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20-Jährige angeblich zur Prostitution gezwungen – Mutmaßlicher Zuhälter an bayerisch-österreichischer Grenze festgenommen

Kein gutes Haar ließ ein 31-jähriger, rumänischer Staatsangehöriger an einer inzwischen 20-jährigen Landsfrau am Freitag vor der Siebten Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Christina Braune. Der Angeklagte soll das mutmaßliche Opfer zur Prostitution gezwungen, sexuell genötigt und mehrfach erheblich verletzt haben. Außerdem liegen dem Mann Drogendelikte zur Last. Der Prozess wird am 29. Oktober und 8. November jeweils um 9.15 Uhr fortgeführt.


Der Tatverdächtige und die Frau kannten sich flüchtig aus Rumänien. Gemäß Anklage von Oberstaatsanwalt Dr. Martin Freudling wusste der 31-Jährige, dass die damals noch 19-Jährige seit etwa 22. Januar 2021 in der irischen Stadt Dublin der Sexarbeit nachging. Er kontaktierte sie über Facebook und überredete sie, Irland zu verlassen und sich in Belgien zu prostituieren. Die Frau flog Anfang April 2021 auf eigene Kosten nach Antwerpen. Ab der Zeit soll der Angeklagte als ihr Zuhälter fungiert und ihr allen Liebeslohn abgenommen haben. Gleiches tat er laut Staatsanwalt in Brüssel. Dort soll der Rumäne zudem für Kokain zum Verkauf an Freier gesorgt haben. Nach der Rückkehr nach Antwerpen Ende April 2021 wollte die Frau nicht mehr als Prostituierte tätig sein. Daraufhin soll der Angeklagte ein Messer gezogen, sie bedroht und ihr erklärt haben, sie müsse mindestens bis 1. Juli weitermachen. Sonst werde er ihr das Gesicht zerschneiden. Sie werde »zerstückelt nach Hause kommen«.

Auf Druck des Angeklagten sollen die beiden am 20. April 2021 per Bus von Antwerpen nach Salzburg gereist sein. Die 20-Jährige weigerte sich laut Anklageschrift, dort Geld auf die gleiche Weise wie bisher zu verdienen. Daraufhin soll der 31-Jährige sie mit dem Handrücken ins Gesicht und mit der Faust in den Magen geschlagen, ihr dazu noch einen Tritt in den Rücken versetzt haben. Bei drei Vorfällen und zusätzlichen Ohrfeigen erlitt die Zeugin schmerzhafte Hämatome und eine Platzwunde an der Lippe. Sie wurde wieder mit dem Messer und »Schneiden« bedroht, sollte sie zur Polizei gehen oder sich nicht weiter prostituieren. Einem Autoverkäufer soll er die sexuellen Dienste der 20-Jährigen als »Rabatt« angeboten haben. Tatsächlich musste die Frau mit dem Unbekannten gegen ihren Willen den Geschlechtsverkehr ausüben, heißt es in der Anklage.

Der 31-Jährige wollte am 27. April 2021 mit der jungen Frau von Salzburg weiter in die Schweiz fahren. Kurz vor der Grenze zu Bayern bekam die Frau angeblich erneut das Messer zu sehen. Dazu soll er gesagt haben, er werde sie »umbringen«, sollte er festgenommen werden. Die Frau offenbarte sich dennoch Polizeibeamten am Autobahngrenzübergang Bad Reichenhall. Für den Angeklagten, der einen Joint dabei hatte, klickten die Handschellen.

»Mein Mandant sagt, er ist unschuldig«, betonte am Freitag der Verteidiger, Hans-Jörg Schwarzer aus Berchtesgaden. Der 31-Jährige habe mit der jungen Frau eine Beziehung gehabt. Zur Prostitution gezwungen habe er sie nicht, auch nicht verletzt. Was die Zeugin angebe, sei »frei erfunden«. Die Vorsitzende Richterin hielt entgegen: »Die Zeugin weist Verletzungen auf, die genau zu den von ihr beschriebenen Schlägen und dem Tritt passen.« Der Angeklagte gab an, die 20-Jährige sei zweimal beim Bremsen im Auto mit dem Gesicht in das Lenkrad gefallen. Beim Aussteigen aus dem Wagen habe sie sich am Fuß verletzt. Im Bad habe sie sich an einem offenen Fenster den Rücken angestoßen. Blaue Flecken habe sie sehr leicht bekommen. Gelebt habe er in der fraglichen Zeit von Ersparnissen.

Die Prozessbeteiligten zeigten sich skeptisch. Beisitzender Richter Norbert Pollok vermutete »einen Riesenbären, den uns der Angeklagte aufbinden will«: »Sie sollten sich überlegen, ob sie bei Ihren Angaben bleiben. Sie können ungestraft lügen. Die Zeugin muss bei Androhung schwerer Strafen die Wahrheit sagen. Ein Geständnis hat einen hohen Wert.«

Nach einer Beratungspause beharrte der 31-Jährige darauf, er sei unschuldig. Vorsitzende Richterin Christina Braune informierte, die Zeugin sei geladen worden, aber nicht erschienen. Deshalb bildeten ihre Vernehmungen die Grundlage der Beweiswürdigung. Die Behauptung des Angeklagten, die Zeugin sei in Rumänien erheblich vorbestraft, widerlegte Oberstaatsanwalt Dr. Martin Freudling nach einem Telefonat in der Sitzungspause. Die 20-Jährige habe keine Einträge im Strafregister.

Der rechtsmedizinische Sachverständige, Dr. Fritz Priemer aus Wonneberg, hatte die 20-Jährige damals zeitnah untersucht. An vielen Stellen am Körper habe sie »heftige Verfärbungen« aufgewiesen.

Mehrfach lachte der Angeklagte am Freitag, als Dr. Priemer von äußerst schmerzhaften Prellmarken als Folge wuchtiger Gewalteinwirkung berichtete. Die Verletzung am Rücken sei »abstrakt lebensgefährlich« gewesen. Der Sachverständige erinnerte sich an einen Satz der Patientin über den 31-Jährigen: »Wenn er mich findet, bin ich tot.«

Der psychiatrische Gutachter, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, attestierte dem Angeklagten volle Schuldfähigkeit und – trotz Spuren von Drogen laut Haargutachten – keine Suchtmittelabhängigkeiten. Die Voraussetzungen für Unterbringung seien nicht erfüllt.

kd