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Die Geschichte des Obersalzbergs

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Wegen Überfüllung zuletzt geschlossen: Der Obersalzberg-Kenner Florian Beierl referierte im Pfarrheim Berchtesgaden über den Berg, den Hitler als seinen zweiten Regierungssitz auserkoren hatte. Foto: Pfeiffer

Berchtesgaden – Dass der Vortrag von Obersalzberg-Experte Florian Beierl auf so große Resonanz stieß, damit hatte selbst der Referent nicht gerechnet. Über 250 Besucher folgten dem Thema des Abends, »Der Obersalzberg im Wandel der Zeit«.


Bei Weitem nicht alle Interessierten fanden aber einen Platz, mussten am Ende sogar draußen bleiben, denn das Pfarrheim in Berchtesgaden platzte aus allen Nähten. Ein Blatt Papier an der Eingangstür verkündete die unerfreuliche Nachricht: »Wegen Überfüllung geschlossen.«

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Geplant war das Referat von Florian Beierl im kleinen Rahmen. Ursprünglich sollten nur die Mitglieder der Kolpingsfamilie Berchtesgaden in den Genuss des Experten kommen. Thomas Zinner, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Berchtesgaden, entschuldigte sich daher zu Beginn vor versammelter Zuhörerschaft: »Es war mein Fehler, dass die Ankündigung öffentlich wurde.« Dass dem so war, sollte das Auditorium aber nicht weiter stören, immerhin konnten sie eineinhalb Stunden alles rund um den Obersalzberg erfahren. Von einem, der die Obersalzberggeschichte im Detail kennt und ein umfassendes Wissen über den Standort und dessen Bedeutung vor und während des Zweiten Weltkriegs besitzt. Zudem nennt Beierl ein einzigartiges Fotoarchiv sein Eigen, das Aufnahmen umfasst, die bislang nur wenige Personen gesehen haben. Umso erfreulicher war es, eine Vielzahl historisch relevanter Bilder gezeigt zu bekommen.

Der Obersalzberg war bis Ende des 19. Jahrhunderts eine »rein bäuerliche Angelegenheit«, wie der Referent erklärte, eine Hochgebirgssiedlung, in der die Landwirtschaft im Vordergrund stand. Das änderte sich spätestens mit den 1870er Jahren, als der Fremdenverkehr und die Sommerfrische Einzug hielten. »Seitdem man mit der Eisenbahn bis nach Reichenhall kam, reisten nun auch bedeutende Persönlichkeiten aus bürgerlichen Kreisen in der Region an. Vier bis sechs Wochen lang dauerte der typische Sommerfrische-Aufenthalt, zu dem man mit der gesamten Familie anreiste – oftmals begleitet von Personal, das in dieser Zeit ebenfalls ein Dach über dem Kopf benötigte.

Bilder vom Vortrag:

Prominente Gäste

In dieser Zeit, erzählte Beierl, erwarb auch Mauritia Mayer das alte Bauernanwesen »Steinhaus« auf dem Obersalzberg. Finanzielle Unterstützung erhielt sie von bedeutenden Persönlichkeiten, etwa dem Maler Gustav Spangenberg. Auch Carl von Linde, der deutsche Ingenieur, Erfinder und Gründer des heute international agierenden Konzerns, der Linde AG, stieg in der Pension ab. Mayer gestaltete das bislang primitiv eingerichtete Steinhaus in eine Fremdenpension um und eröffnete sie 1878 unter dem Namen »Pension Moritz«, die rund 40 Jahre später in Platterhof umbenannt wurde. Der Obersalzberg wurde damit zu einer der Wiegen des Tourismus in Berchtesgaden. Viele prominente Gäste fanden hier eine Unterkunft, sagte Beierl, darunter Clara Schumann, Ludwig Ganghofer oder Johannes Brahms.

Auch auf Adolf Hitler, der in frühen Jahren unter falschem Namen in Berchtesgaden anreiste, übte der Obersalzberg eine besondere Faszination aus. Dort traf er sich mit Dietrich Eckart, jenem völkischen Dichter, der als Ideengeber Hitlers galt und wegen Beleidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert per Haftbefehl gesucht wurde.

