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Symposium beim 2. Alpinen Philosophicum – Mehr Ausbildung und Aufklärung nötig – Superhelden leben gefährlich

Selbstüberschätzung am Berg grassiert

Die Expertenrunde (v.l.) Jens Badura, Christoph Hummel, Prof. Dr. Bernhard Streicher, Hansi Stöckl und Rudi Fendt im Gespräch über neue Wege, um mit Infos über Risiken am Berg die Menschen besser zu erreichen. (Foto: Mergenthal)

Ramsau – An einer realistischen Selbsteinschätzung des eigenen Könnens am Berg hapert es immer öfter. Das bekommt vor allem die Bergwacht zu spüren.


Laut Rudi Fendt, Leiter der Bergwacht Ramsau, grassiert die Selbstüberschätzung vor allem bei der Watzmann-Überschreitung und verursacht etwa ein Drittel aller Einsätze. Viele holen sich ihre Infos nur von Tourenberichten aus dem Internet und interessieren sich nicht für detaillierte Schwierigkeits-Bewertungen, etwa von Bergschulen. Der Frage »Was tun?« ging ein Symposium zum Thema »Wagnis-Risiko-Vernunft« im Rahmen des 2. Alpinen Philosophicums im Rathaus Ramsau nach.

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Die Fakten sind ernüchternd: Laut Bergführer Hansi Stöckl, Leiter der Bergschule Watzmann, sind vielen seiner Klienten nicht einmal Begriffe wie Höhenmeter, Schwindelfreiheit, Trittsicherheit oder der Charakter eines Berg-Wanderwegs im Gegensatz zu einer Forststraße vertraut. Je weniger Erfahrung jemand mitbringe, umso weniger könne er sein eigenes Können und Schwierigkeiten einschätzen. Daher hat er eine Skala entwickelt, die Kategorien wie alpine Erfahrung, Kondition und Ernsthaftigkeit beziehungsweise das Gefahrenpotenzial detailliert abgestuft aufführt.

»Funktionieren tut es leider nicht«, bedauerte er. »Das liest sich keiner durch.« Pro Tag verzeichne er 400 Aufrufe seiner Gesamt-Internetseite, doch die Detailseite sei in drei Monaten nur sieben Mal aufgerufen worden. Als Grundlage ihrer Entscheidung für bestimmte Touren nähmen viele Infos aus privaten Tourenberichten im Internet. Diese lösten oft »gruppendynamische Prozesse« aus. Wenn Kollegen extreme Touren machen, meinten manche, auch mal was »Gescheites« statt nur einer Wanderung am Tegernsee unternehmen zu müssen.

Die Selbstsicht als »alpiner Superheld« ist ein Männerthema: 90 Prozent der Männer überschätzen sich laut Stöckl, während Frauen in der Regel »zuerst kleinere Brötchen« backen würden. Die Konsumhaltung verstärke die Problematik: »Die Leute erwarten ein Produkt, das in jedem Jahr und in jeder Saison gleich ist.« Sie haben sich ein Ziel in den Kopf gesetzt und schließlich dafür bezahlt.

»Sie rennen ins offene Messer«

Die Naturferne in der digitalen Zeit tut offenbar das Ihre dazu: »Speziell Stadtleute sind schon so weit weg von der Natur, dass sie gar nicht mehr wissen: Wann wird es für mich gefährlich? Sie rennen ins offene Messer«, stellt Rudi Fendt fest.

Doch wie kann man dagegensteuern? »Inwieweit helfen Tools wie die BergwanderCard?«, fragte Moderator Jens Badura in der abschließenden Diskussionsrunde. Diese Card des Deutschen Alpenvereins (DAV) soll dabei unterstützen, die eigene Kondition und Trittsicherheit einzuschätzen und die richtige Tourenwahl zu treffen. So etwas hilft nach Stöckls Ansicht nur, soweit der andere sein Können aufgrund seiner Erfahrung auch beurteilen kann.

Von einer stärkeren Regulierung oder gar Strafen hält Prof. Dr. Bernhard Streicher von der Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik in Hall/Tirol nichts. Das funktioniere auch nicht. »Wir sind eine demokratische Gesellschaft. Freie Bürger sollen frei entscheiden.« Sie bräuchten gute Infos für die richtige Selbsteinschätzung. Ein großes Problem liege darin, dass bergsteigerische Aktivitäten so »massentauglich« geworden sind. Wie Streicher plädierte auch Christoph Hummel, Bergführer und Sicherheitsexperte des DAV, dafür, die Freiheit am Berg zu erhalten. Dies erfordere allerdings auch, mit dieser Freiheit richtig umgehen zu können. Vereine seien gefordert, Infos gut verständlich anzubieten und die Wanderer durch ihr Ausbildungsprogramm zu schulen.

»Eine Belastung für die ganze Gruppe«

Gute Ausbildung hält auch Fendt für grundlegend, egal ob für Bergretter oder Bergsportler. Teamgeist ist für ihn eine wichtige Tugend am Berg in einer Zeit, in der viele nur noch in ihr Handy starren. Hansi Stöckl möchte die Darstellung der Ernsthaftigkeit von Touren wie der Watzmann-Ostwand auf seiner Internetseite weiter optimieren, den Link auf die Detailseiten eventuell noch »prominenter« platzieren. Wer sich nicht informieren will, habe halt das Pech, von gewissen Touren ausgeschlossen zu werden. Denn einer, der sich selbst überschätzt, belaste die ganze Gruppe.

Bergretter Bernhard Wallner aus dem Oberpinzgau wies auf das Problem von Massen-Events, wie den »Glockner-Trail«, hin. Er forderte, mit Fotos von Unfallopfern Selbstüberschätzer abzuschrecken. »Warum tretet ihr nicht im Fernsehen auf?«, regte er die Bergführer an.

Eine Besucherin aus dem Oberschwarzwald bedankte sich für die aufklärende Veranstaltung. Es sei mutig, wenn ein Bergführer in dieser Weise Klartext spreche. Ein Problem seien oft die Medien: In einer Frauenzeitschrift habe sie gelesen, man könne um den Königssee laufen.

Trotz allem stellte Jens Badura fest, dass es so etwas wie ein »Menschenrecht auf Risiko« gebe. Der Wunsch nach absoluter Kontrolle entspringe Allmachtsfantasien. Veronika Mergenthal