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Höhlenforscher Florian Schwarz erforscht den Berg von innen – Bericht in der ZDF-Sendung »TerraX«

Dem »Riesending« auf den Grund gegangen

Marktschellenberg – Das weitläufige Höhlensystem im Untersberg, besser bekannt als »Riesending«, wird am Sonntag um 19.30 Uhr Thema in der ZDF-Sendung »TerraX« sein. »Riesending«-Forscher Florian Schwarz hat im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« Einblicke in die spannende Arbeit gegeben.

Untersberg-Höhlenforscher Florian Schwarz war schon häufig im »Riesending«. Im »Berchtesgadener Anzeiger« berichtet er von seinen Expeditionen. Foto: privat

Für Sie als Forscher muss das »Riesending« etwas ganz Besonderes sein. Was ist das Faszinierende am Höhlensystem im Untersberg?

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Florian Schwarz: Zunächst die Tatsache, dass man mitten in seiner bayerischen Heimat Neuland betreten kann, dass es einfach noch unbekannte Erde in Deutschland gibt. Wir sind sehr dankbar für das Privileg, mit der »Riesending«-Schachthöhle ein derart bedeutendes Naturwunder erforschen zu dürfen. Gleichzeitig freuen wir uns aber auch sehr über das ungebrochene Interesse der Bevölkerung aller Untersberg-Gemeinden an unserer Arbeit. Da die Arge Bad Cannstatt das Stöhrhaus seit über 30 Jahren als Basislager für alle Forschungsvorhaben nutzt, sind wir auch sehr mit den alten und neuen Wirtsleuten verbunden.

Schon der Name deutet darauf hin: Das »Riesending« ist riesig. Wie weit verzweigt ist das Höhlensystem? Lässt sich abschätzen, wie viele Höhlenkilometer noch dazukommen könnten?

Schwarz: Seit Forschungsbeginn im Jahr 2002 haben wir bislang 19,2 Kilometer Ganglänge vermessen. Der aktuell tiefste Punkt der Höhle liegt in 1 148 Metern Tiefe unter dem Eingang. Was die mögliche Gesamtlänge anbetrifft, können wir nur spekulieren: Es gibt in der Tat einige Anhaltspunkte für eine mögliche Verbindung mit dem Gamslöcher-Kolowrat-Höhlensystem. Diese Höhle erstreckt sich auf der österreichischen Seite des Untersberges und ist mit über 38 Kilometern fast doppelt so lang. Auch die über 12 Kilometer langen Windlöcher könnten infrage kommen. In jedem Fall wird es nicht langweilig.

Expeditionen in den Untersberg sind nur mit großer Vorplanung zu realisieren. Wie groß ist der zeitliche Aufwand für den Ausflug in die Tiefe?

Schwarz: Wie sagt man so schön: Nach der Tour ist vor der Tour. In der Regel verschwinden wir zwei bis drei Mal im Jahr für jeweils eine Woche in der Höhle. Dies ist notwendig, da die Forschungsendpunkte mittlerweile erst nach zwei langen Anmarschtagen erreicht werden können. Damit dabei auch nicht das kleinste Ausrüstungsteilchen vergessen wird, planen wir in der Tat sehr akribisch.

Da geht schnell mal eine Woche an Vorbereitungsabenden drauf. Doch auch nach der Höhlenfahrt gibt es noch viel zu tun: Die Ausrüstung muss gereinigt und geprüft werden und die Messdaten in langen Stunden vor dem PC in die Vermessungssoftware eingepflegt und ins Reine gezeichnet werden. Aber auch die wissenschaftlichen Untersuchungen und Forschungen sind nur in Kooperation mit den Forschungsinstituten möglich, diese haben das Fachwissen und die Geräte für weitergehende Untersuchungen.

Das alles erfordert einen intensiven Austausch, wir sind das Auge für sie vor Ort und wir müssen deren Fragen und Arbeitsweise verstehen, um das Wichtige zu dokumentieren. Ein Projekt findet in Zusammenarbeit mit einer Doktorandin der LMU statt, wir unterstützen ihre Forschungen. Es geht im Prinzip darum, ob auch durch die Luft getragene Stoffe, zum Beispiel Saharastaub, nach der Ablagerung an der Oberfläche durch das Wasser in die Höhle transportiert werden. Welchen Einfluss hat dies auf die Pflanzenwelt an der Oberfläche, das ist eine Frage, der wir nachgehen.

