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Kinderarzt Dr. Michael Horn informiert über Einsatz und Gefahren von » Methylphenidat«

»Gesellschaft trägt zur ADHS-Entstehung bei«

Berchtesgaden – Wenn Kinder unter einer »Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung«, kurz ADHS, leiden, verschreiben ihnen Kinderärzte häufig Ritalin. Auch im Talkessel gibt es einige Eltern, die das Mittel pünktlich zum Schulanfang wieder aus der Apotheke holen. Dr. Michael Horn gibt im Interview Aufschluss über die Gefahren des Wirkstoffes »Methylphenidat«, dessen Anwendung und das Gesellschaftsproblem »ADHS«.

Die Patienten von Dr. Michael Horn haben keine Probleme mit dem verschriebenen »Methylphenidat« (Foto: privat)

Laut Apothekern der St. Antonius Apotheke und der Bahnhofsapotheke gibt es einige Eltern, die Ritalin für ihre Kinder holen. Wie oft verschreiben sie das Medikament im Jahr?

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Dr. Michael Horn: »Ritalin« ist ein Handelsname. Der Wirkstoff heißt Methylphenidat. Die Verordnung von Methylphenidat darf nicht auf den »normalen rosa« Rezepten erfolgen, sondern auf speziellen BTM-Rezepten (Betäubungsmittel-Rezepten), da der Wirkstoff seit 1971 dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt. Die konzentrationsverbessernde Wirkung dieses Präparats erfolgt über eine Veränderung der Regulation bestimmter Überträgerstoffe im Gehirn – die strenge Regelung in der Abgabe soll einem möglichen Missbrauch vorbeugen. Auch in meiner kinder- und jugendärztlichen Praxis betreue ich Patienten mit ADHS – mit und ohne Methylphenidat, welches ich nur selten verordne.

Wie leicht kann man ADHS diagnostizieren? Wie oft wird es falsch diagnostiziert?

Horn: Die Diagnosestellung einer Aufmerksamkeit-Defiziti-Hyperaktivitäts-Störung ist keineswegs eine »Blickdiagnose«, die aus dem Ärmel geschüttelt werden kann. Es gibt komplexe diagnostische Systeme, die hier den Weg weisen. Eine solche Diagnose mit einer eventuell nachfolgenden Verordnung von Medikamenten sollte nur von einem Arzt erfolgen, der auf diesen Bereich spezialisiert ist und viel Erfahrung hat. Wie immer in der Medizin ist die Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese: Eigen-, Familien-, Fremdanamnese) von zentraler Bedeutung. Dann muss das Kind ausführlich körperlich und neurologisch aber auch in Bezug auf den Entwicklungsstatus untersucht werden. Testverfahren kommen zum Einsatz die Teilleistungsstörungen, Verhaltensprobleme, Konzentrationsstörungen und anderes beleuchten. Auch apparative Verfahren wie die Ableitung der Herz- und Hirnströme, Hörtest, Sehtest und Laboruntersuchung spielen eine Rolle.

Wann ist mein Kind so verhaltensauffällig, dass es krank ist?

Horn: Bei einer Krankheit sind die normalen körperlichen oder seelischen Vorgänge gestört und man fühlt sich unwohl. Genau so ist es auch in diesem Fall. Wenn die Verhaltensauffälligkeit so weit geht, dass sich das Kind nicht mehr wohlfühlt und in seinem Sozialgefüge leidet, sollte man als Eltern handeln.

Welche sind die schlimmsten Nebenwirkungen von Ritalin?

Horn: Wie bei jedem anderen Medikament ist das »A und O« der Methylphenidat-Behandlung das »Know-How« in der Einstellung des Patienten. In der Hand des erfahrenen Arztes kann das Auftreten von Nebenwirkungen deswegen minimiert werden, weil dieser die für den Patienten optimale Dosis findet: Das Medikament hat den erwünschten Effekt, aber so gut wie keine Nebenwirkung. Dennoch können auch bei optimaler Einstellung Nebenwirkungen auftreten, die aus der täglichen Erfahrung heraus häufigste Nebenwirkung ist ein Appetitverlust. Wird das Medikament jedoch langfristig falsch dosiert eingenommen, können wir bei jedem anderen Medikament auch schwerwiegende Probleme auftreten, die beinahe jedes Organsystem betreffen können.

Ist den Eltern aus Berchtesgaden bewusst, welche Nebenwirkungen sie ihrem Kind zumuten?

Horn: Wie oben dargestellt hängt es von einer guten Einstellung ab, ob und welche Nebenwirkungen auftreten. Die von mir betreuten Kinder sind alle auf die optimale individuelle Dosis eingestellt und haben damit keine Probleme.

Welche Alternativen gibt es? Zum Beispiel sagte eine Apothekerin: »Wenn die Eltern sich mehr mit ihren Kindern beschäftigen würden, bräuchten sie kein Ritalin.« Würde das helfen?

Horn: Wenn es nur so einfach wäre. Die Frage nach den Ursachen eines ADHS wird heftig, emotional und kontrovers diskutiert. Klar dürfte sein, dass die Ursache »multifaktoriell« ist – also aus mehreren Faktoren besteht. Hierzu zählen: Erbfaktoren, psychosoziale Bedingungen wie familiäres Umfeld, psychische Belastungsfaktoren aber auch die Funktion der Neurotransmittersysteme im Gehirn. Im Optimalfall werden dann auch alle Ursachen behandelt – und dass Kinder im Krankheitsfall so gut wie immer von Unterstützung der Eltern profitieren finde ich unstrittig.

Ist ADHS ein Gesellschaftsproblem?

Horn: Unsere Gesellschaft wird täglich komplexer, schnelllebiger und komplizierter und trägt sicherlich als ein Faktor zur ADHS-Entstehung bei. Dazu kommt, dass auch die diagnostischen Verfahren immer besser werden und so mehr Kinder mit diesem Problem diagnostiziert werden. So weit, so gut, finde ich. Wenn die ADHS-Diagnose aber alle Faktoren beleuchtet, die zu diesem Problem führen und man auch all diese Faktoren in das Behandlungskonzept einbezieht braucht es sicherlich in deutlich weniger Fällen die Verordnung eines Medikaments.

Was ist mit den Nebenwirkungen wie Wachstumsverzögerungen, Depressionen oder Herzrhythmusstörungen? Ist das Risiko nicht zu hoch?

Horn: Es gibt Kinder, die es durch Methylphenidat schaffen, ihre gestörte Aufmerksamkeit zu kanalisieren und sich so wieder in der Schule und in ihrem sozialen Umfeld integrieren können. Diese Kinder haben bei optimaler Einstellung einen weitaus deutlich höheren Nutzen als ein Risiko – einen erfahrenen Mediziner als Betreuer vorausgesetzt. Annabelle Voss