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Die Hochalpenstraße durch das Wimbachgries

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Erstbefahrung der Großglockner Hochalpenstraße: links Dipl.-Ing. Franz Wallack, am Steuer Dr. Franz Rehrl. (Fotos: Großglockner Hochalpenstraße AG)
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Das Wimbachgries ist heute das Herzstück des Nationalparks Berchtesgaden. Wie jetzt bekannt wurde, hat der österreichische Ingenieur Franz Wallack bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs über diese Trasse den Bau einer Hochalpenstraße über das Steinerne Meer geplant. (Foto: BGLT)

Saalfelden/Ramsau – Eine Hochalpenstraße von Saalfelden über das Ingolstädter Haus im Steinernen Meer und durch das Wimbachgries bis nach Ramsau? Was heute völlig verrückt klingt, wäre vor fast 80 Jahren beinahe Realität geworden. Franz Wallack, Erbauer der Großglocknerstraße, hatte bereits umfangreiche Detailpläne im Rahmen einer Machbarkeitsstudie angefertigt. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 verhinderte die Umsetzung. Jahrzehntelang schlummerten die Pläne im Saalfeldener Rathaus. Jetzt hat sie der Saalfeldener Ingenieur Heinz Zandl für eine Ausstellung im Saalfeldener Heimatmuseum aus der Vergessenheit geholt. Was er entdeckt hat, ist sensationell.


Kein Geheimnis ist es, dass die Nationalsozialisten schon vor Wallack eine Straße über das Steinerne Meer bauen wollten. Die heutige Scharitzkehlstraße bis nach Hinterbrand zeugt von den Plänen, die es damals gegeben hatte. Als Trasse war das Gebiet östlich des Königssees über die Röth und das östliche Steinerne Meer vorgesehen. Über die Buchauerscharte hätte man Maria Alm erreicht. Der Kriegsausbruch verhinderte auch hier einen Weiterbau der Straße.

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Im Gegensatz zu diesen allgemein bekannten Plänen ist die jetzt in Saalfelden aufgetauchte Machbarkeitsstudie eine kleine Sensation. »Viele ältere Saalfeldener erzählten immer wieder einmal von alten Plänen zum Bau einer Straße über das Steinerne Meer«, sagt Heinz Zandl. Der pensionierte Zivilingenieur ging der Sache schließlich auf den Grund. Ein Freund, der in den 50er und 60er Jahren noch mit Franz Wallack zusammengearbeitet hatte, erzählte ihm einmal von alten Plänen, die noch bei der Gemeinde liegen müssten. »Ich habe dann dort nachgebohrt und nach mehreren Anläufen ist man schließlich fündig geworden«, erzählt Zandl.

Bei dem gefundenen Material handelt es sich um eine Machbarkeitsstudie mit Übersichts- und Detailplänen, Höhenprofilen und einem ausführlichen technischen Bericht. Das alles hatte Franz Wallack im Jahr 1939, also vier Jahre nach Abschluss der Bauarbeiten an der Glocknerstraße, an den nationalsozialistischen Bürgermeister Hans Großlerchner aus Saalfelden geschickt. Wallack schrieb dazu: »Es freut mich nun, Ihnen mitteilen zu können, dass ich die Studien für das Straßenprojekt über das Steinerne Meer vollendet habe«.

48 Kilometer, 31 Kehren

Das gigantische Bauprojekt wäre von der Dimension her mit der Großglockner Hochalpenstraße vergleichbar gewesen. Insgesamt 17 mögliche Varianten hatte Wallack geprüft. Für am ehesten realisierbar hielt er die Trasse von Saalfelden über Ramseiden und über die Steinalm zum Kinalkopf bei der Peter-Wiechentahler-Hütte, dann über die Weißbachscharte nördlich des Beithorns zum Ingolstädter Haus und schließlich über das Hundstodgatterl und das Wimbachgries nach Ramsau. Die Strecke mit einer maximalen Steigung von zehn Prozent ist 48,56 Kilometer lang, hat 31 Kehren und wäre mit einem 140 Meter langen Tunnel ausgekommen. Zum Vergleich: Die Glocknerstraße ist 49 Kilometer lang und hat 36 Kehren. Die Kosten für die Straße über das Steinerne Meer schätzte Wallack auf 27,03 Millionen Reichsmark.

»Es gibt aber eine Vielfalt von Planungsvarianten«, sagt Heinz Zandl, der Wallacks Hinterlassenschaften für das Saalfeldener Heimatmuseum aufbereitet hat. Die verschiedenen Trassenvarianten überqueren das Steinerne Meer an verschiedenen Stellen. Eine mögliche Trasse hätte wohl nach St. Bartholomä geführt. Wie man dann den Königssee passiert hätte, ist ungeklärt. Denkbar ist hier nur eine große Tunnellösung. Eine andere Trassenvariante wäre bis nach Golling gegangen.

In jedem Fall wären bei einer Realisierung des Straßenbaues, auf welcher Trasse auch immer, ein großartiger Naturraum für immer zerstört worden. Den Nationalpark würde es mit großer Wahrscheinlichkeit heute nicht geben. Etwas schräg mutet da folgende Charakterisierung Wallacks an: »Wallack war nicht nur ein hervorragender Straßenbauer, sondern er liebte auch die Natur. Er trassierte die Straße so, dass sie sich harmonisch in die Landschaft schmiegt und der Natur möglichst keine Gewalt antut«.

Wer war der Auftraggeber?

Ungeklärt ist bislang, wer wirklich Auftraggeber für die Machbarkeitsstudie war. Im technischen Bericht schreibt Wallack, dass es am 13. September 1938 eine Aussprache zwischen ihm und Bürgermeister Großlerchner gegeben habe. Gegenstand des Gesprächs sei eine Untersuchung gewesen, ob es technisch und wirtschaftlich möglich sei, eine Straße über das Steinerne Meer zu bauen. Hauptziel sei eine Verbindung der Deutschen Alpenstraße vom Bodensee zum Königssee mit der Glocknerstraße. Aber der Erreichung des auf über 2 000 Meter Höhe gelegenen Plateaus würden sich außerordentliche Schwierigkeiten in den Weg stellen. »Steile, dem Steinschlag ausgesetzte Felswände von oft mehreren hundert Metern Höhe umgürten das Plateau wie eine gewaltige Festungsmauer«, schreibt Wallack.

Weil Wallack seine Pläne bereits im März 1939 abgegeben hat, hatte er nach dem Treffen mit Großlerchner im September des Vorjahres bis zum Wintereinbruch nurmehr den Oktober für seine Begehungen. Heinz Zandl sagt: »In dieser Zeit zeichnete er 17 Varianten mit insgesamt 200 Kilometern Trassen. Und die habe ich geprüft: Sie haben alle Hand und Fuß. Es ist nicht machbar, dass er schon im März 1939 die Pläne abgeliefert hat«. Zandl vermutet, dass Wallack doch schon länger geplant hatte und wohl doch die Nationalsozialisten auf deutscher Seite als frühere Auftraggeber die Hand im Spiel hatten.

Das Saalfeldener Heimatmuseum präsentiert im Rahmen der Sonderausstellung »200 x 200« bis Februar 2017 einen Teil von Wallacks Plänen erstmals der Öffentlichkeit. Das Museum ist von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Ulli Kastner