Leben in der Vertikalen

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Das Hintere Feuerhörndl, 380 Meter Wandhöhe: Ines Papert versuchte sich das Jahr über am Projekt »Wolke 7« an der Reiteralm. (Foto: Klaus Fengler)

Eiskletter-Weltmeisterin und Alpinistin Ines Papert vertritt Berchtesgadener Land als Markenbotschafterin – Kletterzentrum in Istrien


Berchtesgaden – Was Ines Papert beim Bergsteigen fasziniert? »Immer wieder Neuland zu entdecken«, sagt die mehrfache Eiskletter-Weltmeisterin. Zeit dazu hatte die Profibergsteigerin dieses Jahr eine ganze Menge, was den Lockdowns geschuldet war. »Das waren zwar massive Einschränkungen, aber als Kletterprofi war ich ja nicht eingesperrt«, so die Bayerisch Gmainerin. Die Zeit, die sie zwangsläufig hatte, hat sie genutzt, um ihre Heimat »wieder neu zu entdecken«. Eine schwierige Route an der Reiteralm Nordwand brachte sie auf »Wolke 7«. Im Juli dieses Jahres ging sie in Bad Reichenhall dann den Bund fürs Leben ein, mit dem slowenischen Alpinisten Luka Lindic.

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»Mein täglich Brot ist das Unterwegssein«, sagt Ines Papert. Sie zu treffen, ist aktuell nicht ganz einfach. Sie befindet sich in Istrien. Deshalb findet das Gespräch nur mithilfe einer Video-Konferenz statt. Mit Ehemann Luka Lindic renoviert Papert dort ein Haus. Den Spitzenalpinisten hat sie vor ein paar Jahren kennengelernt. Sie teilten dieselbe Leidenschaft, das Berggehen. Mittlerweile ist das deutsch-slowenische Paar nicht nur am Berg eine erfolgreiche Seilschaft, sondern auch im gemeinsamen Leben. Das Kletterzentrum ist ein gemeinsames Ziel, das sich die beiden gesteckt haben. Der nächste große Felsen ist nur rund 15 Minuten entfernt. In zwei Jahren wollen sie eröffnen, Klettercamps veranstalten, Trainingsinhalte vermitteln. »Bislang gibt es das hier noch nicht«, erzählt Ines Papert und freut sich auf das, was kommt.

Die Kletterspezialistin ist jetzt 46 Jahre alt. Natürlich ist das kein Alter, um am Fels erfolgreich zu sein. Das Alter geht aber an niemandem vorüber. So manches selbst gesteckte Ziel wird kleiner. »Aber ich fühle mich durchaus in der Lage, noch alles zu schaffen«, sagt sie. Im vergangenen Jahr wurde sie zur Markenbotschafterin des Berchtesgadener Landes ernannt, neben den Huber-Buam, den Extremkletterern Thomas und Alexander, Rodellegende Georg Hackl und Bergläufer Toni Palzer.

Papert vertritt als Sportlerin wie kaum eine andere ihre Heimat. »Ich profitiere von der Region und lebe hier«, sagt die gelernte Physiotherapeutin, die sich seit rund 20 Jahren ausschließlich mit Klettern und Bergsteigen beschäftigt. Ihre Berge – das sind die großen, steilen Wände, schwierig zu meistern. Das große Ziel für das Jahr 2020 war ursprünglich Alaska. Das hat in Corona-Zeiten aber nicht stattfinden können. Etliche Events sind ausgefallen, Workshops und Vorträge. Für Ines Papert, die von ihren Exkursionen vor Publikum berichtet, sind das persönliche Einschnitte, die ihren Terminplan durcheinander gebracht haben.

Die Enttäuschung, die mit der Absage der Expedition nach Alaska einherging, sei aber schnell vergessen gewesen, heißt es in einem Blog auf Ines Paperts Webseite: »Schnell konnten wir unser Zuhause und ein lokales Projekt richtig wertschätzen.« Mit dem lokalen Projekt ist die Reiteralm Nordwand gemeint, das Hintere Feuerhörndl: 380 Meter Wandhöhe, zwölf Seillängen, der Schwierigkeitsgrad ist mit 8 a angegeben. Die Route hat den Namen »Wolke 7« erhalten. Wohl auch, weil Papert hier mit ihrem Lebensgefährten eine Seilschaft bildete. Der exponierte Pfeiler ist einer der markantesten Felsen in der Gegend und gleichzeitig Heimat einiger der härtesten Routen. In diesem von der Pandemie geprägten Jahr hat Ines Papert viel Zeit mit Trainingseinheiten verbracht, einen Monat lang fuhr sie mit dem Rad durch die Schweiz, trainierte für die Erstbegehung am Feuerhörndl. »Noch bin ich die Wand nicht frei durchgestiegen«, betont sie. Die Suche nach dem Unbekannten, nach dem Neuen, ist oft der Reiz, den Extremsportler verspüren. Dieses Gefühl zu befriedigen, ist dann Chance und Herausforderung zugleich. Überhaupt gilt: Das Pandemie-Jahr war für Kletterer ein besonderes. »Es ist so viel passiert, wie in den vergangenen 20 Jahren nicht«, berichtet Papert. Unzählige Routen seien erschlossen worden, es habe zahlreiche Erstbegehungen gegeben, »die Sportler hatten Zeit, sich zu verwirklichen und Neues auszuprobieren«.

Papert: Skitouren könnten zum Problem werden

Ines Papert ist überzeugt, dass das Corona-Jahr einen starken Wandel in einem sensiblen Umfeld eingeleitet habe. Die Region wurde in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen zum Sehnsuchtsort vieler. »So viele Leute habe ich noch nie unterwegs gesehen.« Als Markenbotschafterin muss sie die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten. »Die Berge sind regelrecht gestürmt worden«, schildert die 46-Jährige. Allerdings: »Der Platz ist nur begrenzt.« Wenn schon der Sommer der pure Wahnsinn war, wie soll dann der Winter werden? Für Papert ist klar: »Der Skitouren-Run wird zum Problem werden.« Denn die Sportart boomt.

In Zeiten, in denen Skilifte geschlossen bleiben, in denen der selbstbestimmte Aufstieg auf den Berg immer populärer wird, wächst die Gefahr, dass einstige Sehnsuchtsorte zum überrannten Hotspot verkommen. »Die Natur wird das auf Dauer nicht vertragen«, sagt die Alpinistin, die sich selbst nicht ausnimmt, die aber die Region nur zu gut kennt. »Wir brauchen die Leute, die wieder länger bei uns bleiben und nicht nur wegen eines schnellen Fotos vorbeikommen«, ist die Bayerisch Gmainerin überzeugt.

Basecamp-Festival in Planung

Kommendes Jahr im April soll es für sie und Ehemann Luka Lindic endlich nach Alaska gehen. »Wir wollen unsere Ziele verwirklichen.« Voraussichtlich dreieinhalb Monate werden sie dort verbringen. Sie haben sich ein kleines Wohnmobil gekauft, damit bleiben sie unterwegs unabhängig.

Für das Jahr 2021 ist auch wieder ein Basecamp-Festival im AlpenCongress in Berchtesgaden geplant. Eigentlich hätte dieses bereits im Oktober realisiert werden sollen. »Wir planen das gemeinsam mit den Tourismus-Verantwortlichen.« Bergsport-Begeisterte sollen sich auf eine Vielzahl von Vorträgen freuen dürfen.

Kilian Pfeiffer


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