die Mittelschule Berchtesgaden steht, in einigen Jahren so umzugestalten, dass dort bezahlbarer Wohnraum entsteht. »Über die Privatwirtschaft lässt sich das nicht regeln. Das ist zu wenig attraktiv«, weiß Rasp. Er erläuterte den Anteil an Zweitwohnungen, die in den vergangenen Jahren bei Großbauprojekten entstanden waren. In den 42 Wohneinheiten an der Salzburgerstraße, im Nonntal und in der Villa Minerva sind 59 Personen gemeldet. 32 davon sind aus dem Talkessel.

»Respekt vor dem Privateigentümer«

Unternehmer Martin Harlander, der seit mehreren Jahren in Berchtesgaden aktiv ist und etwa an der Jennerbahn, dem Biomasseheizkraftwerk sowie dem Hotelprojekt am Königssee beteiligt ist, forderte »Respekt vor dem Privateigentümer«. Er sehe die Sache aus der Sicht eines Unternehmers. »Wir planen etwas, das der Ort verträgt.« Die Villa Schön zu erhalten, ist für Harlander keine Option: »Ich kann guten Gewissens behaupten, dass sie nicht in dem Zustand ist, wie man von außen meinen könnte«, sagte er. 75 Prozent der Anfragen für jene geplanten 26 Wohneinheiten in vier Häusern kämen von Berchtesgadenern. Die Nachfrage sei enorm bei derartigen »Premiumlagen«. Harlander widersprach dem Vorwurf, »Luxuswohnungen bauen zu lassen, aber ich will mich am Ende nicht schämen und das Ergebnis soll vertretbar sein.« Harlander, der in der Vergangenheit immer wieder als »Heuschrecke« bezeichnet worden war, distanziert sich von dieser Benennung, sagt, dass man aufpassen müsse, dass die Stimmung im Ort nicht kippe. Kilian Pfeiffer