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Am Wasserkraftwerk im Ortsteil Unterau wird derzeit eine Millionensumme investiert. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Weiter Weg für erneuerbare Energien – Landkreis stellt Energiebilanz vor

Berchtesgadener Land – Die Energiebilanz für den Landkreis Berchtesgadener Land hat der Leiter der Stabsstelle Landkreisentwicklung, Manuel Münch, in der jüngsten Sitzung des Umweltausschusses präsentiert. So sei der Stromverbrauch im Jahr 2020 deutlich von Effekten der Pandemie beeinflusst gewesen. In Sachen Fotovoltaik werde fleißig erweitert. Bei den Elektroautos hakt es aber. Die Zulassungszahlen sind mit 2 Prozent zu gering. Um die angepeilten Klimaschutzziele des Landkreises im Jahr 2030 zu erreichen, ist noch viel Arbeit notwendig.


Der Anteil erneuerbarer Energien im Bereich Strom lag im Jahr 2020 bei 40, im Vorjahr noch bei 41 Prozent. Der Strombezug ist um 3 Prozent auf 422 Gigawattstunden gesunken, das sind 422 Milliarden Wattstunden. Auch die absolute Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist von 178 GWh im Jahr 2019 auf 170 GWh im Jahr 2020 zurückgegangen.

Während die Stromeinspeisung aus Fotovoltaik mit einem Plus von rund 2 Prozent und Biogas mit einem Plus von 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesteigert werden konnte, ist die Stromerzeugung aus Wasserkraft (9,3 Prozent) und fester Biomasse (2,7 Prozent) gesunken. Hauptursache hierfür seien die geringeren Niederschläge im Vergleich zum Vorjahr und die geringere Stromproduktion in den Biomasseheizkraftwerken aufgrund einer reduzierten Wärmeabnahme während der Corona-Beschränkungen, etwa weil Hotels wegen der Schließung nicht mit Fernwärme versorgt werden mussten.

Manuel Münch teilte mit, dass die CO2-Emissionen pro Kopf beim Stromverbrauch von 1,8 Tonnen im Jahr 2014 auf 0,9 Tonnen im Jahr 2020 gesunken seien.

Vorläufiges Ergebnis

Allerdings sind die Ergebnisse für das Jahr 2020 nur als vorläufig zu betrachten, »da zwar die Einspeisemengen erneuerbarer Energien in vollem Umfang vorliegen, der Strombezug jedoch bislang nur von regionalen Stromnetzbetreibern bekannt ist«. Aufgrund einer rollierenden Abrechnung könnten die Ergebnisse im Netzgebiet der Bayernwerk AG erst eineinhalb Jahre nach dem jeweiligen Bilanzjahr zur Verfügung gestellt werden. Zwar könne der Strombezug »relativ exakt hochgerechnet werden«, teilte der Klimaschutzmanager mit, wegen der Pandemie und damit verbundenen Auswirkungen auf die Wirtschaft sei jedoch mit größeren Abweichungen des Stromverbrauchs zu rechnen.

Der Strombezug nach Verbrauchergruppen zeigt, dass 66 Prozent davon im Sektor Wirtschaft genutzt wird, 29 Prozent in den privaten Haushalten des Landkreises. 3 Prozent des Stroms kommt in kommunalen Liegenschaften zur Verwendung. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Strombezug um 3 Prozent gesunken. Das Landkreisziel für das Jahr 2030 liegt bei rund 350 Gigawattstunden.

Leichter Anstieg

Die Anzahl zugelassener Elektrofahrzeuge liegt nun bei 751 (2021). Ein Jahr zuvor waren es 469 E-Autos. Bei den Plug-In-Hybridfahrzeugen verzeichnet der Landkreis einen Anstieg auf 453 (2020: 237). Im Landkreis sind, mit Stand Ende vergangenen Jahres, 65 472 Fahrzeuge zugelassen.

Die Netzeinspeisemengen bei der Fotovoltaik lagen 2020 bei 53 500 Megawattstunden (MWh). Das Ziel für 2030: eine Verdoppelung. Um das Ausbaupotenzial gemäß des Energienutzungsplans auszuschöpfen, müsste der jährliche Zubau bis 2030 vier Megawatt-Peak (MWp) betragen – das ist die Bezeichnung für die elektrische Leistung von Solarzellen. In Sachen Wasserkraft gibt es im Landkreis nur eine überschaubare Entwicklung. »Das Jahr 2019 war ein extrem gutes Jahr allein wegen der Schneemengen«, sagte Münch. Bis in den Juli hinein seien hohe Abflussmengen verzeichnet worden. Die Strommenge, die daraus gewonnen wird, ist seit dem Jahr 2014 aber lediglich um 7 Prozent gestiegen. Im Jahr 2020 waren es 91 500 MWh. Beim Biogas verzeichnet der Klimaschutzmanager eine Steigerung der Stromeinspeisung (14 800 MWh) um 4 Prozent zum Vorjahr (14 200 MWh).

