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Jawad Nabizada stammt aus Afghanistan.

Laiendolmetscher händeringend gesucht – 13 Freiwillige haben sich ausbilden lassen

Berchtesgadener Land – Mit ihren Sprachkenntnissen wollen sie als Laiendolmetscher anderen helfen: Jawad Nabizada spricht Dari und Farsi. Valeriia Zhyvaha stammt aus dem Donbass, beherrscht Ukrainisch, Russisch und Englisch. Alain Féry ist Franzose, Wahib Elaiwah hat arabische Wurzeln. Kurz vor ihrer Abschlussprüfung sprechen sie über ihr ehrenamtliches Engagement, in das sie viel Zeit investieren: »Vor drei Jahren habe ich mich selbst noch als Flüchtling gefühlt und möchte das nun zurückgeben«, sagt etwa die Ukrainerin Vitalina Lukovkina.


Prüfung unter realen Bedingungen

Dolmetschen erfordert Konzentration: Die Teilnehmer des Ausbildungskurses, die sich an einem Wochenende im April im Landratsamt zusammengefunden haben, büffeln dort für ihren Abschluss. Es wird eine Prüfung unter realen Bedingungen sein. Nach über 30 Theoriestunden und einigen Praxiseinheiten können sie sich bei Erfolg dann als Laiendolmetscher bezeichnen und etwa im Auftrag des Landkreises bei Behördengängen oder vor Gericht unterstützen.

Nach der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 und dem Kriegsbeginn vor rund zwei Monaten in der Ukraine ist der Bedarf an Dolmetschern nicht nur im Berchtesgadener Land so groß wie nie. Das Landratsamt Berchtesgadener Land sucht händeringend nach weiteren Ehrenamtlichen. In den vergangenen fünf Jahren wurden bereits 36 Laiendolmetscher ausgebildet. 30 sind noch aktiv im Einsatz. Der Bedarf bleibt weiterhin groß. Astrid Kaeswurm, die Integrationslotsin des Landkreises, freut sich, denn die Resonanz für den aktuellen Kurs ist größer als gedacht. 13 Teilnehmer hatten sich dafür angemeldet. Sie stammen aus den unterschiedlichsten Ländern: Afghanistan, Ukraine, Indien, Russland und Frankreich. Jeder von ihnen beherrscht Deutsch, zudem die eigene Muttersprache, manche weisen weitere Sprachkenntnisse auf.

Eingesetzt werden die Laiendolmetscher, wenn die Verständigung zur Hürde wird und die Kommunikation in der Behörde oder beim Arztbesuch andernfalls nicht möglich wäre. Antje Bommel stammt aus der Nähe von Landsberg am Lech, sie ist selbstständige Übersetzerin und Dolmetscherin. Nach der Flüchtlingsbewegung 2015 hat sie einen Ausbildungslehrgang entwickelt. Sie wird von Landratsämtern deutschlandweit gebucht. Mehrfach hat Bommel für die Behörde mit Sitz in Bad Reichenhall bereits gearbeitet. Sie betreut die 13 angehenden Dolmetscher mehrere Tage lang – viel Theorie, viel Praxis, Situationen aus dem Alltag eines Laiendolmetschers werden dabei nachgespielt.

Beitrag für die Gesellschaft

Jasmin Khalil hat einen ägyptischen Vater. Sie ist Deutsch-Österreicherin und hat viele Jahre im Ausland gelebt. Sie sagt: »Ich möchte einen Beitrag für die Gesellschaft leisten.« Bald steht Khalils erster Einsatz an. Sie soll einen Klienten bei einem Behördengang begleiten. Angela Grimm hat bereits Erfahrung im Dolmetschen. Grimm ist Ingenieurin, 14 Jahre lebte sie im Ausland, arbeitete unter anderem in Westafrika, spricht Englisch, Norwegisch, Dänisch und Schwedisch. Drei Dolmetscher-Einsätze auf Englisch hat sie bereits hinter sich. Momentan ist die Nachfrage nach Englisch aber gering, weiß man im Landratsamt.