Hitler, so Beierl weiter, war auf Hilfe angewiesen. Diese habe er in umfassendem Maße bekommen, wurde am Berchtesgadener Bahnhof unter dem Decknamen »Hugo Wolf« abgeholt. Mit der Familie Bechstein, Helene und Edwin, hatte er Gönner und Verehrer gefunden, die ihm den Tipp gaben, dass ein Häuschen am Obersalzberg zu vermieten sei, der spätere Berghof. Dieser wurde 1916 als Landhaus Wachenfeld für einen norddeutschen Kaufmann errichtet. Zwölf Jahre später war das Landhaus Hitlers gemietetes Feriendomizil, das er nach der Machtübernahme kaufte und es anfangs vom Architekten Alois Degano, dann Roderich Fick zum Berghof ausbauen ließ. »Hier oben in den Bergen sieht man viel klarer als unten unter den Menschen«, wird Hitler zitiert. Berlin, so Beierl, mochte Hitler nicht wirklich. Viel wohler fühlte er sich in München oder auf dem Obersalzberg. »Hitler hatte große Gefühle für die Landschaft und die Umgebung«, so Beierl.

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Der Obersalzberg-Kenner Florian Beierl Foto: Pfeiffer

Viele Enteignungen

In der Folge beauftragte er Martin Bormann, das Gebiet des Obersalzbergs, das von der NSDAP erworben war, abzusichern. 1 019 Hektar Fläche wechselten den Besitzer, einher gingen 104 Grundstücksübertragungen und viele Enteignungen. Nahezu der gesamte Ortsteil inklusive des Kehlsteins wurde ab 1933 zum Führersperrgebiet ausgebaut. Sowohl die einheimische Bevölkerung als auch die Zweitwohnsitz-Inhaber wurden dazu abgesiedelt. Nicht Verkaufswillige wurden mit angedrohter und zum Teil vollzogener Haft im KZ Dachau zum Verkauf ihrer Grundstücke gezwungen. Um den Berghof herum gruppierten sich nun die Häuser aller wichtigen NSDAP-Politikergrößen.

Hitler hielt sich häufig am Obersalzberg auf, um von hier, seinem zweiten Regierungssitz, die Geschäfte zu führen. »Er verbrachte dort oben etwa ein Drittel seiner Regierungszeit, insgesamt mehrere Jahre, in denen teils weitreichende Entscheidungen getroffen wurden. Staatsgäste reisten an, etwa der britische Premierminister Arthur Neville Chamberlain. Ein Treffen mit Hitler in seiner Obersalzberger Residenz galt als besonderes Ereignis.« Auch, wenn es oftmals anders berichtet wird, hatte Eva Braun, Hitlers Weggefährtin und Freundin, kaum Mitspracherechte, obwohl ihr Hitler ein eigenes Appartment zur Verfügung stellte. »Sie hatte keinen großen Einfluss auf ihn.«

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Überfüllung: Nicht alle, die dabei sein wollten, durften rein. Foto: Pfeiffer

Interessante Geschichten

Mittlerweile war auch die ehemalige Pension Moritz, der Platterhof, dem Führersperrbezirk einverleibt worden. Eigentümer Bruno Büchner war verunglimpft worden – es hieß, seine Speisen seien verdorben und er sei vorbestraft. 1936 wurde der Platterhof von SS-Leuten geschlossen. Die Büchners erhielten 260 000 Reichsmark, nur rund die Hälfte des von ihnen gewünschten Kaufpreises, und mussten den Obersalzberg verlassen.

Vor allem Florian Beierls eingestreute Geschichten, auf die er im Laufe seiner Recherchen gestoßen war, weckten das Interesse der Zuhörer. So erzählte Beierl etwa von einem Vorfall im Berghof. Dort hatte ein Zimmermädchen, das aus Maria Gern stammte, Schmuck gestohlen. »Die Sache ging hoch bis zu Heinrich Himmler«, so der Obersalzberg-Experte. Anstatt ins Konzentrationslager zu kommen, wurde sie auf Weisung schließlich doch »nur« ins Berchtesgadener Gefängnis gebracht und musste mehrere Stockhiebe über sich ergehen lassen.

Die Befreiung des Obersalzbergs, dessen Bunkeranlagen zu diesem Zeitpunkt erst zu zwei Dritteln fertiggestellt waren, fand schließlich am 25. April 1945 statt, als 359 britische »Lancaster«-Bomber den Obersalzberg angriffen. 28 Menschen starben. Auch, wenn die Amerikaner zuerst ihre Fahne hissten, seien es doch die Franzosen gewesen, die einen Deut schneller auf dem Obersalzberg angekommen waren, sagt Beierl. Allerdings hatten sie keine geeignete Fahne mit dabei. Kilian Pfeiffer