Es stellen sich aber auch wieder viele neue Fragen und ermöglichen ein besseres Verständnis der Vielfalt der Natur.

Wie viele Leute gehen in den Untergrund?

Schwarz: Meist gehen wir zu viert oder zu fünft in die Höhle. Es ist auch eine Frage der Sicherheit, bei einem ernsten Unfall wäre ein Arzt mindestens zwei Tage in die hintersten Teile unterwegs. Und ein Transport wäre eine sehr aufwendige und langwierige Angelegenheit. Es ist ja heutzutage auch nicht so einfach, die Urlaube der Beteiligten darauf abzustimmen.

Das »Riesending« ist eine ganz eigene Welt. Was fasziniert Sie daran als Forscher besonders?

Schwarz: Die Vielseitigkeit der Fragestellungen. Die »Riesending«-Schachthöhle ist eine der wenigen Höhlen am Untersberg, die den gesamten Gebirgsstock vertikal von der Plateau-Oberfläche bis hinab zum Karstwasserspiegel durchzieht – ein Bilderbuchbeispiel für alle Beobachtungen rund um die Themen Höhlenentstehung und Hydrologie. Gerade für die Karstwasserforschung können wir mit unseren zahlreichen Messstationen wichtige Klimawerte liefern. Die von uns erhobenen Daten werden dann in enger Zusammenarbeit mit dem befreundeten Salzburger Forscher Georg Zagler und dessen Team ausgewertet.

Interessant sind auch die Auswirkungen der Eiszeiten auf die Höhlenentstehung. Besonders in den tagfernen Teilen der Höhle finden sich zahlreiche Sedimentlager, die von unterschiedlichen gletscherbedingten Überflutungen bereits trocken gefallener Höhlenteile berichten. Derartige Zeugen sind außerhalb der Höhle im Lauf der Zeit abgetragen oder zerstört worden. Das Wasser der Oberfläche fließt schnell in den Berg, mit ihm können aber auch Schadstoffe eingetragen werden. Die Wasserversorgung für Salzburg stammt zum Teil ja auch vom Untersberg und könnte dadurch unmittelbar betroffen sein.

Welche Gefahren lauern im Höhlensystem?

Schwarz: Die größte Gefahr ist unserer Meinung nach der Mensch selbst: Müdigkeit, Erschöpfung, aber auch Wagemut oder Überheblichkeit sind die ärgsten Unfallursachen. Ansonsten haben wir großen Respekt vor unerwarteten Niederschlägen und Steinschlag. Beide Faktoren kann man aber mit etwas Umsicht recht gut kontrollieren. Deshalb sollte auch nicht bis an die eigenen Grenzen gegangen werden, es muss immer noch eine Reserve für den Fall der Fälle vorhanden sein.

Wie schaut es bei Ihnen mit dem Thema »Angst« aus? Existiert diese? Wann steigt die Nervosität? Wann macht sich Panik breit?

Schwarz: Die »Riesending«-Schachthöhle ist ab dem ersten Meter eine technisch anspruchsvolle Schacht- und Wasserhöhle. Dafür sprechen allein die über neun Kilometer an Fixseilen in Schächten und Canyons. Dementsprechend ernst nehmen wir den Umgang mit dem Thema Risiko. Den Begriff der Angst möchte ich jedoch gerne mit Respekt und Ehrfurcht ersetzen. Wenn man ohne Respekt in die Höhle einsteigt, kann es in der Tat schnell gefährlich werden. Angst ist ein unkontrollierter Zustand. Dies gilt es unbedingt zu vermeiden, da man handlungsunfähig wird – was über kurz oder lang zu Panik führt.

Wir setzen deshalb auf ein ausgewogenes Tempo, ausreichende Pausen und einen durchdachten Seileinbau. Acht Biwaks bieten uns Erholung. Das Wichtigste ist jedoch das eingespielte Team, in dem sich keiner beweisen muss und jeder auf den anderen achtet. Wir haben die Höhle von Anfang an erforscht, wir sind mit ihr gewachsen, mit dem Alter wird man aber auch etwas ruhiger, ist noch erfahrener, weiß, auf was es ankommt.

Welche Ziele stehen in der Untersberghöhle als Nächstes an?

Schwarz (schmunzelt): Na ja, vielleicht treffen wir ja mal den Kaiser Karl. Nein, im Ernst: Eine Verbindung des »Riesendings« mit der Kolowrat-Höhle oder den Windlöchern – das wäre unser Traum. Kilian Pfeiffer