Vitalina Lukovkina ist 27 Jahre alt. Sie ist Ärztin, stammt aus der Ukraine, wartet auf eine Zulassung, um in der Medizin zu arbeiten. »Ich will meine Landsleute unterstützen«, sagt die Ukrainerin. Das Laiendolmetschen bereite ihr viel Freude. In den vergangenen Wochen war sie im Dauereinsatz, »jeden Tag war ich zu Gast im ehemaligen Hotel »Axelmannstein«, wo Flüchtlinge ankommen, und habe gedolmetscht«. Lukovkina hat für das Landratsamt und die Caritas zahlreiche Gespräche mit Kriegsflüchtlingen geführt, die nun im Landkreis leben. Integrationslotsin Astrid Kaeswurm rät ihr: »Übernimm dich nicht.«

Laiendolmetscher werden von Betroffenen häufig als Gesprächspartner konsultiert. Sie sind die Einzigen, die die Sprache verstehen. Allerdings müsse genau das ausgeschlossen werden, sagt Antje Bommel. Es gelte, eine professionelle Distanz zwischen Dolmetscher und Klient zu wahren. Dolmetschen ist mehr als die Übersetzung von Sprache. »Es ist manchmal auch eine interkulturelle Erklärung«, sagt Antje Bommel. Kulturen ticken anders. »In Deutschland setzt man bei Terminen auf Pünktlichkeit, in anderen Kulturkreisen gibt es das nicht.« So etwas müsse erklärt werden.

Auf einer Tafel präsentiert die Ausbilderin auf bunten Zetteln eine Art Fahrplan. Denn beim Laiendolmetschen gilt vieles zu beachten. Kurze Sätze beim Übersetzen, nichts weglassen, Gesten beim Dolmetschen vermeiden. »Fachausdrücke müsst ihr euch erklären lassen«, rät Antje Bommel. Wenn etwas unklar ist, soll man als Dolmetscher nachfragen. »Und beachtet: Ihr untersteht der Schweigepflicht.« Nur bei großer Belastung sei es den Laiendolmetschern möglich, sich mit einem Psychologen auszutauschen. Tatsächlich haben mehrere der Beteiligten eine Fluchtgeschichte hinter sich. Damit erneut konfrontiert zu werden, kann zur Belastungssituation werden, weiß Integrationslotsin Kaeswurm. Die Bereitschaft zu helfen, ist bei den Laiendolmetschern in Ausbildung enorm hoch. Jawad Nabizada stammt aus Afghanistan. Er ist jetzt seit sechs Jahren im Berchtesgadener Land, spricht gutes Deutsch. Er bereitet sich momentan auf den Schulabschluss vor, möchte dann eine Ausbildung als Handwerker beginnen. »Heizung und Sanitär«, sagt er. Im Norden des Landkreises, in Laufen, betreut er eine afghanische Familie. »Das mache ich sehr gerne.« Die Familie des Ukrainers Dmitry Skyrta wurde vor wenigen Wochen in einer Familie in Bischofswiesen aufgenommen. »Ich habe eine Verpflichtung, etwas zurückzugeben«, sagt Skyrta. Er freue sich darauf, mit anderen kommunizieren und sie bei ihrer Ankunft in Deutschland unterstützen zu können.

Sechsstündiger Crashkurs

So geht es auch Alain Féry, gebürtiger Franzose, der als Student nach Salzburg und so auch nach Freilassing kam, dort die Liebe seines Lebens traf. »Ich bin dann einfach geblieben«, sagt er. Französisch und Englisch sind seine Sprachen. Über die Caritas hat er Dolmetschaufträge erhalten, war Teil einer Helfergruppe in Freilassing. Auch Basira Yosufzai ist guter Dinge, beim Dolmetschen im Landkreis gebraucht zu werden: Dari, Farsi, Paschto, Urdu und Englisch beherrscht sie, um die Sprachen ins Deutsche zu übersetzen.

Weil die Nachfrage nach Laiendometschern groß ist, hat Antje Bommel nun auch einen Crashkurs entwickelt. Anstatt in 30 Stunden sollen Interessierte nur sechs Stunden benötigen, um dolmetschen zu dürfen. Die verkürzte Ausbildung soll den Zugang zum Ehrenamt erleichtern. »Seit dem Ukrainekrieg wird jeder Dolmetscher gebraucht«, sagt Antje Bommel.

Kilian Pfeiffer