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Königsseer Ex-Bundestrainer Sepp Lenz wird heute 85 – »Wer kein Glück hat, wird nicht so alt«

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Königssee: Ex-Bundestrainer Sepp Lenz feiert 85. Geburtstag
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Traumhafter Blick von Sepp Lenz' Garten auf den Watzmann. In zahlreichen Berichten wurde der Jubilar als »Goldschmied vom Königssee« oder »Bahn-Architekt« betitelt. (Foto: Hans-Joachim Bittner)

Schönau am Königssee – Seine Frau Annelies feierte am 8. Dezember 85. Geburtstag. Am heutigen Samstag, auf den Tag genau drei Monate später, ist Sepp Lenz nun selbst »dran«. Die beiden machen keine große Sache draus, genießen ihren Lebensabend in Ruhe.


Das persönliche Jubiläum wird in einem Gasthaus gefeiert – »damit wir nicht kochen müssen«, lacht Lenz, im Familienkreis. Der kann allerdings nicht als »klein« betitelt werden. »Da kommen schon 50 Leute zusammen«, so der Kunstbahn- und Kunsteisbahn-Pionier.

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»Freilich werden Gratulanten kommen, ich werde sie herzlich zu einem Kaffee empfangen«, sagt er. »Als Mitglied der Weihnachtsschützen oder der Feuerwehr wird es nicht ausbleiben.«

Ansonsten möchte er um seinen 85er kein großes Aufsehen veranstalten. Gesundheitlich geht es »dem Sepp« für sein Alter »eigentlich nicht schlecht«, sagt er. »Aber die Augen lassen halt stark nach. Das merke ich vor allem beim Zeitunglesen.« Er müsse gewisse Abstriche machen, gerade »weil ich ja hier oben am Berg lebe«.

Über seine Bein-Prothese verliert er nur ein paar Worte, wenn er danach gefragt wird: »An sie habe ich mich schon lange gewöhnt, sie bereitet mir keine Probleme.« Sepp Lenz ist keiner, der jammert. Das tat er noch nie. Nicht einmal, als ihm US-Rodlerin Bethany Calcaterra 1993 in Winterberg schuldlos den Unterschenkel abtrennte. »Ich stand in der Bahn, habe sie nicht gehört. Es war meine Schuld.« Sepp Lenz war damals 58 und war nur zwei Monate später, bei den tollen Olympischen Spielen von Lillehammer, bereits wieder im Einsatz.

Der schlimme Trainingssturz von 1964

Er ist mit seinem bisherigen Leben »sehr zufrieden« und spricht von »unglaublich viel Glück, so alt geworden zu sein« – vor allem, wenn er an die ganzen Unfälle denkt. Dann wird Sepp Lenz ganz ruhig. »Den bösen Trainingssturz 1964 vor den Olympischen Spielen in Innsbruck«, sagt er, wird er nie vergessen. Mit seinem Doppelpartner Sepperl Fleischmann, der wenige Tage später seinen schweren Verletzungen erlag, flog er aus der vorletzten Igls-Kurve. An einem Seilbahnmasten und an einem Baum vorbei auf eine vereiste Treppe und anschließend in ein Bachbett – es hätte ihn schon sehr früh viel schlimmer erwischen können.

Die aktive Karriere von Sepp Lenz erhielt an diesem Tag in der Tat den entscheidenden Einschnitt: »Danach war ich jedenfalls nie wieder der Alte. Viele Gelenke waren kaputt, der linke Oberarm benötigte nach einem Trümmerbruch eineinhalb Jahre, bis er wieder halbwegs in Ordnung war.« Die zweite sportliche Laufbahn als Trainer nahm ihren Anfang, sie sollte noch weitaus erfolgreicher werden.

»Ich hatte und habe ein schönes Leben.« Gleichwohl erlebte Sepp Lenz als Zehnjähriger das Kriegsende 1945 schon ganz bewusst mit und vor allem danach eine sehr entbehrungsreiche Zeit. »In einem Frühjahr hatten wir nur noch gefrorene Kartoffeln zum Essen – aber es erging ja fast allen so. Und so erfuhren wir in unserem ganzen Leben lang eine Steigerung, das war schon viel wert.«

Sepp Lenz schätzt sein Zuhause sehr: »Hier oben (in Schwöb; Anm. d. Red.) zu wohnen, ist ein Privileg, das ich sehr genieße. Es gibt wohl nichts Schöneres, als in der Heimat, mit der wir hier natürlich ein besonderes Glück haben, leben zu dürfen – mittlerweile Gott sei Dank so lange ohne Kriege oder andere Krisen.« Sein Garten, ein kleiner Fischteich unterhalb, in dem die drei Töchter und einige Nachbarskinder das Schwimmen lernten – das waren stets willkommene Rückzugsorte vom mitunter stressigen Geschehen im Rennrodel-Weltcup-Zirkus.

