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Dramatischer Kampf gegen den Tod im Untersberg

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Thomas Matthalm (l.) kämpfte 950 Meter tief im Untersberg 26 Stunden lang alleine um das Leben seines schwer verletzten Freundes Johann Westhauser (M.). Stefan Schneider (r.), stellvertretender Vorsitzender der Bergwacht Bayern, bezeichnete die gelungene Rettungsaktion beim Neujahrsempfang im Kongresshaus als eine »beispiellose Gemeinschaftsleistung«. (Foto: Kastner)

Berchtesgaden – So emotional wie am Dienstag war der Neujahrsempfang im Kongresshaus Berchtesgaden noch nie. Johann Westhauser, der zu Pfingsten letzten Jahres nach mehr als elf Tagen schwer verletzt aus der »Riesending«-Höhle am Untersberg gerettet werden konnte, brachte mit tränenerstickter Stimme nur einen kurzen, aber herzlichen Dankessatz an seine Retter heraus. Sein damaliger Begleiter Thomas Matthalm schilderte spannend und immer noch tief bewegt, wie er seinen schwer verletzten Freund 950 Meter tief im Berg insgesamt achtmal wiederbelebte und bis zum Eintreffen der ersten Retter um dessen Leben kämpfte. Und Stefan Schneider, stellvertretender Vorsitzender der Bergwacht Bayern, sprach von einer beispiellosen Gemeinschaftsleistung aller 728 beteiligten Rettungskräfte.


750 Vertreter von Politik, Wirtschaft, Sport, Kirche und Gesellschaft waren zu der Traditionsveranstaltung ins Kongresshaus gekommen. Eingeladen hatten das Gebirgsjägerbataillon 232 in der Strub, die Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee sowie die fünf Gemeinden des südlichen Landkreises. Der offizielle Teil, der von der Musikkapelle Marktschellenberg unter der Leitung von Florian Kranawetvogl musikalisch begleitet wurde, fand im Großen Saal statt. Im Mittelpunkt standen Thomas Matthalm von der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt, sein geretteter Spezl Johann Westhauser und Bergwacht-Vize Stefan Schneider.

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Seit dem Jahr 2000 in der »Riesending«-Höhle

Seit rund 30 Jahren erforscht Thomas Matthalm, der mit Familie inklusive seiner jüngsten, erst acht Tage alten Tochter zum Neujahrsempfang gekommen war, mit seinen Freunden die Höhlen in Untersberg, Göll und Steinernem Meer. Mehrmals ließ der 39-Jährige seiner Bewunderung für die Berchtesgadener Berge in Oberpfälzer Dialekt freien Lauf: »Da is so schäi.« Die Freude am Höhlenforschen wuchs noch einmal, als das Team im Jahr 2000 die »Riesending«-Höhle im Untersberg entdeckte, die nach entsprechenden Messungen die längste und tiefste Höhle Deutschlands werden sollte. »Rekorde sind uns aber völlig wurst, es geht lediglich um die Schönheit dieser Höhle«, so der Sulzbach-Rosenberger. Diese Schönheit wollen die engagierten Höhlenforscher mit den Einheimischen rund um den Untersberg teilen, weshalb sie im Berchtesgadener Land auch immer wieder Vorträge gestalteten.

Eine »harte Nummer« war es für Thomas Matthalm am Dienstag, über die dramatische Rettungsaktion zu Pfingsten 2014 zu reden. Die wesentlichen Schilderungen seiner persönlichen Erlebnisse hatte der Höhlenforscher deshalb in einem Film verarbeit, den er allen an der gelungenen Rettungsaktion beteiligten Einsatzkräften widmete. Die Gäste sahen einzigartige Bilder aus einer bezaubernden Welt unter Tage: tiefe Schächte, große Hallen, enge Schlupflöcher, glitzernde Kristallblüten an den Wänden, Tropfsteine, versinterte Wände und glasklare Seen.

26-stündiger Kampf um das Leben des Gefährten

All dieser Zauber war schnell vergessen, als Johann Westhauser am Pfingstsonntag in 950 Metern Tiefe vermutlich ein Lehmbrocken als Eiszeit-Relikt am Kopf traf. Die dramatischen 26 Stunden, in denen Thomas Matthalm mit seinem schwer verletzten Freund auf die von einem Begleiter gerufene Hilfe wartete und um das Leben seines Spezls kämpfte, waren im Film per Schrift geschildert, untermalt mit sakraler Musik. Erstmals wurde wirklich deutlich, wie nahe Johann Westhauser dem Tode bereits war, denn er musste insgesamt achtmal von Thomas Matthalm wiederbelebt werden. Immer wieder fiel Westhauser in stundenlange Bewusstlosigkeit und erlitt Krampfattacken.

