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Lebensprofi und Medikamentensammler

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Melodie-Erkennungsspiel mit dem Penner: Andreas Giebel in Hochform. (Foto: Tessnow)

Berchtesgaden – Das Münchner Urviech war da. Der Giebel Andreas. Mit seinem aktuellen Soloprogramm »Das Rauschen in den Bäumen« kabarettierte er grotesk im Großen Saal des Kongresshauses. Dabei zeigte er sich nicht zwingend als Kalauertyp. Auch nicht als Witzeautomat vom Fließband. Der mehrfach ausgezeichnete Schauspieler, auch bekannt aus der erfolgreichen TV-Serie »München 7«, überzeugte am Donnerstagabend als Realsatiriker, Lebens- und Charakteranalytiker. Zwei Stunden philosophierte Giebel über gescheiterte Existenzen des »alltäglichen Alltags«.


Auf der Bühne ein Tisch, ein Stuhl, ein Kleiderständer. Und Giebel. Der setzt sich, steht immer wieder auf, fuchtelt mit den Armen herum und grantelt. Über Leute, denen er täglich begegnet: der Blumenverkäuferin, dem Maler, dem Drogeriebesitzer, dem Penner.

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»Was ist nur los mit den Leuten?« Diese Frage muss sich Andreas Giebel dabei immer wieder stellen. Um glücklich zu sein, hat der Mensch ja eigentlich 24 Stunden pro Tag Zeit. Aber ewig kommt etwas in die Quere. Manchmal von anderen, meist aber von einem selbst. Giebel demonstrierte, wie sein menschliches Umfeld regelmäßig das Wesentliche im Leben aus den Augen verliert und bei der permanenten Suche nach Glück chronisch scheitert. Mit spitzfindigen Anekdoten offenbarte der Kabarettist eine große Palette an Wesensdefiziten.

Da ist zum Beispiel Klaus. Der Penner. Er sitzt lächelnd auf einer Parkbank, wissend, nichts mehr zu versäumen. Er hört nichts, als das Rauschen in den Bäumen. Im Dialog mit sich selbst lief Giebel bei einem Melodie-Erkennungsspiel zu Hochtouren auf. Anton hingegen vertraut einem kleinen Bildschirm in der Hand sein ganzes Leben an und kommuniziert nur noch elektronisch.

Aber auch Giebel kennt seine eigenen Macken und sparte nicht mit Selbstironie. Provokant wackelte er dabei an seiner Wampe herum, die er jetzt angeblich besser im Griff hat. Grund dafür ist sein neues Hobby: Medikamente sammeln.

Giebel gestaltet sein Kabarett schematisch ähnlich wie Altmeister Polt. Trocken, sachlich aber dadurch besonders zielsicher. Seine Bühnenfiguren spielte er authentisch und zog sie ins Lächerliche. Analytisch zeigte er zwischenmenschliche Kommunikationsdefizite auf und schlüpfte in jeden Menschenschlag. Melancholisch oder motzend. Immer aber bayerisch selbstsicher mit markanter Mimik. Der Münchner wirkte dadurch erschreckend offenbarend und gleichzeitig fürchterlich sympathisch. Dabei immer mit brummigem Grundton. So kennt man ihn. Giebel spottete subtil. Das reicht. Denn der Alltag reicht als Themenfundus.

Vor rund 200 Zuhörern glänzte der prämierte Kabarettist mit seinem breiten Spektrum an Humor und Schauspielkunst. Immerhin steht er seit mehr als 30 Jahren auf der Bühne und präsentiert mittlerweile sein zehntes Soloprogramm.

Andreas Giebel wurde 1958 in München geboren. Er wurde mit dem Deutschen Kleinkunstpreis, dem Bayerischen und dem Deutschen Kabarettpreis ausgezeichnet. Als Serien-Schauspieler erlangte er große Beliebtheit in der Rolle des regionaltypischen Polizeihauptmeister »Xaver Bartl« in der TV-Serie »München 7«. Giebel ist verheiratet und Vater von vier Töchtern. Jörg Tessnow