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Der niederländische Dürer zieht Renaissance-Freunde bis 24. September in die Staatliche Graphische Sammlung München

Ein Wunderkind namens Lucas van Leyden

Einer der ganz Großen der bildenden Künstler Europas, mehr noch: der bedeutendste niederländische Kupferstecher der Renaissance war Lucas van Leyden. Ihn nicht zu kennen ist keine Schande. Selbst Graphik-Freaks könnte dieser Name in der Liste der Verehrten fehlen. So zieht es derzeit Kunstliebhaber in die Staatliche Graphische Sammlung, eine der Abteilungen der Münchner Pinakothek der Moderne.

Lucas van Leyden erzählt als Kupferstecher anschaulich aus dem Leben der biblischen Kurtisane Maria Magdalena. Das war vor 502 Jahren. (Foto: Gärtner)

Bis 24. September ist noch Zeit, besagten Lucas van Leyden kennenzulernen. Täglich außer Montag von 10 bis 18 (Donnerstag bis 20) Uhr ist die Ausstellung »Lucas van Leyden, 1489/94 – 1533, Meister der Druckgraphik« geöffnet.

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Schon im Ausstellungstitel stutzt man vielleicht über die ungeklärte Datumsangabe. Das Geburtsjahr des großen Holländers ist bis heute unklar. Nur sein Todesjahr lässt keine Zweifel zu: 1533. Alt ist der Mann also nicht geworden. Das Schicksal teilt er mit manchem seiner Zeitgenossen aus derselben Branche, etwa Raffael, dessen Geburtsjahr ebenfalls nicht so eindeutig ist wie sein Sterbejahr 1520.

Van Leyden gilt als Wunderkind. Schon der neunjährige Spross eines Leidener Malers soll in Kupfer gestochen haben, und das gar nicht schlecht. Zwar malte er später auch recht gut, aber van Leydens Leidenschaft gehörte der Kunst der Kupfertafelgravur, die er sich, soweit bekannt, selbst beigebracht hatte. Der kaufmännische Erfolg seiner Blätter war so enorm, dass er gut davon gut leben konnte. Sein Vorbild war der Nürnberger Albrecht Dürer. 1521 trafen die beiden sich in Antwerpen. Da porträtierte Dürer seinen Gesprächspartner, und dieser tauschte, wie nett, alle bis dato gefertigten Stiche gegen mehrere Blätter des älteren Kollegen aus Franken. Mit dem Italienkenner Jan Gossart, genannt Mabuse, bereiste van Leyden 1525/27 Flandern und Brabant. Er starb, von seinen Zeitgenossen, allen voran Rembrandt, hoch verehrt in seiner Heimatstadt Leiden.

In Münchens Pinakothek der Moderne sind nun erstmals gut 80 Arbeiten Lucas van Leydens zu bestaunen. Die glückvolle Kuratorin Susanne Wagini bietet eine »prononcierte Auswahl aus dem reichen Bestand der Staatlichen Graphischen Sammlung München. Sie vermitteln eine umfassende Vorstellung vom künstlerischen Entwicklungsprozess Lucas van Leydens, von seinen Anfängen um 1506 bis in sein letztes Schaffensjahr«. Wagini lobt van Leydens großes Geschick in der Technik des Kupferstechens und Radierens sowie seine Vorliebe für feine Linien.

Schon der italienische Kunstexperte Giorgio Vasari lobte van Leydens Fähigkeit, Tiefenräume zu erzeugen. Diese ist zum Beispiel an einem seiner großformatigen Hauptwerke »Der Tanz der Maria Magdalena« (1519) ablesbar. Das Blatt enthielte, so die Kuratorin, bestechende erotische Details, so dass der christliche Aspekt der biblischen Kurtisane in den Hintergrund rückte. Erotisches, seelische Zustände und Beziehungen gesellschaftlich Geächteter seien auf van Leydens Blättern zu genüge abzulesen. Rätselhaftes findet Wagini in van Leydens posthumem Bildnis des Kaisers Maximilian I. (1520), einer gelungenen Kombination von Radierung und Kupferstich.

Lucas van Leyden wollte mit seinen Themen – von der Genesis über Christi Leidensgeschichte bis hin zu Heiligendarstellungen und so hintergründig-volkstümlich-rustikalen Sujets wie »Die Milchmagd« von 1510 – das einfache Volk amüsieren, unterrichten und erbauen. Van Leydens erzählerisches Talent mit dem Grabstichel ist unübersehbar.

Wer durch die Ausstellung geht und, vielleicht gar mit einer Lupe bewehrt, die feinen Kupferwerke betrachtet, kommt aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus. Er wird wahrnehmen, dass der Künstler stets das »L« als Abkürzung (bei Dürer waren es die Buchstaben A und D) verwandte und nie die Jahreszahl der Entstehung eines Blattes vergaß. »1510« und ein unübersehbar großes »L« steht denn auch auf einem Felsblock, der das Blatt »Das große Ecce Homo« (294 x 223 Millimeter) unten rechts abschließt. Wird der für die Ausstellung erstellte Flyer mit heimgenommen, ist dieser »echte« van Leyden an die Wand zu posten. Hans Gärtner