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Der Schrecken hinter dem Alltag

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Nach der Filmvorführung diskutierten (v.l) der Historiker Prof. Dr. Dieter Pohl, Dr. Alex Drecoll sowie der Journalist und Filmautor Michael Kloft über die ungewöhnliche Dokumentation. (Foto: Merker)

Berchtesgaden – Im Rahmen des 4. Obersalzberger Filmgespräches wurde der Dokumentarfilm »Der Anständige« von Vanessa Lapa gezeigt. Anhand von erst 2014 veröffentlichten Briefen von Heinrich Himmler und seiner Frau Margarete, die sich jahrzehntelang in Privatbesitz befunden hatten, beleuchtet der Film das Privatleben Heinrich Himmlers und seiner Familie. Der Film vermengt Dokumentation und Fiktion und schafft damit eine neuartige und kontrovers diskutierte »post-dokumentarische« Form.


Schon als Kind hat Heinrich Himmler, der spätere zweitmächtigste Mann des »Dritten Reiches«, Tagebücher geschrieben. Diese und seine weiteren Tagebucheinträge sowie Briefe zeigt Regisseurin Vanessa Lapa, während sie aus dem Off von Schauspielerinnen und Schauspielern wie Tobias Moretti oder Sophie Rois gelesen werden. Das ist die Grundkonstruktion des Films.

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Um filmische Auflockerung herzustellen, werden die Texte mit passenden Archivbildern hinterlegt. So werden am Anfang, bei der Taufe Heinrich Himmlers, alte Aufnahmen aus der Ramsau mit der bäuerlichen Bevölkerung beim Kirchgang gezeigt. Himmler wurde weder in der Ramsau getauft, noch lässt sich sonst eine Querverbindung herstellen. Die alten Filmsequenzen dienen nur der Illustration des bürgerlich-katholischen Hintergrundes, aus dem Himmler stammte.

Dabei wird die auch in der anschließenden Diskussion thematisierte Symbolhaftigkeit der Bilder offensichtlich. Die historische Wahrheit wird zugunsten der emotionalen Erzählung aufgegeben. Das kann man bemängeln, allerdings schafft die Regisseurin auf diese Weise eine passenden Illustration zu den Texten und beides zusammen liefert ein erhellendes und damit erschreckendes Bild von Heinrich Himmler als Privatmann.

Entscheidender Punkt in der persönlichen Entwicklung scheint die Zeit in der Studentenverbindung Apollo in München für Himmler gewesen zu sein. Hier findet er alle späteren Themen wie Kampf, Krieg und das Siedlungsgebiet im Osten vorgeformt. Das dumpfe Deutschtümelnde der Studentenverbindung fällt bei ihm auf fruchtbaren Boden. Schon 1923 wird er Parteimitglied der NSDAP und trifft zu dieser Zeit im Zug, aus Berchtesgaden kommend, seine zukünftige Ehefrau Margarete Bode, die mit ihm in den antisemitischen Ansichten übereinstimmt und ihn darin bestärkt. Beide heiraten und bauen in Gmund am Tegernsee das Haus Lindenfycht.

Tochter Gudrun wird 1929 geboren. Im Abspann liest man von dem Engagement von Gudrun Himmler für den Verein »Stille Hilfe«, der inhaftierte, verurteilte oder flüchtige ehemalige SS-Mitglieder unterstützt. Ihrem Vater und seiner rechten Ideologie bleibt sie treu ergeben. Die Verbindung zwischen Tochter und Vater ist sehr eng. Der Film berichtet vom alltäglichem Leben, in dem Antisemitisches beständig eingewoben ist. »Schön ist es gewesen«, notiert Tochter Gudrun nach einem Besuch des Konzentrationslagers Dachau.

Himmler schreibt immer wieder von seiner »Arbeit«, als wäre die Ausrottung von Millionen von Juden und das Schaffen von neuem Siedlungsraum im Osten die normale Tätigkeit eines Beamten. Es ist gerade die Diskrepanz zwischen dem Alltäglichem und dem Tatsächlichen in seinem historischen Kontext, von dem der Film lebt. Glorifiziert Himmler am Anfang noch seine Frau Marga, so betrügt er sie ab 1938 mit Hedwig Potthast, und beide bekommen den Sohn Helge.

Bis zuletzt beschwört Himmler den »Endsieg« in seinen Briefen. »Es wird alles noch gut werden« schreibt er im April 1945. Getarnt versucht er die Flucht, nachdem er von Hitler aller Ämter enthoben worden war, doch wird er aufgegriffen, woraufhin er im Mai 1945 in Lüneburg Selbstmord beging. Heinrich Himmler, so die Aussage des Films, war ein normaler Mensch, der lebte und liebte, und trotzdem undenkbaren Schrecken über Millionen von Menschen brachte.

Regisseurin Lapa ist ein beeindruckender, erzählerischer Dokumentarfilm gelungen, der gerade seine Stärke aus dem Unterschied zwischen Text und gezeigten Bildern zieht. Die freie Montage ermöglicht ihr, Emotionen im Betrachter zu wecken und auf diese Weise ein eher »gefühltes« Bild von Heinrich Himmler zu liefern.

An der anschließenden Podiumsdiskussion mit Dr. Axel Drecoll als Moderator und dem Historiker Prof. Dr. Dieter Pohl sowie dem Journalisten und Filmautor Michael Kloft wurde über die Verwendung der Filmmusik gesprochen, die Dr. Drecoll als »fragwürdig« bezeichnete. Journalist Kloft fand die Verwendung von nicht zu den Zitaten passenden Bildern als nicht richtig und empfand es als eine Irreführung. Für Prof. Dr. Pohl fehlte in dem Film die Erklärung, wie Himmler zu dem Organisator des Massenmordes an den Juden werden konnte. Die private Welt des Himmler würde der Film gut zeigen, so Kloft, aber weitere Erklärungen liefere der Film nicht. »Das ist allerdings auch ein sehr hoher Anspruch«, meinte der Journalist. Christoph Merker