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Günther Schödel, ehemaliger deutscher Botschafter in China, verstarb im Alter von 93 Jahren

Asienexperte mit Organisationsdrang

Bischofswiesen – Günther Schödel war Diplomat mit Leib und Seele. 35 Jahre lang vertrat er die Bundesrepublik Deutschland im Ausland, lebte mit Frau und fünf Kindern in Bangkok und Jakarta, in Rio de Janeiro, Indonesien und China. Kurz vor Weihnachten verstarb der gebürtige Berliner, der seinen Ruhestand seit 1987 zusammen mit seiner Frau Erika in Bischofswiesen verbrachte, im Alter von 93 Jahren.

Als Diplomat und Asienexperte war Günther Schödel ein »Mann von Welt«. Kurz vor Weihnachten verstarb der Bischofswieser im Alter von 93 Jahren. (Foto: Wechslinger)

Geboren wurde Günther Schödel 1922 in Berlin-Schöneberg. Mit noch nicht einmal 18 Jahren hat ihn die Wehrmacht zum Kriegsdienst eingezogen. Über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg sprach Schödel nie gerne, dafür plauderte er stets gut gelaunt über die Zeit, die danach kam. Nach dem Jura- und Volkswirtschaftsstudium ging Günther Schödel ins Auswärtige Amt, wo kurz zuvor der neue Diplomatische Dienst für Deutschland eröffnet worden war. Schödel war damals am Gericht und als einer von vielen Bewerbern wurde er sofort genommen. »So kam ich zu dem Beruf, der für mich ein Traumberuf war«, sagte Schödel einmal dem »Berchtesgadener Anzeiger«.

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Seine Frau Erika hat er 1954 auf einem Schiff kennengelernt. Er war auf dem Weg zu seinem ersten Posten nach Bangkok, als er der Tochter eines deutschen Konsuls begegnete, die mit ihrer Mutter nach Hongkong reiste. Aus der wenig später geschlossenen Ehe gingen fünf Kinder und sechs Enkelkinder hervor, die alle in Deutschland leben. Erika Schödel war ihrem Mann auch auf beruflichem Weg immer eine treue Begleiterin. Schließlich spricht sie, in Peking geboren, fließend chinesisch.

Als Diplomat wurde Günther Schödel damals schnell zum Fachmann für Asien. Von 1977 bis 1987 leitete er die Botschaften in den drei größten Staaten: Peking (China), Neu Delhi (Indien) und Jakarta (Indonesien). Seine Aufgabe war vor allem die Förderung der Wirtschaft. Und so hat Günther Schödel in Asien einige große Projekte deutscher Firmen angekurbelt, zum Beispiel den Bau von Stahlwerken im chinesischen Wuhan oder die Realisierung eines Volkswagenwerks und von Ölraffinerien in Shanghai.

1987 ging Günther Schödel in den Ruhestand. Zwar faszinierten ihn bis zuletzt die Kulturen Chinas und Indiens, doch sein Lebensmittelpunkt war in den letzten Jahrzehnten Bischofswiesen. Dort hatten seine Eltern in den 1920er Jahren ein Haus gebaut, das für Günther und Erika Schödel sowie für die gesamte Familie Dreh- und Angelpunkt war.

In erster Linie hat Günther Schödel aber auch von Bischofswiesen aus weiter organisiert, denn Nichtstun war nie sein Ding. So war er bis zuletzt Lehrbeauftragter für Internationale Politik an der Hochschule München, wo er Vorlesungen über Wirtschaft und Politik in Asien hielt. Außerdem saß er im Kuratorium der Gesellschaft für Außenpolitik, war Koordinator der deutschen Festspiele in Indien und beratender Förderer im Nationalpark Berchtesgaden. Und Günther Schödel war über 60 Jahre lang Rotarier. Den Rotaryclub Reichenhall-Berchtesgaden hatte er einmal lächelnd als seinen »Alters-Club« bezeichnet. Doch als Rotarier konnte Schödel auch Hilfe leisten, wo diese benötigt wurde. Denn das soziale Engagement war ihm immer sehr wichtig. Dem »Berchtesgadener Anzeiger« sagte der Bischofswieser zu seinem 90. Geburtstag vor gut drei Jahren: »Mein Beruf hat mir die Chance gegeben, das nachzuholen, was ich in der Jugend und im Krieg versäumt hatte, nämlich Völkerverständigung und das Zusammenleben mit anderen«. Ulli Kastner