Thomas Matthalm bemühte sich, ganz auf sich alleine gestellt, Wasser aus einer weit entfernten Quelle zu besorgen. Er versorgte seinen Freund mit Wärmflaschen. Um Licht zu sparen, lag man stundenlang in völliger Dunkelheit. Westhausers Begleiter hielt, singend, betend und schweigend Wache – 26 Stunden lang, bis die ersten Helfer eintrafen: Stephan Bauhofer und Georg Zagler. Am Ende hieß es in weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund: »Wir danken allen an der Rettung Beteiligten und der Bevölkerung der Untersberg-Gemeinden.«

Dass Höhlenforscher keine verrückten Hasardeure, sondern gewissenhaft planende Naturliebhaber sind, die sich in den Dienst der Gesellschaft stellen, machte Thomas Matthalm in seinem Vortrag ebenfalls klar. So hatte Johann Westhauser bis zu seinem Unfall bereits 55 Touren in den Untersberg und 164 Forschungstage in der »Riesending«-Höhle hinter sich. In dieser langen Zeit haben die Bad Cannstätter viel über die Entstehung der Höhlen, über die Gletscher der Eiszeit und über Wasserläufe herausbekommen. Und sie würden gerne noch mehr über den Untersberg erfahren, wie Thomas Matthalm erklärte: »Wir würden gerne wieder hierher kommen, wenn wir hier gerne gesehen sind und nicht als Spinner abgetan werden, die das Gemeinschaftswohl aufs Spiel stellen.«

»Alpine Rettungsgeschichte«

Von »zwölf Tagen alpiner Rettungsgeschichte« sprach Stefan Schneider, stellvertretender Vorsitzender der Bergwacht Bayern und Bürgermeister von Bergen. Er erinnerte daran, dass es nach Bekanntwerden des Unfalls kaum vorstellbar gewesen sei, jemanden aus dieser Tiefe zu retten. Dennoch konnte Johann Westhauser elf Tage, zehn Stunden und 14 Minuten nach seinem Unfall in den Rettungshubschrauber gehoben werden, der ihn in die Unfallklinik Murnau brachte.

»In den Medien war immer von einem Wunder die Rede. Ich glaube nicht, dass es ein Wunder, sondern vielmehr das Glück der Tüchtigen war«, sagte Schneider. Denn immerhin hatten sich 728 Einsatzkräfte aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Kroatien an der Rettung beteiligt. Darunter waren 18 Ärzte, von denen neun in die Höhle einstiegen. Tausende Meter Seile wurden verlegt, Tausende Karabiner benutzt. Insgesamt 202 Einsatzkräfte waren in der Höhle, der durchschnittliche Aufenthalt unter Tage lag bei 37 Stunden. Einige Einsatzkräfte stiegen bis zu viermal ein. Die unter Tage verbrachte Zeit aller Einsatzkräfte lag bei 9 219 Stunden. »Es war Knochenarbeit und es war ein Riesenglück, dass niemandem etwas passiert ist«, resümierte Schneider.

»Neue Kraft und neues Selbstbewusstsein«

»Es wurde alles Menschenmögliche getan, um den Verletzten herauszubringen. Es war eine großartige Gemeinschaftsleistung«, sagte Stefan Schneider. Ihm fiel es schwer, einzelne herauszustellen, aber einige nannte er doch: die Freiwillige Feuerwehr Berchtesgaden, Günter Adolf von der Polizeiinspektion Berchtesgaden mit seiner alpinen Einsatzgruppe und die Bundeswehr, die die Kaserne für Organisatorisches zur Verfügung stellte. Und der Bergwachtsprecher hatte auch ein Extralob für die Presse parat, die sich vorbildlich verhalten habe. So habe sich aus der gelungenen Gemeinschaftsaktion »neue Kraft und neues Selbstbewusstsein« entwickelt. Damit steht für Stefan Schneider fest: »Riesending ist Zukunftsding«, denn die gesamte Aktion sei ein Lehrbeispiel gewesen. Hier zitierte der Bergwacht-Vize den Ehrenvorsitzenden Alois Glück: »Die Welt lebt von Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht.«

Lob des Bergwachtsprechers gab es auch für den geretteten Johann Westhauser, der durch seine psychische Stabilität die größte Leistung im Rahmen der Rettungsaktion erbracht habe. Schneider: »Allen Höhlenforschern nötigen wir unseren größten Respekt ab.« Johann Westhauser selbst kämpfte mit den Emotionen und beließ es im offiziellen Teil des Abends bei dem einen entscheidenden Satz: »Mein Dank geht an alle, die mitgeholfen haben, dass ich hier stehen kann und noch am Leben bin.«

Der »Berchtesgadener Anzeiger« sprach im Anschluss an die Festrede mit Johann Westhauser. Das Interview folgt in einer unserer nächsten Ausgaben. Weitere Bilder gibt es unter www.berchtesgadener-anzeiger.de. Ulli Kastner