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Probefahrt ins Paradies

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In dieser Szene steht der Brandner Kaspar vor dem Tor ins Paradies: (von links) Erzengel Michael (Nico Foltin), Petrus (Peter Fischer), Brandner Kaspar (Hanno Sollacher), Tod (Andreas Kern) und Herr Schmidt (Florian Bauer). (Foto: Heel)

Der Tod ist ein nervöser Geselle. Denn just in dem Moment, als er den Brandner Kaspar bestimmungsgemäß abholen soll, legt der alte Bauer (und Wildschütz) auf einen Hirsch an und feuert. Und erschreckt den Boandlkramer damit derart, dass er stattdessen Kaspars Begleiter, den Knecht Anderl, einkassiert.


Zwar kann die eiligst herbeigerufene Hl. Notburga den Schaden wieder beheben, doch für den Brandner hat der Tod jetzt keine Zeit mehr. Er hat einen Termin beim Bürgermeister von Mittenwald, und das geht vor. So spannend und zugleich amüsant beginnt in der Inszenierung des Tegernseer Volkstheaters die (zumindest in Bayern) allseits bekannte »G’schicht vom Brandner Kaspar«. 1871 von dem Mundartdichter Franz Ferdinand von Kobell (1803 bis 1882) veröffentlicht, umfasst sie ursprünglich nur wenige Seiten und erzählt von einem Büchsenmacher am Tegernsee, den der Tod holen will. 1934 von Josef Maria Lutz mit »Der Brandner Kaspar schaut ins Paradies« erstmals dramatisiert, wurde die Geschichte mittlerweile auch mehrmals verfilmt, wobei jüngeren Zuschauern vor allem die Verfilmung von Joseph Vilsmaier aus dem Jahr 2008 bekannt sein dürfte, mit Michael Bully Herbig als Boandlkramer und Franz Xaver Kroetz als Brandner Kaspar.

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Fast schon legendär ist aber die von Kobells Ururgroßneffen Kurt Wilhelm geschriebene und inszenierte Fassung von 1975, die als »Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben« bis 2001 über 1000 Mal auf dem Programm des Bayerischen Staatsschauspiels stand und von über 60 Bühnen übernommen wurde. Wilhelm fügte auch die zahlreichen, stark humoristischen »himmlischen« Szenen hinzu. Gerade diese Szenen sind in der Fassung vom Tegernseer VT, geschrieben von Andreas Kern, der auch Regie führte und den »Boandlkramer« spielte, neu gestaltet. Neu und überaus einfallsreich, denn nun herrschen statt himmlischer Harmonie Chaos und Aufregung, ausgelöst durch einen so pedantischen wie cholerischen preußischen Abgesandten namens Schmidt (Florian Bauer), der infolge eines bayerisch-preußischen Personalaustausches die himmlische Buchführung übernommen hat. Und bald schon Grund zum Ausflippen hat.

Denn auf Erden geht die Geschichte ihren gewohnten Gang. Als der Tod wieder beim Brandner anklopft, wird er vom Brandner erst mit reichlich Kirschgeist abgefüllt und dann zu einem Kartenspiel überredet. Aber »weil man im richtigen Leben um etwas spielt«, so der Brandner, willigt der Boandlkramer schließlich ein, den Brandner 90 Jahre alt werden zu lassen, sollte der gewinnen. Was dem Schlitzohr mithilfe einer versteckten Karte natürlich auch mühelos gelingt. Doch damit nicht genug: Im Wissen um seine vorläufige »Unsterblichkeit« haut der Brandner anschließend derart auf die Pauke, dass er ständig gefragt wird, woher er den Schneid dazu hernehme. Seine Antwort: »Ich hab halt einen guten Schutzengel.«

Der Boandlkramer, mittlerweile von Herrn Schmidt ob seines Deals arg gescholten und mit Entlassung bedroht, sieht nur einen Ausweg: Er muss den Brandner zu einem Blick ins Paradies überreden, wo seine geliebte Frau und seine beiden Kinder, allesamt früh verstorben, auf ihn warten. Nur dumm, dass im Himmlischen Gesetzbuch (HGB) dergleichen nicht vorgesehen ist, sodass Herr Schmidt strikt dagegen ist. Ja, er droht seinen Vorgesetzten, also Petrus und dem Erzengel Michael, sogar mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde, sollten sie dem Vorhaben zustimmen. Die beiden kennen das HGB aber besser bzw. können es kreativer auslegen, frei nach der Devise: »Maul halten und kooperieren.« Herr Schmidt fügt sich notgedrungen, und Erzengel Michael konstatiert zum Finale trocken: »Jetzt hamman katholisch g’macht.«

Glücklich gemacht hat die Aufführung hingegen das Publikum, das nicht nur eine originelle und schön kurzweilige Fassung der berühmten Geschichte präsentiert bekam, sondern sich auch den durchgehend starken Leistungen der Schauspieler erfreuen konnte. So agierte Multitalent Andreas Kern als Boandlkramer in Tonfall, Mimik und Gehabe derart überzeugend, dass er einen Vergleich mit seinem großen Vorgänger auf der Bühne, dem unvergessenen Toni Berger, nicht zu scheuen brauchte. Auch Hanno Sollacher wurde seiner Rolle als schlitzohriger, aber vom Leben gebeutelter Brandner absolut gerecht und verlieh seiner Figur neben Witz und Bauernschläue auch emotionale Tiefe. Und Florian Bauer gestaltete mit viel körperlichem Einsatz seinen Part so, wie man sich einen preußischen Beamten vorstellt: wichtigtuerisch, selbstgerecht und absolut humorlos.

In weiteren Rollen glänzten noch Peter Fischer (Petrus), Nico Foltin (Jäger/Erzengel Michael), Nicola Pendelin (Fanny), Barbara Kutzer (Hl. Notburga/Bauersfrau), Ben Frank (Anderl), Christina Kern (Ehefrau Brandner) sowie Kevin Schellhase. Wolfgang Schweiger