Die Hunderetterin: Iris Finsterle hat über 400 Hunde vor dem Tod bewahrt

Die Hunderetterin: Iris Finsterle hat über 400 Hunde vor dem Tod bewahrt
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Rettet Hunde vor dem Tod: Iris Finsterle aus Bad Reichenhall. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Bad Reichenhall – Leben gerettet hat Iris Finsterle schon über 400 mal. Die Reichenhallerin hat in Los Angeles ein Netzwerk aus Tierschützerin vereint, vermittelt Hunde – kurz vor der Tötung – nach Deutschland. Ihr Zuhause gefunden hat die 66-Jährige mittlerweile im Tierheim in Bad Reichenhall. »Ich lebe hier, bin wahrscheinlich die am besten geschützte Person überhaupt«, sagt sie mit einem Schmunzeln.


Als Sam, Barbie, Hooter und Teensy zur Tür hereinstürmen, ist die Freude groß. Zwergschnauzer, Mischling, Terripoo und Chihuahua sind allesamt gerettete Hunde und der ganze Stolz von Iris Finsterle. Viele Jahre wohnte sie gemeinsam mit ihrer Mutter in Waging im Grünen in einem kleinen Häuschen. Als die Mutter starb, suchte sich die Mittsechzigerin ein neues Umfeld – »in dem meine Hunde willkommen sind und auch mal bellen dürfen«, sagt sie. Fündig geworden ist sie schließlich im Tierheim, was keine Selbstverständlichkeit ist. Seit vier Jahren ist es nun ihr Zuhause, eine Wohnung im ersten Stock. Iris Finsterle ist die gute Seele des Hauses, die auch mal nachts aufsteht, wenn unten Rambazamba ist, ein tierischer Patient versorgt werden muss, die Kitten abends noch das Fläschchen bekommen oder sich die Wäsche zusehends stapelt und Finsterle sich wochenends zum Wasch-Marathon aufmacht, damit die Arbeit für die Mitarbeiter nicht überhand nimmt. Für Iris Finsterle, aber auch für das Tierheim ist es, nach beidseitiger Auskunft, eine Win-win-Situation inklusive abendliche Gute-Nacht-Runde durch das Tierheim.

Schon als Kind Tiere gerettet

Die Liebe zu Tieren muss Iris Finsterle in die Wiege gelegt worden sein: Sie wuchs in der Schweiz auf, ging mit dem Puppenwagen spazieren, brachte schon als junges Mädchen anstatt der Puppe ein angefahrenes Kätzchen oder einen toten Vogel mit nach Hause. Mit einem Kettenhund schloss sie auf einem Bauernhof Freundschaft. »Ich wollte Pferdewirtin werden«, sagt Finsterle. Wegen eines schweren Unfalls mit einem Pferd ging der Traum nicht in Erfüllung, aber die enge Verbindung zu Tieren, die blieb. Ihren ersten Hund fand sie an der Ostsee, Tscharek, einen Boxer-Wolfsspitz-Mischling. Er war noch ein Baby, sie las ihn auf, der Tierarzt wollte ihn einschläfern, sie gab ihm Fläschchen, päppelte ihn wieder auf. 18 Jahre lang war Tscharek ihr treuer Begleiter, »ich bin mit ihm viel gereist, Frankreich, Spanien, Italien, »er war bei der Arbeit mit dabei«, hatte eine Monatskarte für die Münchner S-Bahn.

»Wenn ich mich für ein Tier entscheide, ist es eine Entscheidung fürs Leben«, sagt Iris Finsterle. Denn jedes Lebewesen sei eine Persönlichkeit, trage für nichts Schuld. Dennoch sind Tiere häufig »der Abfall der Gesellschaft«.

Diesen »Abfall« live sehen konnte sie das erste Mal in Los Angeles. Die weitläufige Stadt im Süden des US-Bundesstaats Kalifornien und Zentrum der amerikanischen Film- und Fernsehbranche ist für Finsterle ein »magischer Ort«. Dazu muss man wissen: Sie ist Michael Jackson-Fan, schon seit Ewigkeiten, war, als er noch lebte, auf etlichen Konzerten, auch in den USA. »Ich habe dort diese riesigen Auffangstationen gesehen, die sich als Tierheime bezeichnen«, sagt Finsterle. Massen an herrenlosen Hunden, die oft außerhalb in Rudeln leben, sich wild vermehren, landen dort. Drei bis zehn Tage hätten die Tiere Zeit, einen neuen Besitzer zu finden – »danach werden sie getötet«. Für Finsterle ist diese Vorstellung ein Graus, ein menschliches Versagen angesichts etlicher »Hinterhofzüchter«, die dort ein großes Problem darstellen. Tierschutzorganisationen gebe es in Los Angeles zwar zuhauf, »nur die Zusammenarbeit untereinander fehlt häufig«.

Iris Finsterle war unzählige Male in Los Angeles zu Besuch, mindestens einmal pro Jahr, nur während der Corona-Pandemie war die Einreise unmöglich. Im Laufe der vielen Besuche hat sie zahlreiche Kontakte geknüpft zu amerikanischen Tierärzten, zu Tierschützern, zu Menschen mit Herz für Hunde. Um das Netzwerk zu errichten, brauchte es also viel Vorarbeit. »Es hat wirklich lange gedauert, ein Team aufzubauen.« Finsterles ambitioniertes Ziel, das bis heute verfolgt wird: An Familien in Deutschland zu vermitteln, vornehmlich kleine Hunde.

Erfahrung im Retten von Vierbeinern hatte sie bereits, seitdem sie in der Vergangenheit mehrfach Hunde in Moskau und dem deutschen Nachbarland Polen vor dem Tod bewahrte und hierzulande weiter vermittelte.

Brücke der Hoffnung

Iris Finsterle erhält von Vertretern befreundeter Tierschutzorganisationen regelmäßig Listen aus Los Angeles, darauf Tiere, die nicht mehr lange zu leben haben, im schlimmsten Fall getötet werden. Finsterles Tierrettung nennt sich »Bridge of Hope for Dogs in Need« – eine Brücke der Hoffnung will sie schlagen. Auf Facebook ist sie damit vertreten, knapp 1 000 Menschen folgen ihr, mittlerweile hat sie über 400 Hunden aus den USA in Deutschland ein neues Zuhause verschafft, sagt sie. Mundpropaganda sei dabei das wichtigste Werkzeug im Kampf gegen die Tiertötung und für die Vermittlung in eine Familie.

Hooter, ihren Terripoo, ein Mix aus Terrier und kleinem Pudel, hat Iris Finsterle auch aus Los Angeles mitgenommen. »Er wäre sonst nicht mehr am Leben«, sagt sie. Jedes Tier habe es verdient, ein Leben zu haben in behütetem Umfeld. Hooter liegt auf ihrem Schoß, lässt sich von Iris Finsterle streicheln. Wenn sie ihn dabei ansieht, wie er sich freut, weiß sie, wofür sie das tut.

Kilian Pfeiffer