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Ein Ferienspaß in der Schleimspur

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Das Ende naht. Tochter Hilde Tobler (Dorothee Horsch, l.) und Diener Johann (Hermann Krüttner, r.) haben den schmierigen Portier und den ebensolchen Hoteldirektor (Karl Fuchs und Andreas Redolfi) im Visier. (Fotos: Meister)
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Drei Männer nicht im Schnee, sondern in der Hotelhalle (v.l.): Lorenz Brandner als Dr. Hagedorn, Martin Klocke als Geheimrat Eduard Tobler und Regisseur Hermann Krüttner als reicher Reeder alias Diener Johann.

Berchtesgaden – Berchtesgadener Kinder könnten neidisch werden, weil ihnen der bisherige Winter kaum ein solches Vergnügen gestattete: Martin Klocke, Hermann Krüttner und Lorenz Brandner bauen einen Schneemann. Sie sind die »Drei Männer im Schnee«, die Erich Kästner schon im Jahre 1934 als Romanfiguren erschuf und die fortan seit Jahrzehnten wacker und in der Regel meist zum Vergnügen des Publikums über Bühnenbretter und Filmleinwände huschen. Das Stück gibt es derzeit als Koproduktion von Marktbühne Berchtesgaden und den »achetypen« Hallein Rif im Schloss Adelsheim zu sehen.


Das mit dem Publikumsvergnügen haben sich augenscheinlich die Theatergruppen der Marktbühne Berchtesgaden und »achetypen« aus Hallein-Rif als oberstes Ziel gesteckt und gewissermaßen spielend und gelegentlich sogar mit Brisanz erreicht. Der Schneemann übrigens ist aus Styropor, die agierenden und phasenweise wuselnden Figuren auf der wechselnden Spielfläche sind dagegen echt, und was sie zu erzählen haben, ist vordergründig keine historische Geschichte von 1934. Sie ist aktuell und wird es auch, leider, immer bleiben. Es geht um die Moral, was sicher meistens langweilig ist, aber, wie auch in diesem speziellen Falle, durchaus auch amüsant und höchst unterhaltsam sein kann.

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»Grenzüberschreitend, Generationsübergreifend« untertiteln die Macher aus Berchtesgaden und Hallein ihr gemeines Projekt, das nach dem letzten Applaus in Berchtesgaden nach Hallein-Rif umziehen und die österreichischen Nachbarn, dessen darf man sicher sein, vergnügen und vielleicht sogar begeistern wird. Regisseur Hermann Krüttner verfügte jedenfalls für seine Inszenierung nicht nur über den Luxus, ein zahlenmäßig großes und vor allem spielfreudiges Ensemble zur Verfügung zu haben, im Schloss Adelsheim kann er sogar über zwei Häuser hinweg spielen. Das Publikum wird so, zuverlässig geführt vom Dienstpersonal des Grandhotels, ein wenig zum Mitspielen animiert.

In der schönen Halle des einstigen Lustschlösschens speist die Familie des Fabrikanten Tobler. Wobei schon bald klar wird, dass es sich beim Hausherrn Eduard Tobler nicht nur um einen Geheimrat und überbordend reichen Mann handeln muss, sondern um einen durchaus verschrobenen, auch stets auf Bodenhaftung achtenden Menschen handelt. Ein seltenes Exemplar also, zu Kästners Zeiten schon und zu unserer gewiss immer noch. Und Fabrikant Tobler will reisen, ins Grandhotel. Denn er hat beim Preisausschreiben seiner eigenen Firma diese Reise gewonnen. Vergnügen möchte er sich dort allerdings nicht, sondern studieren, wie Mittellose in der Welt der Reichen behandelt werden.

Das ist ein dankbares Feld für Theatermacher. Und Hermann Krüttner lässt das Gelände in voller Breite bespielen, jongliert mit dem Tempo, gönnt seinen Darstellern – und dem Zuschauer – Atempausen, erhöht gelegentlich die Schlagzahl und führt alles souverän an den Zielpunkt. Er hat dazu auch das passende Personal an Bord.

Zuvorderst Martin Klocke, der den Tobler spielt. Dabei gibt er sich inkognito punktgenau und manchmal sogar überragend als sich in das unvermeidliche Ganze fügender, manchmal ironischer und stets um seine Trümpfe wissender armer preisausschreibenzweitplatzierter Mann. Tobler verbündet sich rasch mit dem wirklich notleidenden Dr. Hagedorn, sehr gut von Lorenz Brandner als zurückhaltender, durch viele Missgeschicke etwas resignierter junger Mann gespielt. Mit ihm und dem mitgereisten Diener Johann, der allerdings als reicher Reeder auftreten muss, bildet Tobler das Männertrio im Schnee. Hermann Krüttner selbst ist dieser Johann auf unsicherem Gelände, der sich schwertut mit dem Rollentausch, nie seine Loyalität zum Dienstherrn wegzuspielen vermag, in der ihm aufgezwängten Rolle.

In der schleimigen Korruptheit des Grandhotels stehen dem erwähnten Terzett Hoteldirektor Kühne (Andreas Redolfi) und Portier Polter (Karl Fuchs) mit steigerungsfähiger dümmlicher Arroganz gegenüber, und in diesem Genre ebenso bewanderte abgetakelte Fregatten gegenüber, die reich entgattet über mehr finanziellen Ballast als über Hirnmasse verfügen. Geradezu köstlich und stellenweise brillant dabei Christel Fasching und Veronika Vereno.

Die Situation im Hotel wird am Ende zugespitzt und noch ein wenig nachgewürzt durch die Ankunft von Tobler-Tochter Hilde (Dorothee Horsch) und der resoluten Hausdame Kunkel (Gabriele Fuchs). Es gibt auch noch eine kleine Liebesgeschichte und natürlich auch ein Happy End im Kästner'schen Sinne. Überraschungen vielerlei Art erwarten den Zuschauer garantiert.

Bei der Aufzählung des besonders Auffälligen darf nicht das Auftreten von Simon Eibenstein als Chef und Oberkommandierender der Pagenriege vergessen werden, der als Drillmeister zu hoher Form aufzulaufen vermag. Und auch Simon Bauer als musikalischer Hotelhallenklimperer Piano Paul soll nicht übersehen werden. Die von ihm dem »elekrischen« Klavier entlockten Töne folgen exakt der »Choreografie« Hermann Küttners und sind die akustischen Signale, die dem Publikum mit Eleganz durch die Wirrnisse des Stückes helfen. Caspar Russegger gibt den rustikalen Skilehrer Graswander Toni und Kerstin Glachs beziehungsweise Leonie Reschreiter bedienen die Herrschaft flapsig im Hause Tobler und für die niederen Dienste im Grandhotel sind als Pagen Melina Grafenauer, Julia Katzenbeisser, Alexander Neumann, Nina Pintis, Jakob Pöhacker und Felix Steger zuständig.

Selten so gelacht und das auch noch in großer Portion. Die Koproduktion von Marktbühne Berchtesgaden und »achetypen« Hallein Rif verzaubert geradezu für etwa eineinhalb Stunden. Sich darauf einzulassen, garantiert rundum einen äußerst vergnüglichen Abend. Im Schloss Adelsheim besteht die Möglichkeit zur Wahrnehmung dieser Chance am heutigen Abend sowie von Donnerstag bis Samstag der kommenden Wochen (3. bis 5. März und noch einmal vom 10. bis zum 12. März). Spielbeginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Für Verhinderte ist dann letzte Gelegenheit ab 18. März im Gemeindesaal von Hallein-Rif. Auch dort ist die Anfangszeit um 19.30 Uhr. Dieter Meister