Der Anteil erneuerbarer Energien liegt mit 40 Prozent noch weit entfernt vom Landkreisziel, das mit 73 Prozent für das Jahr 2030 angegeben ist. Im kommunalen Vergleich hat Bad Reichenhall den höchsten Endenergieverbrauch mit rund 350 000 MWh, gefolgt von Ainring (245 000 MWh) und Freilassing (240 000 MWh). Berchtesgaden liegt bei rund 165 000 MWh. Schlusslicht ist Marktschellenberg mit 25 000 MWh. Während etwa der Anteil erneuerbarer Energien in Teisendorf bei 74 Prozent liegt, bilden Piding und Bayerisch Gmain mit 10 und 5 Prozent die Schlusslichter im Landkreisvergleich. Reichenhall kommt auf 18, Bischofswiesen auf 15 Prozent. Spitzenreiter sind Marktschellenberg mit 84 und Schneizlreuth mit 150 Prozent, wobei die dort genutzte Wasserkraft hierfür verantwortlich zeichnet. Eine kommunenscharfe Bilanzierung des Verkehrsbereichs sei nicht durchgeführt worden, teilte der Klimaschutzmanager mit, da die Daten bislang nur für Landkreisebene zur Verfügung stünden.

Landrat Bernhard Kerns (CSU) Fazit: »Eine vorzügliche Entwicklung, wir sind auf einem kompetenten Weg.« Der Landkreis nehme nun Fahrt auf. Mit den Stadtwerken Bad Reichenhall und der neu gegründeten Watzmann Natur Energie sei man gut aufgestellt. Potenzial erkennt Kern vor allem in der Wasserkraft. Derzeit existieren im Landkreis mehrere Baustellen. In Unterau wird ein Wasserkraftwerk für eine Millionensumme zukunftsfähig umgebaut.

Roman Niederberger (SPD) erkennt Fortschritte, »aber ein gutes Stück des Weges liegt noch vor uns«, so lautete das Fazit des Ausschussmitglieds. An einem »massiven Ausbau nachhaltiger Quellen« werde man nicht herumkommen. Damit sprach er auch die Infrastruktur für Elektrofahrzeuge an, die im Landkreis bislang als rückständig gilt. »Ohne das wird es keine Energiewende geben.«

Klimaschutzmanager Manuel Münch prognostiziert einen deutlichen Anstieg des Strombedarfs – durch Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge. Großes Potenzial sieht auch Münch in der Watzmann Natur Energie GmbH. Zudem seien Fotovoltaikanlagen in Zukunft besonders attraktiv für die Stromeigennutzung, weil die Investitionskosten gesunken seien.

Ladeinfrastruktur verbessern

Ein exponentielles Wachstum, so beurteilt Simon Köppl (Grüne) in Sachen E-Fahrzeuge die Lage. »Wir werden mit der Ladeinfrastruktur mitgehen müssen.« Der Weg ans Ziel sei in jedem Fall noch ein langer. Chancen verortet er auch in Bürgerkraftwerken, die aus der staatlichen Förderung herausgefallen sind. »Wir können uns nicht leisten, dass diese vom Netz genommen werden.« Das sei vergleichbar, wie wenn man die Milchproduktion beendete, weil der Landkreis damit ausreichend versorgt sei.

Wieso sich ein Bürger aktuell ein Elektroauto kaufen sollte, fragte sich Bernhard Heitauer (CSU) angesichts »exorbitant gestiegener Strompreise«. Für die Nutzung von Wasserkraft sieht er in Zukunft nur geringe Chancen. Den Blick für die Realität nicht zu verlieren, davor warnte Manfred Hofmeister (Bürgerliste Reichenhall): »Wir werden um die Wasserstoffnutzung nicht herumkommen.« Denn um die benötigten Strommengen bereitstellen zu können, müssten Lösungen her. Die deutschen Nachbarn investierten bereits kräftig in Atomkraft. Schönau am Königssees Bürgermeister Hannes Rasp (CSU) forderte kreative Lösungen: »Denn die E-Mobilität wird kommen. In der Gemeinde errechnen wir gerade, Carports zu bauen und diese mit Fotovoltaikanlagen ausstatten zu lassen.« Im Landkreis gebe es zahlreiche Dächer und so auch »viele Möglichkeiten« für erneuerbare Energien.

Kilian Pfeiffer