Der heutige BSD-Vorstandsvorsitzende Thomas Schwab löste Sepp Lenz 1995 als Bundestrainer ab, damals war der Jubilar mit 96 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften der erfolgreichste. Geprägt natürlich von einem Ausnahme-Könner wie Schorsch Hackl, dessen gesamte Rodel-Karriere Sepp Lenz »als besonderen Glücksfall« begleitete. »Ihm war natürlich ein außergewöhnliches Talent in die Wiege gelegt«, sagt der Coach, der 2017 im Rahmen der Berchtesgadener Sport-Gala den »Preis für das Lebenswerk« erhielt.

Auto verschenkt, Führerschein behalten

Das Autofahren gab Sepp Lenz jetzt erst mal auf. Wegen der schlechter werdenden Augen. Den Wagen schenkte er gleich mal seinem Enkel Thomas, damit er nicht doch noch mal in die Versuchung gerät, sich ans Steuer zu setzen. »Der hat sich sehr darüber gefreut«, lacht der Jubilar. »Den Führerschein behalte ich aber. Den hab ich schließlich selbst gemacht und selbst bezahlt – der gehört mir«, lacht der Sepp.

Die Möglichkeiten der Besuche an seiner 1968 erbauten und im Februar 1969 eröffneten Kunsteisbahn, seinem sportlichen Wohnzimmer, sind mit der verminderten Mobilität natürlich gesunken. »Aber wenn ich hin will, komme ich schon hin«, freut er sich, eine Familie im Rücken zu wissen, die ihn unterstützt. »Es ist auch schön, gefahren zu werden«, lacht der Vater dreier Töchter, der Opa von sechs Enkeln (vier Buben, zwei Mädels) und seit Juli 2018 stolzer Uropa eines kleinen Buben. »Und wenn wirklich mal niemand Zeit hat, nehme ich mir halt ein Taxi.«

Dennoch wurde aus dem bis vor einem Jahr noch täglichen Besuch am Königssee nun ein »zwei- bis dreimal in der Woche«. Im Volksmund bleibt das Turbodrom der Sepp-Lenz-Kreisel und sein Name somit berechtigterweise hier verewigt. Neben seiner sportlichen Laufbahn als aktiver Rodler und später als Bundestrainer arbeitete der gelernte Sattler und Tapezierer ganz in der Nähe als Schiffsführer auf den Königssee-Booten.

Bis heute hat Sepp Lenz gute Kontakte, in erster Linie zu den Eisspezialisten, denen er nach wie vor gerne mit Ratschlägen zur Seite steht. »Mit am meisten freut es mich, dass wir da absolute Spitzenleute haben.« Nach wie vor legt er Wert darauf, dass die Profilierung des Eises in den Kurven stimmt: »Der gute Ruf bei den Rodlern im In- und Ausland ist uns damit sicher.«

Die respektvolle Resonanz der Sportler ist Sepp Lenz wichtig. »Bei sieben Starthöhen ist die Eisaufbereitung keine einfache Sache, um allen die gleichen Bedingungen zu bieten. Freilich geht es dabei immer um Kompromisse. Schließlich sollen auch die Kinder, die im Kreisel starten, gut aus den Kurven kommen können«, denkt Sepp Lenz stets an den Nachwuchs.

Stolz auf das, was hier entstanden ist

Stolz blickt Sepp Lenz auf das, was am Königssee entstanden ist. Der Zeitraffer, der mit Eisblöcken aus dem Hintersee begann und in eine Sportstätte mit Weltruf mündete, kommt ihm jedoch hie und da suspekt vor: »Ich hätte nie gedacht, dass sich das alles derart entwickelt, ja, dass das Rodeln überhaupt Profisport wird.« Er selbst begann an den Wochenenden auf Holzschlitten am Obersalzberg mit dem »Schlitten fahren«, später kamen Lederriemen zur besseren Lenkung dazu.

Sein 1973 verstorbener Vater Lorenz (die Mutter Walburga starb 1977) rodelte noch mit Bockschlitten. Heute liegen Felix Loch & Co. auf High-End-Geräten, bis ins letzte Detail ausgetüftelt – »von der irren Geschwindigkeit will ich gar nicht sprechen«. In so manchen Punkten geht Sepp Lenz, 1962 Europameister, der Wandel der Zeit zu schnell. »Das ist alles nicht aufzuhalten. Aber wohin soll es noch führen?« Er warnt davor, dass der stete Entwicklungsdrang »möglicherweise mal eine ganz andere Richtung einschlägt«. Mit dem Ergebnis, dass die Eltern das irgendwann vielleicht nicht mehr unterstützen, weil es zu gefährlich wird. »Und dann gibt es plötzlich viel weniger Sportler.«

1995 gab Sepp Lenz sein Bundestraineramt nach 29 Jahren an den heutigen BSD-Vorstandsvorsitzenden Thomas Schwab ab. In der Rückschau hat er das Gefühl, dass die Zeit als junger Mensch nicht so schnell verging: »Doch seit ich in Rente bin, vergeht jedes Jahr noch schneller, obwohl man mehr Zeit hat.«

Hans-Joachim Bittner